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"Echtes" Kreuz taugt immer zur Sensation

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Neulich in Sinop am Schwarzen Meer: Die Ausgräber haben das Wunder vollbracht, ohne Titulus, schriftliche Hinweise oder bei der Ausgrabung geschehene Wunder ein Stück des Kreuzes Christi zu identifizieren.

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Neulich in Sinop am Schwarzen Meer: Die Ausgräber haben das Wunder vollbracht, ohne Titulus, schriftliche Hinweise oder bei der Ausgrabung geschehene Wunder ein Stück des Kreuzes Christi zu identifizieren.

In Sinop, einer Stadt an der türkischen Schwarzmeerküste, haben Archäologen nach Aussage von Gülgün Köroglu, der Leiterin der dortigen Ausgrabungen, eine Steintruhe gefunden, in der ein Stück Holz war. Sie wird in Tageszeitungen mit der Aussage zitiert: "Wir haben etwas Heiliges in dieser Steintruhe gefunden. Es ist ein Stück eines Kreuzes, und wir glauben, dass es ein Teil jenes Kreuzes ist, an dem Jesus gekreuzigt wurde." Sehr bedauerlich für den Wissenschafter ist, dass weder Fotos von der vollständigen Truhe noch vom entdeckten Stück Holz gezeigt werden. Falls die Behauptung stimmen sollte, dass das Holzfragment als Teil eines antiken Kreuzes identifiziert werden kann, dann müsste es sich doch um ein vergleichsweise großes Fragment handeln.

Aber auch die Größe des Objekts ist bisher nicht weiter bekannt. Ferner wäre zu überlegen, dass ein Kreuz nicht das einzige war, was man aus Holz als Baumaterial herstellen konnte. Und falls etwa eine kleinere hölzerne Truhe in der steinernen Kiste gewesen sein sollte und falls diese hölzerne Truhe zu Teilen vermodert ist - das soll bei Holz vorkommen -, dann könnte dies auch grundsätzlich die Existenz eines Holzfragments in einer Steintruhe erklären, wäre aber weniger spektakulär.

Vorsicht beim Begriff der Echtheit

Bereits mit dem Begriff der Echtheit müsste man eigentlich beim Kreuz Christi vorsichtig sein. Zahlreiche Reliquien des Kreuzes Christi sind bekannt, so viele, dass man vielleicht sogar mehr als ein Kreuz daraus machen könnte. Zwischen der Kreuzigung Jesu und dem Fund des "echten Kreuzes" in der Antike liegen rund 300 Jahre. Um das Jahr 30 n.Chr. wurde Jesus gekreuzigt; im Jahr 325 ließ Kaiserin Helena, die Mutter Konstantins des Großen, in Jerusalem Grabungsarbeiten durchführen, um das Kreuz Christi zu finden. Dabei wurden drei Kreuze aufgefunden. Allerdings muss der moderne Wissenschafter einwenden, dass die Begründung für die Identifizierung nicht völlig zu überzeugen vermag: Nach dem Mailänder Bischof Ambrosius macht der Titulus die Identifikation möglich. Einen Titulus gab es nach biblischem Bericht, und so wäre ein bei dem Kreuz gefundener Titulus eine relativ sichere Identifikation. Relativ deswegen, da der Wortlaut nicht sicher ist: Nur nach dem Matthäusevangelium (Mt 27,37) und dem Johannesevangelium (Joh 19,19) enthält der Titulus den Namen Jesu (vgl. Mk 15,26 u. Lk 23,38).

Schade ist nur, dass Ambrosius zwar um den aufgefundenen Titulus wissen will, aber erst ein halbes Jahrhundert nach den berichteten Grabungen wirkte - er starb im Jahr 397 und wurde überhaupt erst zehn Jahre nach den erwähnten Grabungsarbeiten geboren. Dieser Umstand schließt aus, dass es sich bei Ambrosius um einen Augenzeugen handelte. Damit muss die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, dass ein Titulus nachträglich mit dem "echten" Kreuz in Verbindung gebracht wurde. Als andere Identifikationsvariante wird ein Wunder überliefert: durch das "echte" Kreuz soll eine Tote wieder zum Leben erweckt worden sein.

Die Ausgräber in der Türkei haben nun das Wunder vollbracht, ohne Titulus, schriftliche Hinweise oder bei der Ausgrabung geschehene Wunder ein Stück des Kreuzes Christi zu identifizieren. Holz, selbst wenn es in einer steinernen Truhe liegt und der Fundkontext die archäologischen Artefakte in den Kontext des Christentums einordnet, ist kein derart seltenes Material, dass es deswegen gleich mit dem Kreuz Christi identifiziert werden muss. So ist die Leichtgläubigkeit mancher Medien, die diese Nachrichten sofort und ohne kritischen Kommentar verbreiten, das eigentliche Wunder.

Fragen, die offen bleiben

Die Fragen, die sich für den Forscher stellen, sind folgende: Gab es Hinweise auf der Truhe - in einen Stein eingemeißelte Inschriften sind normalerweise relativ haltbar und geben häufig Informationen über den Inhalt der beschrifteten Objekte. Gibt es konkretere Hinweise an dem in der Truhe aufbewahrten Holz, die auf einen hohen Wert des Objektes schließen lassen? Hier wäre beispielsweise an eine Fassung unter Verwendung von edlen Materialien zu denken. Wo wurde die Truhe genau gefunden? All das sind Fragen, die offen bleiben. Aus der Sicht des Forschers könnte also jetzt in Sinop höchstens ein Objekt gefunden worden sein, das theoretisch in der Antike oder im Mittelalter als Holz vom Kreuz Christi identifiziert und verehrt worden war. Aber auch das wäre erst zu beweisen.

Der Autor leitet zwei FWF-Forschungsprojekte zu koptischen Handschriften an der Uni Wien

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