Digital In Arbeit
Literatur

Klopfzeichen aus den Kellern

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Bernhard Schlink, der Autor des Welterfolges "Der Vorleser", schrieb einen neuen Krimi mit aktuellem Hintergrund.

Der Krimi mit politischem oder zeitgeschichtlichem Hintergrund: Dieses Metier ist derzeit besonders beliebt und behauptet sich glänzend auf dem Markt. Donna Leons Commissario Brunetti löst Fall auf Fall, hat aber keine Chance gegen die tausendköpfige Hydra der Korruption. Aber auch die Leichen im Keller melden sich jetzt immer deutlicher. Bei Eva Rossmann klärt eine Journalistin einen im Wiener Freud-Museum begangenen Mord auf, wobei es um versunkene und vergessen geglaubte Missetaten geht. (furche 39/01)

Der Berliner Jurist Schlink war bereits im Nebenberuf ein erfolgreicher deutscher Krimiautor, als ihm sein Roman "Der Vorleser" schlagartig den Weltruhm bescherte. Darin erzählte er in der von ihm favorisierten Ichform von der Beziehung eines jungen Deutschen mit einer viel älteren Frau, die sich dann als ehemalige KZ-Aufseherin entpuppt. Mit diesem fast unterkühlt geschriebenen, dabei emotionsgeladenen Buch traf Schlink einen Nerv der Zeit.

So sei das, sagt in seinem neuesten Buch die Hauptfigur Selb, man "macht dies, und man macht das, und auf einmal war's ein Leben." Selb weiß, wovon er redet. Auch er selbst hat dies und das gemacht, und was dabei zusammengekommen ist, war eins jener Leben, auf die Bernhard Schlink spezialisiert ist. Vom Staatsanwalt zum Einmannbetrieb als Privatdetektiv, das war keine glänzende Karriere. Auch Selbs Privatleben entbehrt nicht der Brüche, was ihm den Blick für die Brüche im Leben anderer schärft.

Seine Leiche im Keller verhält sich ruhig, meldet sich aber gelegentlich im Traum. Allerdings ist es keine Leiche im Keller, sondern eher eine am Fuß einer Klippe. Dafür klingelt in Schlinks neuem Roman "Selbs Mord" eines Tages ein ehemaliger Stasi-Mann an der Tür, die er, wie er noch des öfteren treuherzig versichern wird, jederzeit mit wenigen Griffen öffnen könnte. Er versteift sich darauf, Selbs Sohn zu sein. Dabei ist dieser nur eine Art von illegitimem Stiefvater. Übrigens ist Selb nicht gerade das, was man bei uns gern einen Blitzgneißer nennt. Sein Verstand arbeitet präzise, aber etwas langsam. Die zumindest in den Kriminalromanen für Kommissare und Privatdetektive so typischen schnellen Reaktionen sind seine Sache nicht.

Das heutige Deutschland hat ein gespaltenes Selbstbild. Noch immer schuldbewusst, doch wieder Weltmacht. Und letzteres immer mehr. Der Privatdetektiv Selb ist eine für dieses gespaltene Selbstbild ungemein charakteristische Figur. Nur andeutungsweise erfahren wir, dass man den ehemaligen NS-Staatsanwalt nach dem Krieg nicht mehr haben wollte. Und dass er sich vorwirft, feig gewesen zu sein.

Den Zusammenstoß mit den Berliner Kahlköpfen sieht er hinterher als wiederum nicht genutzte Chance, Mut zu beweisen. Wie der Siebzigjährige unter diametralen politischen Phrasen, aber mit derselben Brutalität gleich zweimal in den Landwehrkanal geworfen wird, das ist von blutiger Ironie. Wie dieser Berliner Autor dabei Berlin zeichnet, das lässt einen nächtlichen Fußmarsch durch die Stadt etwa so empfehlenswert erscheinen wie einen Mondscheinspaziergang durch den Central Park vor dem großen Durchgreifen gegen die New Yorker Kriminalität. Nicht einmal die Polizisten im Streifenwagen halten an, nachdem es dem Privatdetektiv gelungen ist, sich ans Ufer zu retten. "Dass die Berliner unfreundlich sind, ihre Kinder ungezogen, ihre Taxifahrer ungastlich, ihre Polizisten unfähig und ihre Portiers unhöflich - vielleicht kann es bei einer Stadt, die seit Jahrzehnten ausgehalten wird, nicht anders sein. Aber ich mag es nicht."

Die Handlung wirkt zunächst, so gut der Roman auch geschrieben ist, etwas klischeehaft. Krimi-Sujet wie gehabt, wobei Schlinks Schilderung miesester deutscher Wirklichkeit völlig wahrheitsgemäß wirkt: Bankenmilieu, Geldwäsche, Russenmafia, rücksichtslose Entmündigung und Ausbeutung Ostdeutschlands durch den Westen. Diese Klischeehaftigkeit verflüchtigt sich aber schnell und die Klaue des Löwen wird erkennbar. Schlink kann einfach schreiben. Spannend, unterhaltend, dabei mit hohem Anspruch. Unglaublich, was man da über die Vorgänge in den von westdeutschen Banken übernommenen ostdeutschen Banken erfährt. Der hochqualifizierte Jurist Schlink muss es ja wissen.

Immer deutlicher tritt der zeitgeschichtliche Hintergrund hervor. Die Lösung des Falles ist atemberaubend, wird hier aber nicht verraten. Am Ende kommen keine Klopfzeichen mehr aus den Kellern, nun sind die Leichen endgültig tot. Die Sache geht in einer gewissen Hinsicht so bitterböse aus wie die Krimis von Donna Leon: Die kleinen Schurken werden gepackt, den großen kann man nichts beweisen.

Die Idee, Donna Leon könnte Bernhard Schlink auf solche Ideen gebracht haben, wäre aber völlig abwegig. Er ist bloß ein unbarmherziger Realist. Sie nennt die italienischen, er nennt die deutschen Dinge beim Namen.

SELBS MORD

Roman von Bernhard Schlink

Diogenes Verlag, Zürich 2001

268 Seiten, Ln., öS 291,-/e 21,17

Bernhard Schlink, der Autor des Welterfolges "Der Vorleser", schrieb einen neuen Krimi mit aktuellem Hintergrund.

Der Krimi mit politischem oder zeitgeschichtlichem Hintergrund: Dieses Metier ist derzeit besonders beliebt und behauptet sich glänzend auf dem Markt. Donna Leons Commissario Brunetti löst Fall auf Fall, hat aber keine Chance gegen die tausendköpfige Hydra der Korruption. Aber auch die Leichen im Keller melden sich jetzt immer deutlicher. Bei Eva Rossmann klärt eine Journalistin einen im Wiener Freud-Museum begangenen Mord auf, wobei es um versunkene und vergessen geglaubte Missetaten geht. (furche 39/01)

Der Berliner Jurist Schlink war bereits im Nebenberuf ein erfolgreicher deutscher Krimiautor, als ihm sein Roman "Der Vorleser" schlagartig den Weltruhm bescherte. Darin erzählte er in der von ihm favorisierten Ichform von der Beziehung eines jungen Deutschen mit einer viel älteren Frau, die sich dann als ehemalige KZ-Aufseherin entpuppt. Mit diesem fast unterkühlt geschriebenen, dabei emotionsgeladenen Buch traf Schlink einen Nerv der Zeit.

So sei das, sagt in seinem neuesten Buch die Hauptfigur Selb, man "macht dies, und man macht das, und auf einmal war's ein Leben." Selb weiß, wovon er redet. Auch er selbst hat dies und das gemacht, und was dabei zusammengekommen ist, war eins jener Leben, auf die Bernhard Schlink spezialisiert ist. Vom Staatsanwalt zum Einmannbetrieb als Privatdetektiv, das war keine glänzende Karriere. Auch Selbs Privatleben entbehrt nicht der Brüche, was ihm den Blick für die Brüche im Leben anderer schärft.

Seine Leiche im Keller verhält sich ruhig, meldet sich aber gelegentlich im Traum. Allerdings ist es keine Leiche im Keller, sondern eher eine am Fuß einer Klippe. Dafür klingelt in Schlinks neuem Roman "Selbs Mord" eines Tages ein ehemaliger Stasi-Mann an der Tür, die er, wie er noch des öfteren treuherzig versichern wird, jederzeit mit wenigen Griffen öffnen könnte. Er versteift sich darauf, Selbs Sohn zu sein. Dabei ist dieser nur eine Art von illegitimem Stiefvater. Übrigens ist Selb nicht gerade das, was man bei uns gern einen Blitzgneißer nennt. Sein Verstand arbeitet präzise, aber etwas langsam. Die zumindest in den Kriminalromanen für Kommissare und Privatdetektive so typischen schnellen Reaktionen sind seine Sache nicht.

Das heutige Deutschland hat ein gespaltenes Selbstbild. Noch immer schuldbewusst, doch wieder Weltmacht. Und letzteres immer mehr. Der Privatdetektiv Selb ist eine für dieses gespaltene Selbstbild ungemein charakteristische Figur. Nur andeutungsweise erfahren wir, dass man den ehemaligen NS-Staatsanwalt nach dem Krieg nicht mehr haben wollte. Und dass er sich vorwirft, feig gewesen zu sein.

Den Zusammenstoß mit den Berliner Kahlköpfen sieht er hinterher als wiederum nicht genutzte Chance, Mut zu beweisen. Wie der Siebzigjährige unter diametralen politischen Phrasen, aber mit derselben Brutalität gleich zweimal in den Landwehrkanal geworfen wird, das ist von blutiger Ironie. Wie dieser Berliner Autor dabei Berlin zeichnet, das lässt einen nächtlichen Fußmarsch durch die Stadt etwa so empfehlenswert erscheinen wie einen Mondscheinspaziergang durch den Central Park vor dem großen Durchgreifen gegen die New Yorker Kriminalität. Nicht einmal die Polizisten im Streifenwagen halten an, nachdem es dem Privatdetektiv gelungen ist, sich ans Ufer zu retten. "Dass die Berliner unfreundlich sind, ihre Kinder ungezogen, ihre Taxifahrer ungastlich, ihre Polizisten unfähig und ihre Portiers unhöflich - vielleicht kann es bei einer Stadt, die seit Jahrzehnten ausgehalten wird, nicht anders sein. Aber ich mag es nicht."

Die Handlung wirkt zunächst, so gut der Roman auch geschrieben ist, etwas klischeehaft. Krimi-Sujet wie gehabt, wobei Schlinks Schilderung miesester deutscher Wirklichkeit völlig wahrheitsgemäß wirkt: Bankenmilieu, Geldwäsche, Russenmafia, rücksichtslose Entmündigung und Ausbeutung Ostdeutschlands durch den Westen. Diese Klischeehaftigkeit verflüchtigt sich aber schnell und die Klaue des Löwen wird erkennbar. Schlink kann einfach schreiben. Spannend, unterhaltend, dabei mit hohem Anspruch. Unglaublich, was man da über die Vorgänge in den von westdeutschen Banken übernommenen ostdeutschen Banken erfährt. Der hochqualifizierte Jurist Schlink muss es ja wissen.

Immer deutlicher tritt der zeitgeschichtliche Hintergrund hervor. Die Lösung des Falles ist atemberaubend, wird hier aber nicht verraten. Am Ende kommen keine Klopfzeichen mehr aus den Kellern, nun sind die Leichen endgültig tot. Die Sache geht in einer gewissen Hinsicht so bitterböse aus wie die Krimis von Donna Leon: Die kleinen Schurken werden gepackt, den großen kann man nichts beweisen.

Die Idee, Donna Leon könnte Bernhard Schlink auf solche Ideen gebracht haben, wäre aber völlig abwegig. Er ist bloß ein unbarmherziger Realist. Sie nennt die italienischen, er nennt die deutschen Dinge beim Namen.

SELBS MORD

Roman von Bernhard Schlink

Diogenes Verlag, Zürich 2001

268 Seiten, Ln., öS 291,-/e 21,17