Von der Kraft, sich zu ändern

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Die Furche-Herausgeber

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Wiedersehen mit Hüttenberg und Knappenberg, dem stillen Bauern- und Bergbauland - dort, wo sich Kärnten und Steiermark abseits der großen Straßen berühren. Vor genau 100 Jahren ist Heinrich Harrer dort geboren. Eben hat seine Talschaft ihren 2006 verstorbenen großen Sohn gebührend gefeiert.

Kein anderer Österreicher hat weltweit so viele Millionen Leser gefunden - und fasziniert: Von der Erstbesteigung der Eiger-Nordwand über die Flucht nach Tibet und seine Freundschaft mit dem Dalai Lama bis zu seinen Abenteuern unterwegs zu den letzten "weißen Flecken“ der Erde.

Der größte Irrtum des Lebens

Aus ihren Archiven haben unsere TV-Stationen jetzt die alten Expeditionsfilme geholt, die ihnen der - nach Humboldt, Hedin und Heyerdahl - letzte echte "Forschungsreisende“ zurückgelassen hat. Und in großer TV-Talkrunde wurde nun sein Leben erneut aufgearbeitet. Auch ich war mit dabei - als Freund seiner späten Jahre und stellvertretend für eine Generation, die Harrer viel von ihrer Neugier und ihrem Respekt für fremde Völker und Kulturen verdankt.

Es kam wieder, wie befürchtet: Nahezu die Hälfte unserer TV-Diskussion galt Harrers NS-Vergangenheit. Wahr ist: Früh hatte er sich politisch verlocken lassen. Er war eingebettet in das ideologische Biotop der Alpenvereine und Turnerbünde jener Zeit. War auch getrieben vom Ehrgeiz des Spitzensportlers, als Ski-Trainer und Hochalpinist ganz oben zu stehen. Und er wurde als strahlend-blondes Symbol "deutscher Kraft und Zähigkeit“ missbraucht.

Schon 1939 aber war dieser "größte Irrtum meines Lebens“ für Harrer vorbei. Unterwegs zum Himalaya und dann in britischer Internierung entging er dem Krieg und den horriblen Verbrechen jener Zeit und kam erst 1951 als Geläuterter nach Hause. Was folgte, waren 55 Lebensjahre als versöhnender Weltgeist.

"Ganz gleichwertig“ müsse man Harrers Leben im Rückblick betrachten, sagte der Jüngste in unserer TV-Runde: Hier der Nazi-Opportunist, dort der Völkerkundler und Entdecker. Wirklich ganz gleichwertig? Alles in mir rebellierte - und fand rasch Beweismaterial in meiner Erinnerung:

Da war etwa Simon Wiesenthals Urteil: "Harrer war nie in Politik involviert und nie an NS-Verbrechen beteiligt.“

Da waren die Worte, mit denen Filmregisseur Jean-Jacques Arnaud sein Harrer-Epos "Sieben Jahre in Tibet“ verteidigte: "Harrer ist ein geläuterter Mensch und seit Jahrzehnten Sprachrohr gegen Rassismus und Gewalt. Ich habe etwas für Menschen übrig, die die Kraft haben, sich zu ändern.“

Und da war Harrers wiederholtes und couragiertes Auftreten gegen Diktaturen aller Art, für Menschenrecht und Menschenwürde.

Einmal mehr verfolgen mich jetzt alte Fragen: Vor allem: Wie hätte ich selbst jene dunkle Zeit überstanden? Aber auch: Welcher Spätgeborene vermag, ein menschliches Leben gerecht zu wiegen?

Der alte Cato - Roms Feldherr und Staatsmann - hat dieses Dilemma schon vor mehr als 2.000 Jahren erkannt: "Es ist schrecklich, sich vor einer Generation verantworten zu müssen, die nicht mit uns gelebt hat!“

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