Julia Rhomberg verschmilzt Wirklichkeitspartikel mit persönlichen Impressionen.

Gedankenspiele auf Reisen quer durch die Welt und die Natur sind der thematische Soundtrack in Julia Rhombergs Lyrikband Grashalme Statisten, in dem sie ihre poetischen Bögen von Europa bis nach Brasilien und Indien spannt. Reise, Natur und Ich quasi als Programm. Der schweigende brasilianische Sommer, flirrende Hitze oder schlummernde Oliven wecken Erinnerungen an Südseegefilde. Palmen säumen das James-Bond-Panorama, das bis zum Zuckerhut am Buchtende reicht, während die Hauseingänge in Rio de Janeiro am Abend im Schatten verschwinden und das Licht des Mondes Schläfer auf Gehsteigen sichtbar macht. Mit genauem Blick betastet Rhomberg Naturphänomene, Stadtbilder oder bloß Einzelheiten, ähnlich einer Kamera, die das Detail heranzoomt und aufnimmt. Dabei beschränkt sie sich auf wenige Worte, oft Einwortverse, quasi poetische Pinselstriche, die genügen, um Atmosphäre einzufangen und sie lyrisch auszuloten.

So wächst auch in Brasilien die Zeit unterirdisch eindimensional: "stalaktiten / stalagmiten // klingende tropfen verrinnen / zu echos aus kalk / … im lampenschein / tänzeln die / schatten / wessen ideen?" An anderer Stelle heißt es: "kein glockenschlag / überrascht die / zeit". In bunten Bildern verdichtet sie eindringliche Situationen, die nachwirken und Stimmungen evozieren: "sätze langsam wie / das fallen der // blütenblätter des / jacarandabaums // auf der holzveranda".

Im Karussell der Schauplätze packt man mit Rhomberg den Koffer und reist weiter - zum Beispiel nach Italien. Einige dieser Gedichte stehen auch in italienischer Sprache da. Das Besondere an dieser Lyrik ist, dass es Rhomberg meisterhaft gelingt, aus dem Kaleidoskop der Wirklichkeit jene Partikel herauszugreifen, die das Zeug zu einem stillen, in sich ruhenden, auch kritischen Bild haben. Ein Ausschnitt nur, eine kleine Sequenz genügt, um einen Gedankenfaden abzurollen und weiterzuspinnen und der Idylle einen Riss zuzufügen. Rhomberg fixiert das Realitätsfragment und stülpt den inneren Blick nach außen. Man mag sie sich vorstellen, die kalabresischen, schwarz gekleideten Frauen, die "auf winzigen balkonen … ihre tage / in immergleiche / rahmen" sticken: "darin steht // das kräutlein / ich will gibt es nur in den / gärten des königs // wohin keine gelangt / selbst die königin nicht / … spring / durch den rahmen, / raffaella".

Besonders vertraut sind die lyrischen Reflexionen, die Innsbruck oder Osttirol betreffen. Wer die Berge kennt, weiß, dass das Licht im engen Tal ein Elixier ist, wenn der Herbst kommt. Mit gelungenen Versen fängt sie die Veränderungen und Schattierungen des Lichts im Jahreszeitenrhythmus ein: "frühjahrslicht hinter schneekuppen / die sommeralm rosenpostgroß // bald fallen die herbstgrenzen / beginnt's feilschen ums licht // das überwintern in eisschatten / in sprüngen und spiegeln // im tal, wenn man festsitzt".

Und Indien? Hier hört man von tausend tibetischen Mönchen, von der Farbenpracht der Möbel, vom Moskitonetz, das auch gegen Kakerlaken schützt, und man erahnt sie, die "schallende / litanei aus dunkelrot / und gold" im Tempel vor unzähligen Pilgern.

Rhombergs Gedichte bilden nicht bloß Momentaufnahmen ab, sondern verschmelzen zu sehr persönlichen Impressionen, in denen das Ich sich behutsam eine eigene Sicht von Welt aneignet, selbst dann, wenn es in die Emigration gehen muss: "niederlassung in / buchstabenlücken // auf sprachinseln // die halbwertszeit / der losungsworte // von generation / zu generation // nichts sprechen / sprechen // von damals / und mohn".

Grashalme Statisten

Gedichte von Julia Rhomberg

Haymon Verlag, Innsbruck 2006

90 Seiten, geb. € 14,90

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