Frasnelli - © Foto: Wolfgang Machreich
Wissen

Immer der Nase nach

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Riechen ist gut für das Gehirn: Unterwegs am Wiener Naschmarkt mit dem Neurowissenschafter Johannes Frasnelli.

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Riechen ist gut für das Gehirn: Unterwegs am Wiener Naschmarkt mit dem Neurowissenschafter Johannes Frasnelli.

Der Geruchsforscher schüttelt dem Journalisten zur Begrüßung die Hand – und fasst sich gleich danach mit derselben Hand an die Nase. Quod erat demonstrandum! Johannes Frasnelli lebt die Inhalte seines Buches „Wir riechen besser als wir denken“ gleich selbst vor. Darin beschreibt der Südtiroler Mediziner und Neurowissenschafter, was eine israelische Forschungsgruppe über die soziale Komponente des Riechens nachweisen konnte: Menschen, die einander gerade die Hand gaben, fassten sich deutlich häufiger mit der rechten Hand an die Nase als andere, die niemandem zuvor die Hand schüttelten. Ob dadurch tatsächlich chemosensorische Signale von einem Menschen zum nächsten geleitet werden, ist noch nicht endgültig geklärt, sagt Frasnelli: „Wir wissen aber, dass wir mit unserem Körpergeruch andere Menschen beeinflussen können, auch wenn dies unbewusst geschieht.“

Da liegt der Vergleich mit dem Geruchsmanipulator aus dem Roman „Das Parfum“ von Patrick Süskind nahe – und die Frage, ob es Gerüche gibt, die unwiderstehlich machen. Frasnelli wiegelt ab. Er schätzt dieses Werk, vor allem, weil darin Gerüche sehr gut beschrieben werden. Aber eine Art Wunderspray, der uns unwiderstehlich macht, gäbe es nicht, verneint Frasnelli: „Auf Google findet man zwar solche Angebote, aber die funktionieren nicht. Im besten Fall riechen sie gar nicht und im schlechtesten Fall stinken sie grausig nach Urin – man erreicht dann nur, dass man das Gegenüber in die Flucht schlägt.“

Stiefkind unter den Sinnen

Das Gegenteil ist am Wiener Naschmarkt der Fall. Gerüche aller Art, mehr oder weniger exotisch, mehr oder weniger intensiv umwehen die Verkaufsstände. Gleichsam ein großer Riechtempel und damit ein perfekt geeigneter Ort, um mit dem Professor für Anatomie an der kanadischen Universität Québec Trois-Rivières auf Riech-Exkursion zu gehen. Denn dieser hat seine wissenschaftliche Arbeit ganz der Erforschung des Geruchssinns und dessen umfassender Wirkung auf das menschliche Gehirn verschrieben.

Dem Riechen mehr Aufmerksamkeit zu widmen, lautet Frasnellis Empfehlung; generell nennt er den Geruchssinn quasi das Stiefkind unter den Sinnesorganen. Sieht man sich medizinische Lehrbücher von vor hundert Jahren an, gab es damals für Allergien und fürs Riechen nur wenig Raum, erzählt Frasnelli. Mittlerweile gebe es Allergologie als eigenes Fach, das Riechen aber werde in medizinischen Fachbüchern immer noch äußerst knapp abgehandelt, beklagt er: „Das hängt damit zusammen, dass der Geruchssinn zwar sehr emotional besetzt ist und vielfältige Erinnerungen auslöst, wir aber Gerüche nur schwer beschreiben können und kaum ein Vokabular für das Riechen haben.“

Der Geruchssinn wurde von der Wissenschaft lange als „ein niederer, animalischer Sinn“ angesehen. Da dieser nicht zum Selbstbild des Menschen als höherem Wesen passte, wurde dem Riechen weniger medizinisches Interesse geschenkt. Frasnelli sperrt sich gegen diese Einteilung der Sinne in höhere und niedere: „All unsere Sinne sind ein Teil von uns. Für jeden von uns ist der Geruchssinn wichtig, und es ist nötig, dass wir ein Vokabular dafür entwickeln, damit wir mehr darüber reden und erfahren können.“ Gerade wenn es um Lebensmittel geht, sei der Geruchssinn essenziell, da er wichtige Warnfunktionen erfülle: „Wir riechen schnell Verdorbenes und lehnen es ab. Riecht ein Teich faulig, gehen wir nicht zum Schwimmen hinein; wenn es nach Rauch oder Gas riecht, läuten sofort die Alarmglocken.“