Digital In Arbeit

New Orleans und Wien

Wie Kultur und Identität überleben in verwüsteten Metropolen.

Am 26. Oktober 1955, vor 50 Jahren, wurde das Neutralitätsgesetz verabschiedet, das Österreichs wiedergewonnene Freiheit besiegelte. Dieser Staatsakt war umrahmt von der Wiedereröffnung der wichtigsten Hochkultureinrichtungen des Landes. Am 15. Oktober spielte das neu eröffnete Burgtheater Grillparzers "König Ottokar", am 5. November wurde die Staatsoper feierlich mit Beethovens "Fidelio" wiedereröffnet. Dies waren zentrale Ereignisse, die den Abschluss des zehnjährigen kulturellen Wiederaufbaus Österreichs aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs signalisierten. Die Wiederaufnahme des Salzburger Festspielbetriebes und der Wiederaufbau dieser Wiener Ringstraßen-Prachtbauten dienten auch der Festigung der österreichischen Identität.

Wie Museen überleben

Hurrikan "Katrina" hinterließ jüngst die amerikanische Kultur- und Jazzmetropole New Orleans auch in Trümmern wie nach einem Krieg. Das Gesamtbild der einzigartigen Kultursymbole von New Orleans wird jeden Tag klarer. Im "New Orleans Museum of Art" im City Park harrten Beamte im Sturm aus und schützten so die Schätze des Museums, während der Herr Direktor in Maine auf Urlaub war. Lediglich einige im Keller des Museums gelagerte japanische Drucke wurden beschädigt. Die Skulpturen von Henry Moore und vielen anderen weltbekannten Künstlern im wunderschönen "Skulpturgarten" wurden abgebaut und im Haus gelagert. Nur eine Statue wurde zerstört. Das Dach des Jazzmuseums im Gebäude des U.S. Mint wurde weggeblasen, jedoch nur wenige Ausstellungsstücke beschädigt. Eine Originaltrompete von Louis Armstrong, dem berühmtesten Sohn der Stadt, konnte auch in Sicherheit gebracht werden.

Auch das inzwischen weltbekannte "D-Day Museum", das nationale amerikanische Museum zum Zweiten Weltkrieg, ist betroffen. Dort sind Plünderer eingedrungen und haben im Erdgeschoß gewütet. Die Ausstellungen und Sammlungen in den oberen Stockwerken wurden nicht getroffen. Auch hier kamen die Militärs zwei Tage zu spät. Die große Tagung zum Zweiten Weltkrieg, die im Oktober im inzwischen verwüsteten Kongresszentrum hätte stattfinden sollen, ist auf das Frühjahr verschoben worden. Das neue "Ogden Museum of Southern Art" neben dem D-Day Museum trug keine Schäden davon; im "Contemporary Arts Center" wurden Fenster eingedrückt.

New Orleans hat die älteste Operntradition in den usa. Dort werden seit 1796 ununterbrochen Opern aufgeführt. Das "Mahalia Jackson Theater for the Performing Arts" im Armstrong Park, wo die Opernvorstellungen stattfinden, wurde ebenfalls nicht so arg in Mitleidenschaft gezogen; lediglich in den Orchestergraben drang Wasser ein und beschädigte wahrscheinlich auch hydraulische Anlagen. Verdis "Otello", eine Oper, die ironischerweise mit einem Sturm beginnt, hätte im Oktober die Saison eröffnen sollen. Die Herbstsaison mit "Otello" und Mozarts "Hochzeit des Figaro", dessen leichte Komödiantik den New Orleansern gut entsprochen hätte, sind sprichwörtlich ins Wasser gefallen. Die Oper soll im Februar mit einer Gala wiedereröffnet werden. Einigen der kleineren Theaterbühnen ging es nicht so gut.

Im Aquarium sind 700 Tiere an Sauerstoffmangel gestorben, weil den Generatoren der Brennstoff ausging. Einige zähe Pinguine konnten gerettet werden. Den Tieren im New Orleanser Audubon Zoo, einem der besten Zoos der usa, soll es besser gegangen sein. Die Filmindustrie, die wegen staatlicher Steuereinsparungen New Orleans in den letzten Jahren zu einem Mekka amerikanischer Filmproduktion hat werden lassen, ist im Moment nach Shreveport in Nordlouisiana exiliert worden.

Die einzigartige Gemeinde von New Orleans Musikern ist über das gesamte Land verstreut, die "Neville Brothers" sind bereits in der Musikmetropole Nashville tätig. Fats Domino musste aus seinem überschwemmten Haus im 9. Bezirk gerettet werden und ein Heim voller Jazz Memorabilia zurücklassen. Clarence "Gatemouth" Brown, ebenfalls eine New Orleans-Musiklegende, ist in seine Geburtsstadt Orange in Texas geflüchtet. Er ist dort vor einem Monat an Lungenkrebs gestorben. Daran war wohl auch der Trennungsschmerz von seinem geliebten New Orleans beteiligt - sein Haus in Slidell wurde von Katrina zerstört.

Jazz und klassische Musik

In New Orleans gibt es seit 1805 regelmäßig Aufführungen klassischer Musik. Die Musiker des "Louisiana Philharmonic Orchestra" (lpo) - das einzige Orchester, das im Besitz der Künstler ist und dessen künstlerischer Direktor bis vor kurzem der Deutsche Klaus Seibel war - sind über den ganzen Süden verstreut. Man hofft aber, das Orchester über Baton Rouge wiederaufzubauen. Der Mexikaner Carlos Miguel Prieto, der neue künstlerische Leiter, soll 2006 mit seiner Arbeit beginnen. Am 4. Oktober hat das lpo zusammen mit der Nashville Symphony ein Benefizkonzert in Nashville gegeben, das national über Radio ausgestrahlt wurde. Man hofft, im März mit einem Galakonzert zusammen mit dem bekannten Jazzer Branford Marsalis den Spielplan wiederaufzunehmen. Das lpo wird auch für die Opernsaison in New Orleans gebraucht. Vielleicht sollte man in Zukunft auch die Wiener Philharmoniker einmal zu einem Benefizkonzert ins wunderschöne alte "Orpheum" einladen.

Seit "Katrina" wird eine Benefizveranstaltung nach der anderen für die Opfer von "Katrina" abgehalten. Bei einem großen "Fundraiser" im Fernsehen engagierten sich viele Stars um Spenden fürs Rote Kreuz . Paul Simon trieb einem die Tränen in die Augen mit seiner Version von "Come on take me to the Mardi Gras" ... "wo die Stadt voller Musik ist". Aus Chicago kommt die Nachricht, dass der bekannte Folksänger Arlo Guthrie, dessen legendäre Version von "The City of New Orleans" zeitlos geworden ist, die gesamte Armtrak-Garnitur des regelmäßig verkehrenden Zuges "City of New Orleans" angemietet hat. Er will den Zug mit Musikinstrumenten, Verstärkern und anderen eletronischen Geräten vollstopfen und diese nach New Orleans bringen. Die Reise an die Mündung des Mississippi soll zwölf Tage dauern, da er auf dem Weg Benefizkonzerte für seine Musikerhilfe abhalten will. Das ist sein Beitrag zum Aufbau der Musikindustrie von New Orleans, "Amerikas erstrangiger Musikstadt", wie er sagt.

Weltkulturerbe

Man kann zwar nicht sagen, dass das Kulturerbe von New Orleans so systematisch zerstört wurde wie das von Bagdad im März 2003; dennoch wird Zerstörung und die übers ganze Land zerstreute Künstlergemeinde das kulturelle Wiederaufleben der Stadt schwierig machen und dürfte wohl Jahre dauern. Die für Frühjahr 2006 geplanten Galaveranstaltungen werden für das Comeback als Musikmetropole und die Identität der Stadt so wichtig sein wie die Wiedereröffnung von Burg und Oper für die Wiener vor 50 Jahren. In beiden Fällen stand und steht auch ein bedeutendes Stück Weltkulturerbe auf dem Spiel.

Der Autor stammt aus Vorarlberg, ist Professor für Geschichte an der University of New Orleans und unterrichtet während des Herbstsemesters New Orleanser "Flüchtlings"-Studenten an der Louisiana State University in Baton Rouge.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau