Manchester - © Foto: Getty Images / Universal Images Group / Universal History Archive

„Der Abstinent“: Im Schatten der Gewalt

1945 1960 1980 2000 2020

Ian McGuires neuer Roman „Der Abstinent“, angesiedelt im Manchester des Jahres 1867, stellt die Frage, ob der Einzelne aus einer Spirale der Vergeltung ausbrechen kann.

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Ian McGuires neuer Roman „Der Abstinent“, angesiedelt im Manchester des Jahres 1867, stellt die Frage, ob der Einzelne aus einer Spirale der Vergeltung ausbrechen kann.

Wenn sich Konflikte nicht beilegen lassen und auf Brutalitäten der einen Seite umgehend Brutalitäten der anderen folgen, spricht man gern von einer „Spirale der Gewalt“, die sich von niemandem aufhalten lasse. Der 1964 in Hull geborene Ian McGuire, bekannt geworden durch seinen für den Booker Prize nominierten Roman „Nordwasser“, macht genau das in seinem Buch zum Thema.

„Der Abstinent“ setzt ein im Manchester des Jahres 1867. Hier, in der Industriemetropole, breitet sich nicht nur der Kapitalismus auf rüde, kaum gebremste Weise aus. Nein, hier tobt auch der Kampf, den die Fenian-Bruderschaft, eine irische Geheimorganisation, gegen die verhassten Engländer führt. Ausgangspunkt ist ein historisch verbürgtes Ereignis, als im November 1867 drei Fenians öffentlich wegen Polizistenmordes hingerichtet werden. Die wütenden Iren feiern ihre Landsleute daraufhin als Märtyrer; der Konflikt eskaliert aufs Neue, und um Rache zu üben, heuern die Fenians den amerikanischen Bürgerkriegsveteranen Stephen Doyle an. Für seine Zimperlichkeit ist dieser nicht bekannt. Er beginnt aus dem Untergrund zu agieren, unverhohlen nach dem alttestamentarischen Grundsatz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“.

Doyles Gegenspieler ist ein irischer Polizist, James O’Connor, der als eine Art Strafmaßnahme nach Manchester versetzt worden ist. Er blickt auf eine trostlose Vergangenheit zurück: Frau und Kind sind ihm gestorben, und um ein Haar wäre er dem Alkohol zum Opfer gefallen. Mühsam versucht er als Abstinenzler gegen seine Sucht anzukämpfen, ein Vorhaben, das seine schwierigen Arbeits- und Lebensbedingungen nicht fördert. Denn unter seinen englischen Kollegen bleibt er ein Außenseiter. Man traut ihm nicht über den Weg, wenn er sich verdeckt unter die Fenians und ihre Anhänger mischt, um wichtige Informationen für die englische Polizei zu bekommen. Ein Katz-und-Maus-Spiel, in das bald auch sein Neffe Michael involviert wird und das auf einen erbitterten Zweikampf zwischen O’Connor und Doyle hinausläuft.

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