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Feuilleton

Der spießbürgerliche Superheld

1945 1960 1980 2000 2020
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Superman ist 75 Jahre alt. Als Comic-Figur war der Abkömmling vom Planeten Krypton der erste der Superhelden, der modernen Version der griechischen Heroen oder germanischen Sagenhelden. Doch als Figur ist Superman an Biederkeit kaum zu überbieten.

Die Heroen der griechischen Mythologie, die Helden der germanischen Sagen - in jeder Kultur gibt es mythische Gestalten mit außerordentlichen Fähigkeiten, die ins Schicksal der Menschen eingreifen. In der heutigen Populärkultur verkörpern Superhelden diesen Archetypus. Nun feiert der allererste von ihnen Geburtstag: Superman. Vor 75 Jahren erblickte der Kostümierte mit den Superkräften als Comicfigur das Licht der Welt und diente als Vorbild zahlloser anderer Superhelden, die seither das kollektive Bewusstsein der westlichen Welt bevölkern.

In den 1930ern erlebten die Comicstrips in den USA ihre erste Blüte. Jede Zeitung veröffentlichte gezeichnete Fortsetzungsgeschichten: Abenteuergeschichten ("Tarzan“), Science Fiction ("Buck Rogers“) oder Krimis ("Dick Tracy“). 1933 hatte der damals 17-jährige Science-Fiction-Fan Jerry Siegel die Idee zu einem kostümierten Helden mit übermenschlichen Fähigkeiten, der Legende nach mitten in der Nacht. Gemeinsam mit seinem Freund Joe Shuster entwickelte er die Idee weiter (ganz zu Beginn war Superman ein glatzköpfiger Bösewicht). Doch selbst als die beiden bereits als Team im Comicgeschäft Fuß gefasst hatten, konnten sie keinen Verleger für diese neuartige Figur finden. "Nicht verkaufsträchtig“, hieß es.

Der Durchbruch des Comicheftes

Erst ein neuer Trend verhalf Superman zum Durchbruch: das Comicheft. 1938 erschien als eine der ersten Publikationen, die ausschließlich Comic-Geschichten enthielt, das Heft "Action Comics“. Um die Publikation termingerecht fertigstellen zu können, nahm der Herausgeber als Füllmaterial auch eine Superman-Geschichte hinein. "Action Comics“ wurde ein Riesenerfolg, aber erst nach mehreren Ausgaben wurde klar, dass in erster Linie Superman dafür verantwortlich war. Seither hat der Stählerne, wie er später auch genannt wurde, eine erstaunliche Karriere hingelegt. Er war der Protagonist zahlloser Comics, er stand aber auch im Zentrum von Radioserien, Trickserien, TV-Serien, Animationsfilmen und Kinofilmen. Dieser Tage kommt auch die Neuverfilmung des Stoffes unter dem Titel "Man of Steel“ durch Regisseur Zack Snyder ("300“) in die Kinos.

Im Lauf der Zeit wurde aus einem bloßen Übermenschen ("Schneller als eine Gewehrkugel, stärker als eine Lokomotive, und in der Lage, hohe Gebäude in einem einzigen Sprung zu überwinden“) ein unverwundbares, mit einer beinahe göttlichen Allmacht ausgestattetes Wesen, das über unglaubliche Veranlagungen wie Supergehör, Röntgenblick und Superpuste verfügt. Immer wieder mussten seine ausufernden Kräfte durch eine erzählerische Volte auf ein menschlicheres Maß zurechtgestutzt werden. Siegel und Shuster hingegen wurden mit 130 Dollar für die Rechte an ihrer Idee abgefertigt. Erst 1978 wurde ihnen nach jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen eine jährliche Apanage von 24.000 Dollar zugesprochen, seither werden auch ihre Namen als Schöpfer der Figur zu Beginn jeder Superman-Geschichte genannt.

Supermans enorme Popularität steht im krassen Gegensatz zu seinem farblosen Charakter. Man muss es in dieser Härte sagen: Superman ist ein Langweiler. "Eine Promenadenmischung von Heros und Spießer“ beschrieb ihn der Philosoph Günther Anders.

Es gibt wahrlich Superhelden, deren Vita um einiges packender und dramatischer ist. Man denke an Spider-Man, der mit seinen Spinnenkräften das Verbrechen bekämpft, aber von der Polizei wie ein Verbrecher gejagt wird. Im Privatleben ist er ein Außenseiter, der sich gerade noch mit einem prekären Job als Fotograf über Wasser halten kann und der sich mit seiner unkonventionellen Freizeitbeschäftigung um sämtliche Aussichten auf Erfolg in Berufs- und Privatleben bringt. Oder der hierzulande weniger bekannte Silver Surfer, ein edles Wesen aus dem Kosmos, das auf den für ihn barbarischen Planeten Erde verbannt ist. Er verzehrt sich in Liebe zu seiner verlorenen Frau, doch statt Trost schlägt ihm nur der Hass der Menschen entgegen.

Spider-Man, Silver Surfer, X-Men

Es gibt auch Superhelden, die aus einer politischen Perspektive wesentlich faszinierender sind, etwa die X-Men. Diese Gruppe von Mutanten mit Superkräften wurde in den 1960er Jahren als Metapher der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung wahrgenommen. Der besonnene Chef der X-Men, Professor X, wurde mit Martin Luther King identifiziert, in seinem finsteren Gegenspieler Magneto erkannten manche den radikalen Schwarzenführer Malcolm X. In den Comics wie in den Filmen geht es um die Ausgrenzung von Minderheiten, aber auch um das Verhalten der Minderheit gegenüber der Mehrheitsgesellschaft. Magneto hasst die Menschen, hält die Mutanten für überlegen und strebt die Herrschaft über die Menschheit an. Das Ziel von Professor X hingegen ist die Integration in die menschliche Gesellschaft - eine Integration, die nur gelingen kann, wenn die X-Men mit den Radikalen in ihren eigenen Reihen fertig werden.

Superman hingegen verkörpert den Mainstream, den American Way of Life. Durch seine Herkunft vom zerstörten Planeten Krypton, von wo er als Baby zur Erde geschossen wurde, verfügt er zwar über Migrationshintergrund, aber das drückt ihm kein Stigma auf. Gemäß der "Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Ideologie erobert sich das Waisenkind, das bei liebevollen Pflegeeltern aufwächst, allein aufgrund seiner Fähigkeiten einen Platz in der Welt. Die Sympathien der Menschen fliegen ihm nur so zu. Er hat keine existenziellen Probleme und ist mit sich selbst im Reinen. Er weiß, was falsch und was richtig ist. Konsequenterweise ist er eine Art Superpolizist, der für Ordnung sorgt am Erdenrund. Superman ist ein Vertreter von Law and Order, vor allem seit den 1980er Jahren. Zu seiner Verteidigung sei gesagt, dass er kein Befürworter der Todesstrafe ist; selbst seine schlimmsten Gegner lässt er immer mit dem Leben davonkommen.

Nichtraucher und Vegetarier

Im Gegensatz zu vielen anderen Superhelden ist er auch in seiner Geheimidentität erfolgreich: Wenn er nicht gerade die Welt rettet, führt Superman unter dem Namen Clark Kent unerkannt ein unauffälliges Leben inmitten der gewöhnlichen Menschen. Als Reporter hat er einen sicheren Arbeitsplatz in einer der bedeutendsten Zeitungen der Welt, dem Daily Planet. Wenn Superman nicht durch die dunklen Machenschaften eines Bösewichts seiner moralischen Urteilskraft beraubt wird, hält er sich penibel an eine jeweils ziemlich rigide Auslegung des aktuellen Sittenkodex. Er verkörpert immer das Anständige, wie auch immer dies in der jeweiligen Epoche aussieht. Nichtraucher war er schon immer, im Jahr 2004 wurde er sogar zum Vegetarier. Vermutlich würde er mittlerweile sogar die Grünen wählen, wäre da nicht die Sache mit dem grünen Kryptonit: dieses Gestein von Supermans Heimatplaneten hat eine giftige Wirkung auf ihn, es könnte ihn sogar töten, wenn er sich dessen Strahlung zu lange aussetzte.

Vielleicht liegt gerade im Gegensatz zwischen Clark Kents Biederkeit und Supermans herausragenden Fähigkeiten die Erklärung für die Popularität dieser janusköpfigen Figur. Man darf die Anzahl jener nicht unterschätzen, die Ideen, Vorhaben oder Begabungen in sich tragen, von denen kein Nachbar, kein Arbeitskollege, ja vielleicht nicht einmal die eigene Familie etwas weiß. Wer verspürt nicht hin und wieder den Wunsch, sich die Fesseln des Alltags vom Leib zu reißen so wie Superman Clark Kents Kleidung? Auch wenn Superman ein vergleichsweise blasser Superheld ist, so erfüllt er doch eine psychologische Funktion, die einst andere mythische Gestalten erfüllten: Stellvertretend bekämpft und besiegt er das Böse. Damit verschafft er den Schwachen Trost für erlittene Ungerechtigkeiten und erlöst die Bequemen von dem schlechten Gewissen, selbst nichts zur Verbesserung der Welt beizutragen.

Man of Steel

USA 2013. Regie: Zack Snyder. Mit Henry Cavill. Warner. 143 Min.