Ein Tabubruch mit wild wuchernden Wörtern

Das Schauspielhaus Wien eröffnet die Saison mit einer provokativen Dramatisierung des Skandalromans "Die Wohlgesinnten“. Ein Kraftakt.

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Im August 2014 wird sich der Ausbruch des 1.Weltkrieges zum 100. Mal jähren. Das Wiener Schauspielhaus widmet sich schon jetzt diesem als Epochenbruch verstandenen Ereignis. Unter dem Motto "Hundert Jahre Wahn & Sinn“ werden in dieser Spielzeit elf Produktionen (darunter sieben Uraufführungen) der Geschichte - und wie sie noch immer unsere Gegenwart bestimmt - nachgehen.

Auftakt zur szenischen Erkundung macht der als Spezialist für die Dramatisierung epischer Stoffe bekannte italienische Regisseur Antonio Latella mit der Adaptierung von Jonathan Littells heftig umstrittenen Monumentalroman "Die Wohlgesinnten“ aus dem Jahre 2006.

NS-Zeit aus der Täterperspektive

In seinem Erstlingsroman (Orig. "Les Bienveillantes“), der allein in Frankreich mehr als 800.000 Mal verkauft worden ist und mit dem renommiertesten Literaturpreis Frankreichs, dem Prix Concourt, ausgezeichnet wurde, schildert Littell den Holocaust in einem Mix aus Fakt und Fiktion. Es war nicht so sehr diese Mischung aus Dichtung und Wahrheit, die die Kritik spaltete, als vielmehr die Tatsache, dass er die Gräuel der NS-Diktatur aus dem fiktiven Blick eines SS-Offiziers schonungslos, mit quälender Ausführlichkeit nacherzählt. Der Tabubruch lag dabei nicht in der detailversessenen, expliziten Beschreibung des Terrors, die dem in Frankreich aufgewachsenen jüdischen Autor mit amerikanischem Pass mitunter den Vorwurf eingetragen hat, einen Pornokitsch des Bösen geschrieben zu haben, als vor allem darin, Auschwitz ausschließlich aus der Täterperspektive zu beschreiben.

Littell interessiert sich für die Täter, für ihre Motive. Dabei berichtet er nicht rein dokumentarisch, sondern er fühlt sich in die Täter ein, in der Hoffnung, über die Macht der Fiktion an etwas heranzukommen, was kein Bericht eines Zeitzeugen je beinhalten kann, eine Wahrheit, die historischen Quellen nicht enthalten. Manche mögen aus diesem Grunde in dem Roman gar eine bedeutende Ergänzung zur bisherigen NS-Geschichtsschreibung sehen.

Kammerspiel

Gemeinsam mit dem Dramaturgen Federico Bellini hat Antonio Latella aus dem in der deutschen Übersetzung 1400 Seiten starken Brocken eine Bühnenfassung herausgemeisselt. Dramatisierung wäre angesichts des ohnehin Undarstellbaren, wovon im Roman die Rede ist, falsch ausgedrückt. Latella entwirft stattdessen das Selbstporträt eines überzeugten NS-Täters. Im Zentrum des dreieinhalbstündigen Kammerspiels mit drei Personen und einem Sänger (der Countertenor Maurizio Rippa) steht Maximilian Aue (bewundernswert intensiv und textsicher Thiemo Strutzenberger), dessen Innenleben ausgeleuchtet werden soll, wie gleich zu Anfang deutlich wird, wenn der Sänger mit einem großen Scheinwerfer jeden Winkel des Theaters ausleuchtet. Aue ist dabei kein gewöhnlicher Schlächter. Er ist promovierter Jurist und kultivierter Schöngeist. Er spricht Altgriechisch, spielt Klavier, bewundert Flaubert. Daneben allerdings hat er ein inzestuöses Verhältnis zu seiner Schwester (Barbara Horwath) und hat vermutlich seine Mutter umgebracht. Und er ist homosexuell, was ihn erpressbar macht für den zynischen Rassenideologen Thomas Hauser (großartig gespielt von Steffen Höld), der sein Bewusstsein mit literweise Schnaps und Sekt benebelt. Das Auslebenkönnen seiner Homosexualität scheint gleichsam die ferne Wunschprojektion Aues zu sein, ist doch auf einer die ganze Bühnenbreite einnehmende Videoprojektion im Hintergrund das friedliche, heimliche Treiben bei der Löwenbrücke im Berliner Tiergarten zu sehen, ein bekannter Treffpunkt für Homosexuelle.

Unbeantwortete Fragen

Die Schwäche und die Provokation von Latellas Dramatisierung liegt darin, dass sie dem eigenen Anspruch kaum gerecht wird, vielleicht nicht gerecht werden kann, das Innenleben der Täter, das Böse "verstehbar“ zu machen. Die zentrale, monströse und gleichermaßen faszinierende Frage, was die Täter antreibt, was sie empfinden, bleibt unbeantwortet. Das liegt daran, dass Latella zu sehr auf das im Buch angelegte intertextuelle Spiel setzt, die Protagonisten in der antiken Tragödie, der Orestie zu verorten. Denn indem er aus Aue den Helden Orest macht, ist dieser für seine Taten nicht mehr verantwortlich. Dann wird der Satz, den Aue mal sagt, "ich bin ein Mensch wie jeder andere, ein Mensch wie ihr“ unerträglich.

Die Wohlgesinnten

Schauspielhaus Wien

18., 19. Oktober; 8., 9., 30. November

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