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Feuilleton

EINE ART MEMORY STICK

1945 1960 1980 2000 2020

OLGA MARTYNOVA STELLT MIT IHREM ROMAN EINMAL MEHR IHR LITERARISCHES TALENT UNTER BEWEIS.

1945 1960 1980 2000 2020

OLGA MARTYNOVA STELLT MIT IHREM ROMAN EINMAL MEHR IHR LITERARISCHES TALENT UNTER BEWEIS.

Olga Martynova ist aus der deutschsprachigen Literatur nicht mehr wegzudenken. Schon seit den Neunzigerjahren lebt die in Sibirien geborene und in Leningrad aufgewachsene Autorin in Frankfurt am Main und publiziert Lyrik auf Russisch und Prosa auf Deutsch. Mit einem Kapitel aus ihrem neuen Buch "Mörikes Schlüsselbein" hat sie 2012 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen.

Vor drei Jahren erschien ihr Roman-Debüt "Sogar Papageien überleben uns". Bereits hier zeichnet Martynova ein sensibles Bild von der russischen Gesellschaft, Geschichte und Literatur, in deren Mittelpunkt der avantgardistische Autor Diniil Charms steht. Zwei Figuren daraus, Andreas und Marina, tauchen auch in ihrem neuen Roman wieder auf, obgleich das Geschehen trotz einiger Anknüpfungspunkte ganz anders verortet ist.

Verwobene Leben

Der Plot ist schwer festzulegen, da die komplexe und überaus kunstvoll angelegte schwebende Handlung eine Vielzahl narrativer Ebenen bündelt. Martynova versteht es auf wunderbare Weise, mittels schneller Schwenks Blitzlichter auf das Leben der verschiedenen Figuren zu werfen, die miteinander verwoben sind. Da ist eine Patchworkfamilie in Deutschland: der Literaturprofessor Andreas Bach mit seinen beiden Kindern Franziska und Moritz. Von der Mutter der beiden Kinder hat er sich getrennt, jetzt ist er mit der Russin Marina verheiratet, die er schon vor seiner ersten Ehe in Leningrad kennen gelernt hat. Das Paar hat viele gemeinsame Freunde: Dichter, Literaturinteressierte, Bohemiens, Künstler in Amerika und in Petersburg. Die Themen dieses Romans oszillieren um Liebe, Freundschaft, Kunst, Themen dieses Romans oszillieren um Liebe, Freundschaft, Kunst, um das Leben in neuen Konstellationen, etwa als Familie, aber auch im Ausloten neuer Existenzformen. Der amerikanische Literaturprofessor John Perlman beispielsweise wird als Übersetzer und Jugendfreund des russischen Dichters Fjodor Stern eingeführt. Nach dessen Besuch in Amerika möchte John ein Sabbatical nehmen und einige Zeit "einen ungebundenen Menschen spielen". Er gerät in eine Zeitschleife und erprobt Rituale nach der Lehre der Schamanen. Gleichgesinnte erkennt er an der grün-orange gestreiften Decke. In der Zwischenzeit stirbt sein Dichterfreund Fjodor, dessen Frau Natascha er später heiratet. Alles ist miteinander verzahnt, aber das zeigt sich erst später. Doch in der Taiga begreift er, "dass jede Minute ausgebeutet werden muss, dass sie wie die allerletzte gelebt werden muss".

Hölderlins Poesie

In diesem Sinne rät ihm ein Schamane, "so zu leben, als würde [er] ewig leben. Was davor war, ist nicht mehr da. Was kommt, ist noch nicht da. Nur das zählt, was jetzt ist." Und "jeder Mensch ist eine Art Memory Stick, er sammelt Information, die nach seinem Ableben in den Hauptspeicher kommt."

Als Leitmotiv dieses Romans fungiert das opak leuchtende Schlüsselbein Mörikes, das im Tübinger Stift in einer Vitrine ausgestellt wird, sich später jedoch als "Studentenscherz" entpuppt. Moritz imaginiert, dass der Dichter einst den alten Hölderlin besucht hat, der ihm sein Schlüsselbein geschenkt habe, weil sich darin der Sitz der poetischen Kraft befinde. Mörike soll stattdessen sein eigenes in den silbern glänzenden Neckar geworfen haben. Moritz sinniert über trunkene Schwäne, gerät dabei in den Sprachduktus Hölderlins, ja entdeckt die Poesie in ihm und beschließt, die Geschichten allesamt aufzuschreiben.

Rasche Schnitte

Martynova arbeitet durchwegs mit raschen Schnitten. Kurzzeitig zoomt sie das Leben der Figuren heran, die miteinander zu tun haben, lässt sie auf die Bühne treten und belichtet Ausschnitte daraus so, dass sich nach und nach ein Puzzle kaleidoskopartig zum Ganzen fügt, aber dennoch nie abgeschlossen erscheint. Diesem leichtfüßig komponierten, ungemein bildreichen Roman hat Martynova auch die russische Geschichte eingeschrieben -zwischen Heimat und Sehnsucht, Identität und Leid. Ein kluges, höchst poetisches Buch!

Mörikes Schlüsselbein Roman von Olga Martynova Droschl 2013.320 S., geb., € 22,-

Olga Martynova ist aus der deutschsprachigen Literatur nicht mehr wegzudenken. Schon seit den Neunzigerjahren lebt die in Sibirien geborene und in Leningrad aufgewachsene Autorin in Frankfurt am Main und publiziert Lyrik auf Russisch und Prosa auf Deutsch. Mit einem Kapitel aus ihrem neuen Buch "Mörikes Schlüsselbein" hat sie 2012 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen.

Vor drei Jahren erschien ihr Roman-Debüt "Sogar Papageien überleben uns". Bereits hier zeichnet Martynova ein sensibles Bild von der russischen Gesellschaft, Geschichte und Literatur, in deren Mittelpunkt der avantgardistische Autor Diniil Charms steht. Zwei Figuren daraus, Andreas und Marina, tauchen auch in ihrem neuen Roman wieder auf, obgleich das Geschehen trotz einiger Anknüpfungspunkte ganz anders verortet ist.

Verwobene Leben

Der Plot ist schwer festzulegen, da die komplexe und überaus kunstvoll angelegte schwebende Handlung eine Vielzahl narrativer Ebenen bündelt. Martynova versteht es auf wunderbare Weise, mittels schneller Schwenks Blitzlichter auf das Leben der verschiedenen Figuren zu werfen, die miteinander verwoben sind. Da ist eine Patchworkfamilie in Deutschland: der Literaturprofessor Andreas Bach mit seinen beiden Kindern Franziska und Moritz. Von der Mutter der beiden Kinder hat er sich getrennt, jetzt ist er mit der Russin Marina verheiratet, die er schon vor seiner ersten Ehe in Leningrad kennen gelernt hat. Das Paar hat viele gemeinsame Freunde: Dichter, Literaturinteressierte, Bohemiens, Künstler in Amerika und in Petersburg. Die Themen dieses Romans oszillieren um Liebe, Freundschaft, Kunst, Themen dieses Romans oszillieren um Liebe, Freundschaft, Kunst, um das Leben in neuen Konstellationen, etwa als Familie, aber auch im Ausloten neuer Existenzformen. Der amerikanische Literaturprofessor John Perlman beispielsweise wird als Übersetzer und Jugendfreund des russischen Dichters Fjodor Stern eingeführt. Nach dessen Besuch in Amerika möchte John ein Sabbatical nehmen und einige Zeit "einen ungebundenen Menschen spielen". Er gerät in eine Zeitschleife und erprobt Rituale nach der Lehre der Schamanen. Gleichgesinnte erkennt er an der grün-orange gestreiften Decke. In der Zwischenzeit stirbt sein Dichterfreund Fjodor, dessen Frau Natascha er später heiratet. Alles ist miteinander verzahnt, aber das zeigt sich erst später. Doch in der Taiga begreift er, "dass jede Minute ausgebeutet werden muss, dass sie wie die allerletzte gelebt werden muss".

Hölderlins Poesie

In diesem Sinne rät ihm ein Schamane, "so zu leben, als würde [er] ewig leben. Was davor war, ist nicht mehr da. Was kommt, ist noch nicht da. Nur das zählt, was jetzt ist." Und "jeder Mensch ist eine Art Memory Stick, er sammelt Information, die nach seinem Ableben in den Hauptspeicher kommt."

Als Leitmotiv dieses Romans fungiert das opak leuchtende Schlüsselbein Mörikes, das im Tübinger Stift in einer Vitrine ausgestellt wird, sich später jedoch als "Studentenscherz" entpuppt. Moritz imaginiert, dass der Dichter einst den alten Hölderlin besucht hat, der ihm sein Schlüsselbein geschenkt habe, weil sich darin der Sitz der poetischen Kraft befinde. Mörike soll stattdessen sein eigenes in den silbern glänzenden Neckar geworfen haben. Moritz sinniert über trunkene Schwäne, gerät dabei in den Sprachduktus Hölderlins, ja entdeckt die Poesie in ihm und beschließt, die Geschichten allesamt aufzuschreiben.

Rasche Schnitte

Martynova arbeitet durchwegs mit raschen Schnitten. Kurzzeitig zoomt sie das Leben der Figuren heran, die miteinander zu tun haben, lässt sie auf die Bühne treten und belichtet Ausschnitte daraus so, dass sich nach und nach ein Puzzle kaleidoskopartig zum Ganzen fügt, aber dennoch nie abgeschlossen erscheint. Diesem leichtfüßig komponierten, ungemein bildreichen Roman hat Martynova auch die russische Geschichte eingeschrieben -zwischen Heimat und Sehnsucht, Identität und Leid. Ein kluges, höchst poetisches Buch!

Mörikes Schlüsselbein Roman von Olga Martynova Droschl 2013.320 S., geb., € 22,-