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Gegen Zwetschkenbaum

"Die Drachsche Kunstsprache zeigt, wie Menschen durch sprachliche Denunziation und pseudoobjektive Protokollführung systematisch zugrunde gerichtet werden. Aus der Mühle der infamen Verhöre und haltlosen Anschuldigungen kann Zwetschkenbaum nur als ein Beschädigter wieder hervorkommen." Bernhard Fetz

Albert Drachs Protokollstil hält den Prozess der Wahrheitsfindung in Gang. Zum 100. Geburtstag des "wütenden Weisen".

In dem sehr zweifelhaften Schatten eines sogenannten Zwetschkenbaumes saß ein Mann, der hieß auch Zwetschkenbaum, aber er war es nicht. ("Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum")

Immer fehlt etwas: Am Beginn von Albert Drachs autobiografischem Protokoll "Z.Z. das ist die Zwischenzeit" über die Jahre 1935-1938 ist es der Vater, der fehlt, mit ihm die bürgerliche Vaterordnung, die für den Juden Drach im austrofaschistischen Ständestaat zugrunde geht. Dann geht das Haus verloren, der Drachhof in Mödling, in dem sich der Nazi-Hausmeister einnistet; nach dem Krieg muss Drach jahrelang um die Rückgewinnung seines Besitzes kämpfen. Drachs autobiografischem alter ego Peter Kucku schließlich, in "Unsentimentale Reise", dem Buch über das Exil in Südfrankreich, fehlt das ck zum ganzen Vogel, zum Kuckuck. Und auch in "Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum", 1939 in nur wenigen Monaten im südfranzösischen Exil verfasst, fehlt etwas. Zuerst einmal fehlen Zwetschken. Dies führt in der Folge für einen armen ostgalizischen Talmudschüler zum Verlust der Freiheit. Denn zum Verhängnis wird dem naiven Helden, der seinen Gott sucht und von einer heimtückischen Welt gefunden wird, eine Rast unter einem fremden Zwetschkenbaum. Dort soll er Zwetschken gegessen haben, die ihm nicht gehören. Was aber am schwersten wiegt: Gott scheint abwesend zu sein.

Kein Zufall

Einer Unterscheidung zufolge, die Horaz in seiner Dichtkunst getroffen hat, kann man eine Geschichte entweder von Anbeginn an erzählen, "ab ovo", oder man kann den Leser sogleich mitten hinein ins Geschehen führen, "in medias res", ohne sich bei Nebensächlichkeiten wie verwirrenden Genealogien aufzuhalten, was gleich Klarheit schafft. Albert Drach entwirft mit äußerster Präzision Unklarheit: Als ob er den Horazschen Kategorien eins auswischen wollte, ist der Anfang von "Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum" ein Zwitter. Zwar erfahren wir von Zwetschkenbaum gleich im ersten Satz das Wichtigste, nämlich dass er unter einem Baum gleichen Namens sitzt, was der Ausgangspunkt seines weiteren Schicksals ist. Andererseits beginnt Drach aber auch "ab ovo", wenn er den Namen auf den Baum und den Baum auf den Namen prallen lässt:

Diese Familienbezeichnung gibt nämlich allerdings einen guten Namen für die damit gemeinte Pflanze mit verholztem Stengel oder Stamm ab. Denn sie ist gebräuchlich für alle Gewächse solcher Art, welche hinwiederum nützlich und beliebt sind. Dagegen hält man erwähnten Namen für schlecht, wenn er einen Menschen betrifft. (...) Man ist zu einer absprechenden Ansicht deshalb gelangt, weil die Benennung besagten Vegetationsteiles auch noch häufig von einer Spezies Kreatur (Gattung Lebewesen) für sich in Anspruch genommen wird, die man gemeinhin Juden nennt. Und so ist es auch kein Zufall, daß es einmal einen Juden namens Zwetschkenbaum gab, von dem hier die Rede ist."

Kein Zufall, wo doch jedem Faktum gleich ein "zweifelhaft" oder "sogenannt" auf dem Fuße folgt? Kein Zufall vielleicht deshalb, weil "gemeinhin" so gedacht und gesprochen wird? Kein Zufall, weil dem Gottesfürchtigen alles vorherbestimmt ist, weil Gott seine Wege leitet, im Guten wie im Bösen? Aus jeder Laune kann dem Helden bei Drach ein Strick gedreht werden. Jede Meinung kann tödlich sein. Zwetschkenbaum war danach zumute, unter einem Baum gleichen Namens die Bibel hebräisch zu zitieren, "einen hebräischen Autor mit singender Stimme" aufzusagen. Dies gibt er zu Protokoll, nachdem er festgenommen wurde. Der einfältige Tor Zwetschkenbaum darf sich in seiner Welt nicht ausspinnen, die Ordnung der Gesetze holt ihn ein. Sie duldet keine anderen Götter neben sich. Die Drachsche Kunstsprache zeigt, wie Menschen durch sprachliche Denunziation und pseudoobjektive Protokollführung systematisch zugrunde gerichtet werden. Aus der Mühle der Anstalten und Gefängnisse, der infamen Verhöre und haltlosen Anschuldigungen kann Zwetschkenbaum nur als ein Beschädigter wieder hervorkommen.

Hinzu kommt im "Großen Protokoll gegen Zwetschkenbaum" die Frage nach dem abwesenden Gott. Das Opfer, "Zwetschkenbaum", so mutmaßen seine Mitinsaßen in einer Verwahrungsanstalt, könnte durchaus eine Inkarnation des höchsten Wesens auf Erden sein, er "drücke sich in einer so prachtvollen Sprache aus, daß man glaube, hier liege ein alter Prophet". Auch hat Zwetschkenbaum Visionen, die drei gelehrten Rabbinern zur Begutachtung vorgelegt werden. Es geht um Zwetschkenbaums zentrales Problem: Wie sich als Gläubiger im Angesicht des Bösen verhalten? Wie das Erlittene in den Kontext der göttlichen Vorsehung einordnen? Wie, schließlich, Schuld auf sich nehmen, wo man unschuldig ist? Die ersten beiden Versionen plädieren für bzw. gegen den Kampf mit dem Bösen, die Version des dritten Rabbi hingegen bringt in streng dialektischer Zucht die Synthese:

"Danach sei Zwetschkenbaum schuldig, ohne geradezu schuldig zu sein. Er trage am jüdischen Schicksal. Der Jude betrauere den Bösen, darum bekämpfe er ihn nicht. (...) Der Jude werde wider seinen Willen geopfert und doch zuletzt am Leben erhalten. Sein Schicksal sei daher zwar traurig, entbehre aber der Tragik des Helden. Um die Welt gehetzt, könne er nirgends Wurzeln fassen und doch von denen nicht los, die verwurzelt seien."

Dies ist eine - vorläufige - Auflösung des Rätsels, das der Beginn des Romans formuliert. Zur Identität gehören Namen und Familienverhältnisse. Nachdem ersterer sich im Wirrwarr der Benennungen gleich zu Beginn aufzulösen droht, tragen auch die in den folgenden Sätzen nachgereichten familiären Umstände des Helden nicht zur Dingfestmachung einer Geschichte bei.

Welche Geschichte?

Ist es die Geschichte des armen Juden Zwetschkenbaum, die hier erzählt wird? Ist es die Geschichte des Protokollanten, der von Zwetschkenbaum berichtet? Zwetschkenbaum gibt einem Protokollführer, der zugleich der Erzähler ist, seine Familiengeschichte zu Protokoll. Dieser "Erzähler-Protokollant" versieht die Aufzählung des Schicksals von Zwetschkenbaums Brüdern und Schwestern mit zynischen Kommentaren. Die Stelle, die ich zitiere, setzt ein mit der Nennung des fünften Bruders:

"Der fünfte Bruder, Itzig, sei krank. Man habe ihm bei einem Pogrom die Wirbelsäule gebrochen (Anmerkung: vielleicht hat er sich dieses Übel auch anderweitig zugezogen). Der Rest aus Geschwistern bestehe aus einer Schwester Jerucheme, die sich in Lemberg angeblich durch Arbeit fortbringe (Anmerkung: wahrscheinlich also durch geheime Prostitution). Er, Schmul Leib Zwetschkenbaum, vierundzwanzig Jahre alt, mosaisch, ledig, von Beruf Talmudschüler, ohne festen Wohnsitz, ist sichtlich hüftenkrumm, weil er einmal irgendwo gefallen sei (Anmerkung: vielleicht von einem fremden Obstbaum). (...) Unter den Zwetschkenbaum aber habe er sich gesetzt (wörtlich: sei er zu sitzen gekommen), weil sich kein anderer Baum im Umkreis befinde."

Ständiger Blickwechsel

Beladen mit dieser Familiengeschichte und ausgestattet mit einem zwiespältigen Namen schickt der Autor seinen Helden auf den Weg, der so krumm ist wie Zwetschkenbaums Gestalt. Gleich beim ersten Schritt, bei den ersten Sätzen gerät er ins Stolpern. Und mit ihm der Leser. Auf welche Weise dieser den Raum einer Erzählung betritt, ist alles andere als unerheblich für den Verlauf der weiteren Lektüre. Wer stolpert, blickt in der Regel zurück, um den Stein des Anstoßes ins Visier zu nehmen, auch wenn dieser hier ein Baum ist. Den Blickpunkt ständig zu wechseln, ist die wichtigste Eigenschaft des Drachschen Protokollstils. Er hält in Bewegung, was vor Gericht und in schlechten Büchern zum Stillstand gebracht wird: den Prozess der Wahrheitsfindung.

Der Autor ist Literaturwissenschaftler und Mitarbeiter des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek.

"100 Jahre Bosheit"

1902 als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts geboren, kehrte Drach nach dem Exil in Frankreich 1947 wieder nach Österreich zurück. Als Autor war er nahezu unbekannt, bis 1964 sein bereits 1939 verfasster Roman "Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum" (2002 als Taschenbuch bei dtv neu aufgelegt) erschien. Große Interviews folgten und wochenlang war das Buch auf den österreichischen Bestsellerlisten. Bald warf man dem jüdischen Autor "entsetzlichen Antisemitismus" vor. Juden sollten, so die scheinheilige Erwartung des allgemeinen schlechten Gewissens, positiv, integer und am besten bemitleidenswert dargestellt werden. Drachs zynischer Protokollstil, sein Markenzeichen, ist jedoch an der sprachlichen Oberfläche gegen die Opfer gerichtet - freilich um den Prozess zu zeigen, mit dem sie zu solchen gemacht werden. Drachs literarische Protokolle sind eine Partitur sprachlicher Herrschaftsmechanismen. Das funktioniert in der "Unsentimentalen Reise" - dem Roman, mit dem der inzwischen erblindete Drach 1988 wiederentdeckt wurde und den Georg-Büchner-Preis erhielt - am Beispiel der Juden ebenso eindrucksvoll wie in der "Untersuchung an Mädeln" (eben neu bei Zsolnay erschienen) am Beispiel von Frauen. In dem autobiographischen Buch "Z.Z. das ist die Zwischenzeit", Drachs Verarbeitung der Jahre 1935-38, wendet sich die Erzählweise sogar gegen den eigenen Autor.

Unter dem schönen Titel "100 Jahre Bosheit" fand am vergangenen Wochenende in Wien ein Drach-Symposium statt, auf dem verschiedene Autorinnen und Autoren ihren Lieblingssatz von Drach kommentierten. Die Texte von Bernhard Fetz und Antonio Fian wurden auf diesem Symposium vorgetragen.

Die neue Drach-Biographie "Ein wütender Weiser" von Eva Schobel wurde auf die SWF-Bestenliste gesetzt (siehe Rezension Seite 23). CH

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