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1945 1960 1980 2000 2020

ANDRZEJ STASIUKS NEUER ROMAN: EINE ROAD NOVEL ÜBER DEN HANDEL -AUCH MIT MENSCHEN.

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ANDRZEJ STASIUKS NEUER ROMAN: EINE ROAD NOVEL ÜBER DEN HANDEL -AUCH MIT MENSCHEN.

Der polnische Autor Andrzej Stasiuk gilt zu Recht als meisterhafter Chronist der untergehenden postkommunistischen Welt Mittelosteuropas. Auch sein neuer Roman "Hinter der Blechwand" ist ein pessimistischer Abgesang auf eine Region, die zwar geografisch in der Mitte, wirtschaftlich und politisch aber an der äußersten Peripherie des europäischen Kontinents liegt.

Der Ich-Erzähler Pawel hat sich in einer Kleinstadt eine Bleibe gesucht und erinnert sich an seine Verkaufsfahrten mit seinem Kollegen Wladek in einem klapprigen Lieferwagen durch die Provinz. Gleich der erste Satz des Romans charakterisiert die Perspektive des Erzählers: "Im Herbst sieht man, daß die Stadt stirbt."

Konnte man früher noch neue Kleider und Waren auf Märkten in größeren Städten verkaufen, muss man heute aufs Land fahren, "mit Zeug, das für die Stadt nicht mehr taugt, aber fürs Dorf noch gut genug ist und bunt wie im Fernsehen. Dorthin, wo vor uns noch keiner war. Jedenfalls nicht viele." Doch auch dort kommen die Geschäfte zum Stillstand, weil nur diejenigen übrigbleiben, die keine Kraft mehr haben, wegzugehen. "Sie bleiben überall übrig und befassen sich mit den Resten. So wie ich."

Müll, Marken und Menschen

Andrzej Stasiuk verfolgt in seiner Road Novel die beiden Antihelden auf ihren immer erfolgloseren Fahrten in abgelegene Regionen. War es zunächst der noch irgendwie verwertbare Müll des Westens, der ständig weiter in den Osten verkauft wurde, ändert sich die Situation dramatisch, als die Chinesen beginnen den Markt mit billigem Ramsch und gefälschten Markenprodukten zu übernehmen.

In vielen kurzen Szenen gelingt es Andrzej Stasiuk poetisch und nüchtern den tragikomischen Alltag mit verstörend brutalen Erfahrungen und die ganz besondere Freundschaft der beiden Straßenverkäufer zu beschreiben. Das Buch ist auch eine liebevolle Hommage an Menschen wie Wladek, dessen innere Unruhe und Umtriebigkeit zwar für den Zeitgeist wie geschaffen scheinen, dem aber alles viel zu schnell geht.

Das am Anfang geradezu beschauliche Tingeln von einem Markt zum nächsten wird gegen Ende des Romans zu rasanten Verfolgungsjagden. Denn mitten im "Schrott eines Jahrmarkts" im slowakischen Medziborie verliebt sich Wladek in die Kartenverkäuferin Eva, die allerdings im Besitz des "Grauen" ist, dem Chef einer Menschenschmugglerbande, der weiß: "Menschen, egal ob neu oder gebraucht, seien das Geschäft der Zukunft, während der Handel mit Kleidern bald unwiederbringlich der Vergangenheit angehören werde."

Die spannenden Reisen der Protagonisten enden auf dem Taksimplatz in Istanbul, trotz aller Verluste mit einer hoffnungsvollen Perspektive.

Andrzej Stasiuks Roman "Hinter der Blechwand" vermittelt berührend die Trauer über das Verlorene, ohne es zu idealisieren. Er erzählt leise und behutsam Geschichten, die veranschaulichen, wie der globalisierte Kapitalismus Menschen und Landschaften Mittelosteuropas zerstört.

Hinter der Blechwand Roman von Andrzej Stasiuk Aus dem Poln. von Renate Schmidgall Suhrkamp 2011 349 S., geb., € 23,60

Der polnische Autor Andrzej Stasiuk gilt zu Recht als meisterhafter Chronist der untergehenden postkommunistischen Welt Mittelosteuropas. Auch sein neuer Roman "Hinter der Blechwand" ist ein pessimistischer Abgesang auf eine Region, die zwar geografisch in der Mitte, wirtschaftlich und politisch aber an der äußersten Peripherie des europäischen Kontinents liegt.

Der Ich-Erzähler Pawel hat sich in einer Kleinstadt eine Bleibe gesucht und erinnert sich an seine Verkaufsfahrten mit seinem Kollegen Wladek in einem klapprigen Lieferwagen durch die Provinz. Gleich der erste Satz des Romans charakterisiert die Perspektive des Erzählers: "Im Herbst sieht man, daß die Stadt stirbt."

Konnte man früher noch neue Kleider und Waren auf Märkten in größeren Städten verkaufen, muss man heute aufs Land fahren, "mit Zeug, das für die Stadt nicht mehr taugt, aber fürs Dorf noch gut genug ist und bunt wie im Fernsehen. Dorthin, wo vor uns noch keiner war. Jedenfalls nicht viele." Doch auch dort kommen die Geschäfte zum Stillstand, weil nur diejenigen übrigbleiben, die keine Kraft mehr haben, wegzugehen. "Sie bleiben überall übrig und befassen sich mit den Resten. So wie ich."

Müll, Marken und Menschen

Andrzej Stasiuk verfolgt in seiner Road Novel die beiden Antihelden auf ihren immer erfolgloseren Fahrten in abgelegene Regionen. War es zunächst der noch irgendwie verwertbare Müll des Westens, der ständig weiter in den Osten verkauft wurde, ändert sich die Situation dramatisch, als die Chinesen beginnen den Markt mit billigem Ramsch und gefälschten Markenprodukten zu übernehmen.

In vielen kurzen Szenen gelingt es Andrzej Stasiuk poetisch und nüchtern den tragikomischen Alltag mit verstörend brutalen Erfahrungen und die ganz besondere Freundschaft der beiden Straßenverkäufer zu beschreiben. Das Buch ist auch eine liebevolle Hommage an Menschen wie Wladek, dessen innere Unruhe und Umtriebigkeit zwar für den Zeitgeist wie geschaffen scheinen, dem aber alles viel zu schnell geht.

Das am Anfang geradezu beschauliche Tingeln von einem Markt zum nächsten wird gegen Ende des Romans zu rasanten Verfolgungsjagden. Denn mitten im "Schrott eines Jahrmarkts" im slowakischen Medziborie verliebt sich Wladek in die Kartenverkäuferin Eva, die allerdings im Besitz des "Grauen" ist, dem Chef einer Menschenschmugglerbande, der weiß: "Menschen, egal ob neu oder gebraucht, seien das Geschäft der Zukunft, während der Handel mit Kleidern bald unwiederbringlich der Vergangenheit angehören werde."

Die spannenden Reisen der Protagonisten enden auf dem Taksimplatz in Istanbul, trotz aller Verluste mit einer hoffnungsvollen Perspektive.

Andrzej Stasiuks Roman "Hinter der Blechwand" vermittelt berührend die Trauer über das Verlorene, ohne es zu idealisieren. Er erzählt leise und behutsam Geschichten, die veranschaulichen, wie der globalisierte Kapitalismus Menschen und Landschaften Mittelosteuropas zerstört.

Hinter der Blechwand Roman von Andrzej Stasiuk Aus dem Poln. von Renate Schmidgall Suhrkamp 2011 349 S., geb., € 23,60