Literatur

Annäherung an einen Abenteurer

1945 1960 1980 2000 2020
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Auch am 31. Juli 2019, dem 75. Todestag von Antoine de Saint-Exupéry, wird man immer noch nicht wissen, wie es zum Absturz seines Aufklärungsflugzeugs an der ­Küste Marseilles gekommen ist. Der kleine Band „Über dem Meer“ beinhaltet eine mögliche Version dieses Schicksalstages. Der Grazer Autor, Nachfahre des großen Johann Nepomuk, Urologe von Beruf und Literat aus Leidenschaft, schreibt dem Schicksal des auf seinem letzten Aufklärungsflug verschollenen Erschaffers des ­Kleinen Prinzen eine ganz bestimmte Mission ein: Der Abenteurer der Lüfte hatte vorgehabt, zwei verletzte Freunde der Résistance aus Südfrankreich auszufliegen. Die unbewaffnete Aufklärungsmaschine gerät aber ins Visier eines deutschen Kampffliegers und wird abgeschossen. Das ist eine Version, den bislang nicht geklärten Tod von Saint-Exupéry zu erzählen. Es könnte so gewesen sein. Bis vor Kurzem wusste man nicht, wo das Flugzeug abgestürzt war. 2004 fand ein Taucher vor der Küste Marseilles Wrackteile, die man ­Saint-Exupérys Flugzeug zuordnen konnte. Bereits zuvor hatte ein Fischer ebendort ein Silberarmband ­Saint-Exupérys gefunden. War der Absturzort klar, blieben Fragen zur Absturzursache. Irritierend für die Biografen war stets, dass ­Saint-Exupéry auf seinem letzten Aufklärungsflug mit Sicherheit die vorgegebene ­Route geändert haben ­musste, aber ­warum?

Hier setzt Nestroy an. Das Büchlein widmet den Hauptteil letzten Lebens- und Glücksaugen­blicken des Fliegers, berichtet über seine Flugmissionen und vom Erleben „über dem Meer“. Nestroy schreibt keine Biografie, vielmehr arrangiert er Bilder aus dem Leben des Bohemien. Wir erfahren von der frühen Flugleidenschaft des kleinen Antoine – und seiner Liebe zu Rosen. Einzelne Zitate aus seiner Korrespondenz zeigen anschaulich seine Lebenshaltung: eine humane Grundstimmung, von lebenslangem Suchen geprägt; den Pazifisten, der sich aufmacht, abgestürzte Kameraden zu bergen. Es spricht bei all dem für Nestroy, dass er jeder Versuchung widerstand, aus Anlass seines prominenten Helden selbst zu versuchen, in himmlische Höhen philosophischer Weisheit aufzusteigen, vielmehr bleibt er ganz beim „Gegenstand“, der Hauptfigur, ihrem Schicksal und unberechenbaren Lebensweg. Er entwickelt seine Erzählung bis zu dem von ihm imaginierten Höhepunkt: Es ist sein persönliches Buch über den fliegenden Philosophen, der wusste, dass Freude nie vorausberechenbar ist.

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