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Hysterie der Literaturkritik

Ich glaube ja, dass sich dieser Wettbewerb (die Pottermania ausgenommen) unbedankt, ja unbemerkt von jenem Publikum abspielt, für das er inszeniert wird. Oder haben Sie etwa im Kopf, wann der neue Handke, der neue Köhlmeier, die neue Schreiner erscheinen sollen? Ist der Tag in Ihrem Kalender rot angestrichen? Stürzen Sie zur Trafik, um jenes Qualitätsfeuilleton zu ergattern, das womöglich schon eine Rezension des Opus bietet? Verachten Sie die Redaktion der einen Tageszeitung, wenn sie mit ihrer Handke-Kritik eine Woche später dran ist als die Redaktion der anderen Tageszeitung, aber immer noch viel früher als die Neue Zürcher oder die Furche, die sich für solche Atemlosigkeit zu gut sind?

In den Feuilletons deutscher Sprache hat sich ein Wettlauf eingebürgert, der immer abstrusere Formen annimmt. Nicht der Inhalt zählt, sondern allein das ius primae recensionis, als komme es in der Literaturkritik auf einen so schwankenden Parameter wie "Aktualität" an. Die Insider des literarischen Betriebs steigern sich in eine für Außenstehende kaum nachvollziehbare Christkind-Erwartung hinein. Die Verlage leisten dem Beschleunigungswahnwitz willig Vorschub. Sie versorgen die Kritiker mit Druckfahnen und "Vorausexemplaren" und legen für Rezensionen eine "Sperrfrist" bis zum Erscheinungstermin fest. Weil nun aber jede Literaturredaktion der Konkurrenz zuvorkommen will, hält sich keiner mehr an die Frist. Wenn dann Leser, animiert von vorpreschendem Lob, das Buch kaufen wollen, ist es noch gar nicht erhältlich. Und alle ärgern sich - die Leser, die Buchhändler, die Verleger, die Autoren.

Wenn man mich das nächste Mal auffordert, binnen weniger Tage ein Buch zu besprechen, das mir der Verlag noch gar nicht geschickt hat, dann verfasse ich meine Kritik ohne Buch. Bin gespannt, ob das irgendwer merkt.

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin in Wien.

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