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Besondere Jugendliche

Eine Lernbehinderung muss kein Ausschließungsgrund sein, um in der Wirtschaft Fuß zu fassen.

Was passiert mit Menschen, die einen Sonderschulabschluss haben, weil sie eine Lernschwäche besitzen, die teilweise auch einen Migrationshintergrund aufweisen und somit bereits mit dem Thema Integration kämpfen? Hoffnungslose Fälle könnte man sagen, denn wer will so einen schon, wenn heute bereits Bestnoten nicht reichen, um einen Schul-, Lehr-oder Arbeitsplatz zu bekommen.

Verena Buxbaum, Leiterin der Volkshilfe Jobfabrik, sieht dies differenzierter. Die Institution, der sie vorsteht, kümmert sich um junge Menschen, die es aus eigener Kraft nicht schaffen, sich in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren, sprich zu arbeiten und sich durch das selbst verdiente Geld eigenständig durchs Leben zu bringen. Buxbaum sind "ihre" Jugendlichen ans Herz gewachsen: "Wenn man ihnen Zeit gibt sind sie die motiviertesten und loyalsten Mitarbeiter, die man sich vorstellen kann."

Endprodukt Arbeitsplatz

Die "Fabrik" der Volkshilfe, an deren Ende der "Produktionskette" Arbeitsplätze stehen, ist eine Qualifizierungsinstitution im 15. Wiener Gemeindebezirk, die sich um Jugendliche mit Lernbehinderungen und Entwicklungsrückständen kümmert. Die Jugendlichen können in den zwei Bereichen Catering/Kommunikation und Renovierung/Reparatur bis zu 18 Monate Arbeitspraxis sammeln. Das bedeutet aber nicht, dass Arbeitsabläufe nachgestellt werden. Die Jugendlichen in der Jobfabrik arbeiten für reelle Kunden. Unter der Führung der Fachbereichsleiter werden Aufträge aus der Wirtschaft angenommen und bearbeitet. Sei es das Catering mit kaltem Buffet oder Malerarbeiten, wenn eine Wohnung renoviert werden soll. Die Preise für diese Dienstleistungen sind natürlich etwas niedriger als am Markt üblich, denn die Jugendlichen brauchen für einen Auftrag länger als ein professioneller Dienstleister.

Auch sonst wird in der Jobfabrik nicht "Arbeit gespielt", sondern auf die Arbeitswelt vorbereitet, das bedeutet, dass alle Tugenden, die zu einem guten, fleißigen Mitarbeiter gehören, nicht nur vermittelt, sondern auch eingefordert werden. "Dass einmal jemand einen schlecht Tag hat, ist ok, aber aus Liebeskummer einfach zu Hause zu bleiben, das gibt es nicht", sagt Buxbaum. Denn am Ende der Qualifizierung durch die Jobfabrik müssen die Jugendlichen am Arbeitsmarkt bestehen können, da gibt es dann auch keine Behandlung mit Glacé-Handschuhen.

Beim AMS scheitern

Das Durschnittsalter der Jugendlichen liegt bei 15 bis 19 Jahren, wenn sie in die Jobfabrik eintreten. Viele von ihnen sind zuvor bereits beim Arbeitsmarktservice (AMS) gescheitert, wie Buxbaum es ausdrückt. Was bedeutet, dass die jungen Menschen bereits einige Zeit zu Hause verbracht haben und somit auch nicht in der Arbeitslosenstatistik aufscheinen. "Hat jemand den Sonderschulstempel einmal abbekommen, und man konfrontiert ihn mit Dingen, die er zunächst nicht versteht, dann tun sie das sofort damit ab, dass sie ja in der Sonderschule waren und sagen sich:, Klar, ich kann nichts und kapiere auch nichts'", sagt Mariella Mühlböck, Integrationsbegleiterin bei der Firmenkooperation McStart.

Viele trauen sich auch nicht nachzufragen, denn es hat sich in ihr Hirn eingebrannt, dass ein Fragender sofort als dumm eingestuft wird. Diese essenziellen Dinge sind auch Teil des Qualifizierungsprozesses, denn auch ein "Normalsterblicher" hat es im kafkaesken Administrationsdschungel einer modernen Demokratie nicht immer leicht, sich zurecht zu finden. Dazu kommt noch, dass das Gegenüber im Amt vielleicht überfordert ist und aus Selbstschutz schnell eine ablehnende Haltung einnimmt. Dann sei es aber wichtig nachzufragen und sich die Sachlage erklären zu lassen. So eine Herangehensweise ist den "Jobfabriksarbeitern" neu und wird ihnen bei Behördengängen in Begleitung von Mitarbeitern der Jobfabrik beigebracht. Neben dem Verhalten beim AMS und dem Umgang mit Chef und Mitarbeitern wird auch das Verhalten am Telefon geübt.

Neben dem Training in der Jobfabrik werden die Jugendlichen auch zu Firmen für Praktika geschickt, die, wenn alles klappt, die Praktikanten dann als Hilfsarbeitskraft oder Lehrling (eher selten, da die Lernschwächen meist zu stark ausgeprägt sind) anstellt. Neben den Praktika und den Kontakten, die die Jobfabrik auf dem freien Markt unterhält gibt es drei Firmenkooperationen: McStart mit McDonald's, JobTrend mit Austria Trend Hotels & Resorts und ein Jobtraining bei der Handelskette Spar.

Reelle Chancen bekommen

Bei JobTrend können die Jugendlichen die verschiedenen Bereiche der Hotellerie kennen lernen und werden abschließend als angelernte Mitarbeiter von Austria Trend Hotel & Ressorts übernommen. Bei Spar bekommen jährlich sechs Jugendliche die Möglichkeit, die Ausbildung zu qualifizierten Verkaufshilfskräften zu machen. McStart ist eine Kooperation zwischen der Jobfabrik, dem Franchisenehmer Martin Spörker und der McDonald's Franchise GmbH. Das Projekt bietet Platz für acht Jugendliche, die neun Monate trainiert werden - auf den Positionen Küche, Lobby, Kassa und Hausmeisterei. Nach einer gründlichen Einschulung in Spörkers Restaurant durch Mühlböck und Slavica Lanzmaier (Jobcoach) werden die Jugendlichen zu Praktika in anderen McDonald's-Restaurants geschickt. "Grundsätzlich wird niemand bei uns im Restaurant in der Breitenfurterstraße übernommen, es müsse alle ihren Weg in anderen Restaurants gehen", sagt Mühlböck. Doch warum macht Spörker sich die Mühe und holt sich einen "Qualifizierungsbetrieb" ins Haus, der neben Zeit jede Menge an Geduld abverlangt? "Wenn ich das Netzwerk und die Ressourcen zur Verfügung habe, um Jugendlichen einen Arbeitsplatz zu verschaffen, dann ist das meiner Auffassung als Unternehmer nach, auch meine Aufgabe."

In der Jobfabrik finden 50 Jugendliche (im Haus und bei Kooperationspartnern) eine Aufgabe. Ermöglicht wird dies durch Mittel aus der Behindertenmilliarde, des Europäischen Sozialfonds sowie des AMS Wien.

www.jobfabrik.volkshilfe.at

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