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Motor in der Solidaritätsmaschine EU

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BOKU-Professor Manfried Welan erinnert sich an einen BOKU-Absolventen, über den Hans Rauscher ein Buch geschrieben hat.

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BOKU-Professor Manfried Welan erinnert sich an einen BOKU-Absolventen, über den Hans Rauscher ein Buch geschrieben hat.

Als alter Lehrer wird man oft von Studierenden nach Vorbildern gefragt. Da nenne ich ihnen auch Absolventen der BOKU wie Josef Riegler und Franz Fischler. Fischler kann zur Nachahmung empfohlen werden. Er war immer einer unserer besten Studenten, Absolventen und Assistenten. Allerdings ist er schon als Student dafür eingetreten, daß das Studium strenger werden soll. Er wollte mehr intellektuelle Herausforderungen.

Als Landwirtschaftskommissar steht er vor der größten Herausforderung seines Lebens. Er soll die gemeinsame Agrarpolitik auf sicherem Kurs ins kommende Jahrhundert steuern. Er soll die Weiterentwicklung der bäuerlichen Landwirtschaft in Europa gewährleisten. Er soll für eine integrierte Entwicklung des ländlichen Raumes ohne regionale Gebietsabgrenzungen sorgen. Die Agenda 2000 ist ein Teil der europäischen Schicksalsfrage.

Fischler steht im Trommelfeuer vieler Interessen. Es geht ihm um die Reform eines fehlgesteuerten Systems von Gestern, das ein berühmter Agrardenker die "subventionierte Unvernunft" genannt hat. Seine Reformvorschläge werden nicht ohne Schwierigkeiten sein. Aber die Bauern würden in einigen Jahren eine Politikergeneration verfluchen, "die sie nur mit Subventionszuckerln ruhig zu stellen versucht".

Fischler ist kein Liberaler, sondern ein Mensch konservativer Lebensform und -führung. Aber er ist ein aufgeklärter, offener Konservativer und wettbewerbsorientierter und internationaler als die meisten ÖVP-Politiker. Seine Karriere vom BOKU-Assistenten über den Kammeramtsdirektor der Tiroler Landwirtschafskammer, den Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft bis hin zum Agrarkommissar der EU ist beeindruckend.

Fischler ist ein Motor in der EU-Maschine. Sie ist für ihn vor allem eine Wertegemeinschaft und eine gewaltige Solidaritätsmaschine, bei der die reichen Länder den ärmeren unter die Arme greifen, durchaus auch zu ihrem eigenen Nutzen. Wir sind schon längst kein Staat im alten Sinn mehr. Wir haben an Souveränität verloren. Aber dieser Verlust wird durch unsere Mitwirkungsrechte auf der europäischen Ebene ausgeglichen. Nur die EU kann im weltweiten Wettbewerb die gemeinsamen europäischen Interessen wahren und das europäische Gemeinwohl gegenüber der übrigen Welt durchsetzen. Fischler hat das erkannt. Er ist über die regionalen und nationalen Interessen hinausgewachsen. Er hat europäisches Format.

FRANZ FISCHLER Provokationen eines österreichischen Europäers Von Hans Rauscher Signum Verlag, Wien 1998 288 Seiten, öS 291,

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