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Butter aufs karge Brot von Schmalz & Co.

Einer für alle: Der Retzhofer Dramapreis kommt auch jenen zugute, die ihn nicht gewinnen - insbesondere durch eine umfassende Betreuung des eigenen Schreibprozesses.

Zwei Szenen und ein Exposé. Was überschaubar klingt, verlangt bei hundertfacher Einreichung mehr als organisatorisches Talent. Denn der alle zwei Jahre ausgeschriebene Retzhofer Dramapreis, der heuer am 3. Mai verliehen wurde, ringt dem mit seiner Abwicklung betrauten Grazer Kunstverein uniT auch die inhaltliche Betreuung junger Autorinnen und Autoren ab. Genau das macht seine Einzigkeit aus.

Darüber scheinen sich die 13 Anwärter des Retzhofer Dramapreises einig zu sein: Auch wer nicht gewinnt, gewinnt. Und zwar eine umfassende Betreuung des eigenen Schreibprozesses durch Schriftsteller, Regisseure, Dramaturgen und Schauspieler. Eine Notwendigkeit im dramaturgischen Alltag, aber eine kaum auffindbare, erkannte uniT-Leiterin und Dramapreis-Erfinderin Edith Draxl bereits 2002. Neben ihrem Ideenreichtum seien es vor allem nicht ausgeschöpfte Mittel des Landes Steiermark gewesen, die zum Zustandekommen des im deutschen Sprachraum wohl kein zweites Mal vorfindbaren Preises beigetragen hätten. Weil noch Gelder für die Umsetzung von ländlichen Kulturprojekten in den so genannten Ziel-2-Gebieten vorhanden waren, entwickelte die findige Steirerin kurzerhand den mit 4000 Euro dotierten Preis für szenisches Schreiben mit der Besonderheit eines vorgelagerten, einjährigen Schreibprogramms.

Mehr als Sternschnuppen

Die Idee hinter Draxls Konzept ist gleichermaßen einfach wie genial: In Workshops arbeiten Jungautorinnen und -autoren mit anderen zusammen an ihren Texten. Drei Monate vor der Preisverleihung am südsteirischen Retzhof Anfang Mai werden die Stücke dann von Regisseuren auf ihre Inszenier- und von Schauspielern auf ihre Spielbarkeit hin überprüft. "Kaum sonst wo bekommt man eine solche Möglichkeit“, betont Christian Winkler, Preisträger aus dem Jahr 2007 und Regisseur beim diesjährigen Dramapreis.

Von den Autoren positiv verzeichnet wird die ehrliche Rückmeldung darüber, ob ihr Stück für den Theaterbetrieb überhaupt geeignet sei. Dass in einer solchen Situation auch gelernt werden müsse, mit Kritik umzugehen, sei außerdem eine nicht gering zu schätzende Erfahrung.

Seit nunmehr zehn Jahren bestücken Dramaforum und -preis nun schon das szenisch-literarische Firmament mit bislang unentdeckten Himmelskörpern, die mehr sind als lediglich Sternschnuppen. Mittlerweile schätzen neben zahlreichen deutschsprachigen Verlagen und Theaterhäusern auch vermehrt Schauspieler den Ideenreichtum des literarischen Nachwuchses. "Ich kenne kein Stück, das sich mit Butter beschäftigt“, lobt etwa die in Graz lebende Schauspielerin Ninja Reichert "am beispiel der butter“, das Stück des 28-jährigen, aus Graz stammenden Gewinners mit klingendem Namen Ferdinand Schmalz. Neben seinem Siegerstück würden sie inhaltlich auch die zwölf übrigen Stücke stark beeindrucken, denn: Der Arbeitsalltag einer Kerzenfabrik-Arbeiterin, die Sehnsüchte menschgewordener Computerwelt-Gestalten oder die besagte Abhandlung über Kuhbutter seien allesamt Themen, die ihr in der klassischen Literatur so noch nicht begegnet wären.

Für die 13 Jungliteraten wirkt neben dem Ideen-Pool, als welcher die Zusammenarbeit am Retzhof auch gerne bezeichnet wird, vor allem auch der gemeinschaftliche Charakter bestärkend. Viele wissen um den staubigen Weg, der bevorstehen könnte auf dem Weg zum Literaten. Am Ende einer gemeinsamen Arbeitszeit blicke man vor allem zurück auf das, was sich entwickelt habe - in inhaltlicher, persönlicher und menschlicher Hinsicht. Der Preis selbst, so Jungautor Thomas Böhm, trete mit Fortgang des neunmonatigen Programms ohnedies in den Hintergrund. Womit auch klar wird, dass nicht nur Dramapreis-Gewinner Ferdinand Schmalz ein beachtliches Stück Butter auf das karge Literaten-Brot abbekommen hat, sondern auch das übrige Dutzend seiner Kolleginnen und Kollegen.

http:// www.uni-t.org

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