Hering - © Foto: iStock/hanohiki
Animal Spirits

Des Herings kritische Masse

1945 1960 1980 2000 2020

Bei Heringen zu studieren, wie Minderheiten einen Schwarm mit mathematischer Präzision lenken können, ist lehrreich für den Umgang mit radikalen Umstürzlern.

1945 1960 1980 2000 2020

Bei Heringen zu studieren, wie Minderheiten einen Schwarm mit mathematischer Präzision lenken können, ist lehrreich für den Umgang mit radikalen Umstürzlern.

Der Hering wird im kommenden Fasching, wie alle Jahre wieder, kopflos als Salat serviert, als mayonnaisierter, fetttriefender Schmaus, schwerst verdaulich und schnell verderblich. Auch die Nachrede lässt zu wünschen übrig. Geradzu episch wird des Herings Dummheit beschrieben. Lawrence Norfolk etwa widmet in „Ein Nashorn für den Papst“ dem angeblich sinnentleerten Dahintreiben des Herings seitenweise epische Betrachtungen. Wunderschön zu lesen. Und nichts davon wahr.

Das böse Urteil über den Hering beruht vermutlich auf der Meinung, Fische seien generell dumm, die Schwarmfische unter ihnen aber besonders intelligenzfern, da im Schwarm jeder Fisch einfach dem Vorderfisch nachschwimmt. Nun mag das vielleicht auf Menschen zutreffen, dass sie in der Horde besonders dumm sind – man erinnere sich nur an die Erstürmung des Kapitols. Nicht aber trifft das auf Heringe zu. Denn dieser Fisch ist in der Masse von Logik geradezu erhoben. Wie das kommt: Forscher haben herausgefunden, dass in jedem Schwarm ein gewisser Prozentsatz von Individuen zu Irrtümern neigte. Dieser Teil, er lag im Studienfall bei 20 Pro-zent, witterte deutlich öfter Gefahren, wo keine waren. Während also diese 20 Prozent oft sinnlose Ausweichmanöver und Richtungsänderungen einleiteten, ließ sich der Rest des Schwarms nicht aus der Ruhe bringen und hielt Kurs und Tempo wie gehabt.

Sobald aber auch nur ein Prozent mehr als diese 20 Prozent der Fische alarmiert reagierten, reagierte der ganze Schwarm. In Überschreitung des Grenzwertes wussten die Mitfische, dass die Lage nun tatsächlich ernst ist. Man kann daraus nicht nur ableiten, dass Heringe eine ausgeprägt mathematisch-visuelle Einschätzung von Risikolagen haben.

Eine solche, etwas abgeänderte Heringsstrategie birgt für das politisches Risikomanagement enorme Chancen. Etwa indem man sich intensiver mit kritischen Massen auseinandersetzt. Etwa Corona­leugnern. Dass ihre wachsende Zahl auch ein Indiz für die Temperatur einer Gesellschaft ist. Und dass selbst eine kleine Gruppe einen Schneeballeffekt entfalten kann. Amerika hat das erlebt, erstaunlicherweise mit der gleichen kritischen Masse wie der Heringsschwarm. Mehr als 20 Prozent der Bürger glaubten, das System sei korrumpiert und verrottet, die Wahlen gefälscht, und letztlich wurde das Kapitol gestürmt. Oder anders gesagt. Es braucht keine Mehrheit der Bürger um einen Staat zu destabilisieren und seine Ordnung zu zerstören. Sicher ist jedenfalls, dass diese Auseinandersetzung nicht gewonnen ist, indem man den „Oberhering“ allein aus dem Spiel nimmt. Das verkennt die Macht der kritischen Masse fatal, würde wohl auch der mathematisch durchdrungene Hering bestätigen.

Der Hering wird im kommenden Fasching, wie alle Jahre wieder, kopflos als Salat serviert, als mayonnaisierter, fetttriefender Schmaus, schwerst verdaulich und schnell verderblich. Auch die Nachrede lässt zu wünschen übrig. Geradzu episch wird des Herings Dummheit beschrieben. Lawrence Norfolk etwa widmet in „Ein Nashorn für den Papst“ dem angeblich sinnentleerten Dahintreiben des Herings seitenweise epische Betrachtungen. Wunderschön zu lesen. Und nichts davon wahr.

Das böse Urteil über den Hering beruht vermutlich auf der Meinung, Fische seien generell dumm, die Schwarmfische unter ihnen aber besonders intelligenzfern, da im Schwarm jeder Fisch einfach dem Vorderfisch nachschwimmt. Nun mag das vielleicht auf Menschen zutreffen, dass sie in der Horde besonders dumm sind – man erinnere sich nur an die Erstürmung des Kapitols. Nicht aber trifft das auf Heringe zu. Denn dieser Fisch ist in der Masse von Logik geradezu erhoben. Wie das kommt: Forscher haben herausgefunden, dass in jedem Schwarm ein gewisser Prozentsatz von Individuen zu Irrtümern neigte. Dieser Teil, er lag im Studienfall bei 20 Pro-zent, witterte deutlich öfter Gefahren, wo keine waren. Während also diese 20 Prozent oft sinnlose Ausweichmanöver und Richtungsänderungen einleiteten, ließ sich der Rest des Schwarms nicht aus der Ruhe bringen und hielt Kurs und Tempo wie gehabt.

Sobald aber auch nur ein Prozent mehr als diese 20 Prozent der Fische alarmiert reagierten, reagierte der ganze Schwarm. In Überschreitung des Grenzwertes wussten die Mitfische, dass die Lage nun tatsächlich ernst ist. Man kann daraus nicht nur ableiten, dass Heringe eine ausgeprägt mathematisch-visuelle Einschätzung von Risikolagen haben.

Eine solche, etwas abgeänderte Heringsstrategie birgt für das politisches Risikomanagement enorme Chancen. Etwa indem man sich intensiver mit kritischen Massen auseinandersetzt. Etwa Corona­leugnern. Dass ihre wachsende Zahl auch ein Indiz für die Temperatur einer Gesellschaft ist. Und dass selbst eine kleine Gruppe einen Schneeballeffekt entfalten kann. Amerika hat das erlebt, erstaunlicherweise mit der gleichen kritischen Masse wie der Heringsschwarm. Mehr als 20 Prozent der Bürger glaubten, das System sei korrumpiert und verrottet, die Wahlen gefälscht, und letztlich wurde das Kapitol gestürmt. Oder anders gesagt. Es braucht keine Mehrheit der Bürger um einen Staat zu destabilisieren und seine Ordnung zu zerstören. Sicher ist jedenfalls, dass diese Auseinandersetzung nicht gewonnen ist, indem man den „Oberhering“ allein aus dem Spiel nimmt. Das verkennt die Macht der kritischen Masse fatal, würde wohl auch der mathematisch durchdrungene Hering bestätigen.