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Wird Musik zum Zentralfach?

Musik ist "in" bei der Jugend. Man hört Ö3, sitzt mit dem Walkman in der U-Bahn, geht in die Disco. Eine Bildungslücke ist, nicht zu wissen, wie die "Backstreet Boys" mit ihren wirklichen Namen heißen. Oder ob "Tic Tac Toe" sich nun zerstritten haben oder nicht.

Will man zu einer bestimmten "Szene" gehören, werden die Anforderungen noch spezifischer: Man hat dann eben nur "Techno", nur "Black Metal" oder was auch immer zu hören und zu mögen.

Musik prägt die Jugend-Kultur. Auf die Lehrpläne der Schulen hat sich das noch nicht niedergeschlagen. "Musik steht im Zentrum des Lebens, Musikerziehung an der Peripherie der Schulbildung", so Wolf Peschl, Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Musikerzieher Österreichs (AGMÖ).

Diktat, was "in" ist Ein unbefriedigender Zustand - umso mehr, als alle Jugend-Kultströmungen zwar Individualität, Fortschrittlichkeit und Protest ausdrücken wollen, dabei aber extreme Anpassung verlangen. Die jungen Leute wollen zwar in allen Lebensbereichen selbst bestimmen, wählen können, sich nichts vorschreiben lassen. Gerade das erlauben die Jugend-Kulte aber nicht. Sie diktieren, was "in" ist. Und viele Jugendliche lassen sich das willig gefallen, weil sie - trotz allem - auch nach Geborgenheit suchen. Und glauben, sie in einer anonymen Gruppe Gleichgesinnter quasi "zum Nulltarif" zu finden. Gerade in dieser schwierigen Situation "hat die Musikerziehung ein ungeheures Betätigungsfeld", so Wolf Peschl. "Beginnend bei spielerisch kreativer Anregung über die Schulung der Sinne und der Fertigkeiten des Sich-Bewegens, Tanzens, Singens, instrumentalen Musizierens und schöpferischen Gestaltens bis hin zum Erwerb von Orientierung und Kenntnissen in Kunst und Kultur." Ohne solche Kenntnisse gibt es kein freies Wählen, keine Entwicklung eines individuellen Geschmacks. Auch keine echte Kreativität, weil die Ausdrucksmittel fehlen.

Dazu kommt die sozialintegrative und kommunikative Funktion der Musikerziehung: Das gemeinsame Singen und Musizieren, Tanzen, Spielen, das Einander-Zuhören und -Zuschauen ist, wie Peschl betont, ein "fundamentales Erziehungsprinzip". Es ist "soziales Lernen" in Reinkultur. Es vermittelt Erfolgserlebnisse. Und es kann viel Freude machen. All das wird in der pädagogischen Theorie hochgehalten, kommt in der Praxis aber zu kurz.

Mehr Wochenstunden "Mindestens zwei Wochenstunden verpflichtenden Musikunterricht an den allgemeinbildenden Schulen" fordert daher die AGMÖ. Sie kämpft um das "Menschenrecht auf Musikerziehung" - nicht zu Unrecht, wie die Pädagogin und Musikerin Gabriele Peschl in ihrem Buch "Musikerziehung in Österreich" aufzeigt. Eine Facette dieses Kampfes: Noch immer sind die Musikerzieher anderen Lehrern nicht völlig gleichgestellt, was die Lehrverpflichtung betrifft.

Übrigens: Gabriele Peschls Buch ist das erste umfassende wissenschaftliche Werk, das zu diesem Thema in Österreich veröffentlicht wurde. An den einschlägigen Hochschulen hat sich noch niemand so ausführlich damit auseinandergesetzt. Das ist bezeichnend für den Stellenwert, den die künstlerische Pädagogik im "Musikland Österreich" hat.

"Musik ist ein Zentralfach der Schule von morgen", ist Wolf Peschl dennoch überzeugt. Fragt sich nur, wann es soweit ist.

"Musikerziehung in Österreich" von Gabriele Peschl Verlag Holzhausen Wien 1997, 506 Seiten, öS 480,

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