Digital In Arbeit

Bauliche Veränderung der Gesellschaft

Ottokar Uhl, bekannt durch Kirchenbauten und Partizipationsprojekte, ist eine Ausstellung im Architekturzentrum Wien gewidmet. Sie zeigt sein aktionsbezogenes Raum-Denken.

Ottokar Uhls Architektur beginnt ebensowenig mit einem Strich am Plan wie sie mit dem Bauwerk endet. Denn Leben ist Veränderung, Architektur dem Prozess des Alterns, wechselnden Nutzerbedürfnissen, gesellschaftspolitischen, technischen und ökologischen Bedingungen unterworfen. Uhl dachte immer vernetzt in Abläufen und Zusammenhängen, die er präzise analysierte und zu vermitteln suchte. Berühmt wurde er mit wegweisenden frühen Kirchen und radikalen Partizipationsprojekten. Sie gaben den Beteiligten weitreichende Gestaltungsfreiheit und forderten ihnen viel eigenverantwortliches Engagement ab.

"Nach allen Regeln der Architektur" ist die Tragweite von Uhls Denken und Werk im AzW zu entdecken. Die Anwendung vorgefertigter Bauteile und die Nachvollziehbarkeit aller Prozesse sind Uhls Kernthemen, die Form sah er als Inhalt möglicher Aktivität. Die Kuratoren Johannes Porsch und Bernhard Steger arbeiteten auch sein Archiv auf, Texte vermitteln Grundhaltungen, Pläne und Skizzen Uhls aktionsbezogenes Raum-Denken, Partizipationssitzungs-Protokolle und Lego-Modelle lassen das Dahinter erahnen.

Uhl studierte bei Lois Welzenbacher, dessen Häuser ihn für Architektur entflammten. Die zweite einschneidende Begegnung war ein Salzburger-Sommerakademie-Seminar bei Konrad Wachsmann, der effizienzsteigerndes industrialisiertes Bauen gruppendynamisch vermittelte. Er sah die Verbesserung der Umwelt nicht in besserer Architektur, sondern in der Verbesserung der Vorgänge rund ums Bauen. Prinzipien, denen Uhl lebenslang folgte.

Im Geist des 2. Vatikanums konnte er sie unter offenen Priestern wie Otto Mauer und Karl Strobl erstmals umsetzen. 1958 realisierte er seine erste Kapelle in der Katholischen Hochschulgemeinde Wien, einen puristisch-schlichten Umbau mit schwarzem Asphaltboden, Hofverglasung, schwebendem Neonröhrenkreuz und leichtem Altar zwischen vier Sichtbetonstützen. Uhl plante 37 Sakralbauten, sein tiefes Liturgieverständnis vermittelte er an der Akademie. Die Kirche Siemensstraße (1960-64) plante er bis zur Demontage im Raster. Die konsequente Verwendung vorgefertigter Bauteile reichte von den Betonplatten am Boden bis zum konstruktiv-statischen, raumbildenden Mero-System. Wie die demontable Kirche Kundratstraße (1966-67) steht sie noch.

Uhl strebte nach demokratisch transparenter Architektur für mündige Menschen. 1971-76 realisierte er das partizipatorische "Wohnen Morgen" in Hollabrunn, das seine Methodik auf zwei Ebenen verdeutlicht. Eine Anleitung nach dem System mbp gab Beteiligten die Planungskompetenz zur Mitgestaltung, das Bauen optimierte die s.a.r.-Methode, die Primärstruktur und Ausbau trennt. "Wohnen mit Kindern" (1981-84) brachte das Büro mit 123 Gruppensitzungen, 20 Baustellensprechstunden und 131 Einzelberatungen an die Grenzen, im Wohnheim b.r.o.t. (Beten, Reden, Offen sein, Teilen) realisierte ein christlicher Verein sein Ideal gemeinschaftlichen Lebens.

Ausgehend von den konkreten Umständen tastete sich Uhl präzise an Inhalte heran, in einer städtebaulichen Studie entschied er mit Jos Weber 1971 gegen den Bau der Schnellstraße B1. Auf eigene Kosten veröffentlichten sie das Resultat und retteten so den Naschmarkt - Architektur, die Gesellschaft verändert.

Ottokar Uhl

Nach allen Regeln der Architektur

Architektur Zentrum Wien

Museumsplatz 1, 1070 Wien

Tel. (01) 522 31-15; www.azw.at

bis 13. 6., tägl. 10-19, Mi 10-21 Uhr

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