Andrzej Stasiuk - © Foto: imago images / SKATA
Literatur

Andrzej Stasiuk: „Nichts verstellt die Sicht"

1945 1960 1980 2000 2020

Andrzej Stasiuks neuestes Buch „Beskiden-Chronik“ versammelt 76 Texte, die ursprünglich in einer polnischen Wochenzeitung erschienen sind. Elegant wechselt der Autor zwischen poetischen Landschaftsschilderungen und der Beschäftigung mit aktuellen politischen Themen.

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Andrzej Stasiuks neuestes Buch „Beskiden-Chronik“ versammelt 76 Texte, die ursprünglich in einer polnischen Wochenzeitung erschienen sind. Elegant wechselt der Autor zwischen poetischen Landschaftsschilderungen und der Beschäftigung mit aktuellen politischen Themen.

In Zeiten, in denen das Reisen deutlich erschwert wird, haben Berichte von fremden Ländern und Menschen ihre Stunde. Welthaltige Literatur ist gefordert, wenn zu Hause bleiben oberste Pflicht ist. Kurzweil und Anregungen aller Art dienen als Antidot gegen das Einerlei der Quarantäne. Das neueste Buch des polnischen Romanciers Andrzej Stasiuk hätte sich keine besseren Voraussetzungen für sein Erscheinen wünschen können.

Im weitesten Sinne handelt es sich bei Andrzej Stasiuks „Beskiden-Chronik“ um Reiseliteratur. Allerdings führt der Autor nicht an Orte, die zu touristischen Standardzielen zählen: Er durchstreift in seinem Geländewagen den südöstlichsten Winkel Polens (= Beskiden – hier: westlicher, polnischer Teil des Karpatenbogens), es geht aber auch weiter hinaus, nach Russland, nach Kasachstan oder in die Mongolei. Es zeichnet ihn als erstrangigen Autor aus, dass Stasiuk nur wenige Sätze braucht, die jeweiligen Situationen vor dem inneren Auge des Lesers erstehen zu lassen. Allerdings, ehe man sichʼs versieht, ist Stasiuk mit seinem absichtsvoll absichtslosen Erzählen schon wieder einen Schritt weiter. Man kommt dem Autor nicht gleich auf die Schliche, weil er so virtuos die Register wechselt: Stasiuk hat es gar nicht auf die pure Beschreibungskunst angelegt, hier geht es um alles, um Gott und die Welt und wie und in welchem Zustand sich diese Welt heute präsentiert: In den Beskiden, in Kasachstan, in der Mongolei oder wo auch immer.

Poesie und Hard Facts

Persönliche Befindlichkeiten sucht man vergebens. Auch die Form wäre hier dawider. Das Buch versammelt 76 Texte, die im Feuilleton einer polnischen Wochenzeitung erschienen sind. Regelmäßig erscheinende Kolumnen sind eigentlich eine Galeerenstrafe: Selbst der Talentierteste kann nicht 76 Mal originell sein und dabei auch noch recht haben. Stasiuk ist dieser Gefahr beispielhaft ausgewichen. Als erfahrener Erzähler hat er es anders gemacht. Für seine elegante Mischung aus Poesie und Hard Facts hat er einen sehr persönlichen Sound gefunden, der den Leser in eine gewisse Vertrautheit zieht und ihn am Ende, ja, bezaubert und süchtig macht …

„Eine schöne Jahreszeit. Noch keine Blätter an den Bäumen, die Landschaft weit und durchsichtig. An sonnigen Tagen wird die Welt doppelt so groß. Nichts verstellt die Sicht. Es ist ein bisschen, als würden wir in die Unendlichkeit blicken.