Die Heilung der KRIEGSKINDER

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Der Bürgerkrieg in Kolumbien hat Tausende Kinder zu Soldaten gemacht. Jene, die das Schlachten überlebten, sollen nun reintegriert werden. Doch der Staat hilft dabei wenig.

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Der Bürgerkrieg in Kolumbien hat Tausende Kinder zu Soldaten gemacht. Jene, die das Schlachten überlebten, sollen nun reintegriert werden. Doch der Staat hilft dabei wenig.

Gina war elf Jahre alt, als sie zum ersten Mal zur Guerilla wollte. Gemeinsam mit einer nur zwei Jahre älteren Tante versuchte sie sich einer Gruppe der FARC anzuschließen, die auf der Finca ihrer Großeltern auftauchte. "Sie haben uns gefragt, wie alt wir sind, und wir sagten ihnen die Wahrheit". Unter 15 würden sie niemanden nehmen, wurde den Mädchen beschieden. Beim dritten Versuch klappte es dann, weil sie logen, sie seien schon 15. Die Guerilleros von den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (FARC) nahmen sie auf. Sie habe die Misshandlungen zu Hause nicht mehr ausgehalten, sagt die heute 28-jährige Gina, die zu ihrer damaligen Entscheidung steht. Auf dem Land, in der Provinz Tolima, herrschten autoritäre Verhältnisse. Ginas Mutter hatte ihre Schwangerschaft bis zum siebenten Monat verheimlicht, weil sie den Zorn ihrer Mutter fürchtete. Wer ihr Vater ist, hat Gina nie erfahren. Da die Großeltern ihre Tochter für unfähig hielten, ein Kind aufzuziehen, adoptierten sie es. Aber so etwas wie Nestwärme habe sie nie erfahren, sagt Gina: "Zärtlichkeit gegenüber Kindern ist bei den Bauern nicht üblich. Von früh an müssen sie wie Erwachsene funktionieren. Ganz traditionell: die Frau im Haus, der Mann in der Arbeit". Besonders die Großmutter habe die Kinder schlecht behandelt. Die Schule lag zwei Stunden vom Hof entfernt. Als Gina mit ihrer Tante von der Guerilla aufgenommen wurde, konnte sie weder lesen noch schreiben. Die Guerilla sei wie eine Familie gewesen. Dort erfuhr sie Respekt und Zuwendung. Gina war überzeugt, für eine gerechte Sache zu kämpfen, und wurde auch als junge Frau für voll genommen: "Wir mussten genauso Rucksäcke mit 25 Kilo schleppen wie die Männer."

Entführt und geflohen

Jesús Enrique Chaguala zählte knappe 14 Jahre, als er von der Guerilla rekrutiert wurde. In der Urwaldregion Putumayo hatte er mit einem Onkel auf einer Finca nach dem Rechten gesehen, die die Familie wegen des bewaffneten Konflikts verlassen hatte. Das war 2004. Zwei Jahre sei er bei den FARC geblieben, erzählt seine Mutter Rubiela. Dann sei ihm mit einem Kameraden die Flucht gelungen. Ein dritter sei dabei erschossen worden. Die beiden Burschen stellten sich der Polizei und wurden nach dem Verhör dem Jugendamt übergeben.

Gina wäre nicht freiwillig weggegangen. "Wenn man bei der Guerilla ist, dann bleibt man ein Leben lang dabei. Für die Tante war das nicht sehr lange. Sie starb mit 13 Jahren in einem Gefecht. Gina fiel der Polizei in die Hände, als sie in ein Dorf geschickt wurde, um Lebensmittel zu kaufen. Sie war schon 15. Den Polizisten fiel auf, dass sie ungewöhnlich viel Geld bei sich hatte. Sie verstrickte sich in Widersprüche und wurde festgenommen. Als Jugendliche galt sie aber als Opfer und wurde zunächst nach Hause geschickt. Dann holte sie das Jugendamt. Sie wurde in einer Art Besserungsanstalt in der Hauptstadt Bogotá untergebracht. Das sei wie im Gefängnis gewesen. Drei Jahre musste Gina dort mit anderen Jugendlichen verbringen, die bei der Guerilla oder den rechten Paramilitärs gekämpft hatten. Als sie mit 18 Jahren entlassen wurde, war sie im dritten Monat schwanger. Über das Kind, das inzwischen fast zehn Jahre zählt, ist Gina sehr glücklich. Mit dem Vater, der auch einst in den Reihen der FARC kämpfte, hat sie nichts mehr zu tun: "Der ist längst mit einer anderen verheiratet." Auf die Mutterrolle war sie aber nicht vorbereitet, denn aus der eigenen Familie fehlten positive Vorbilder: "Ich hatte Angst, schon wieder Fehler zu begehen."

Zentren für Traumatisierte

Zu ihrem Glück nahm sich die niederländische Organisation War Child, die sich um Kindersoldaten kümmert, ihrer an. Denn der kolumbianische Staat hat keine Strukturen, die sich nachhaltig der Reintegration von kriegsgeschädigten Kindern widmet. Von War Child kam Gina schließlich zu Taller Vida, wo die Aufarbeitung von Kriegstraumata im Zentrum der Arbeit mit einschlägig belasteten Jugendlichen steht. Taller Vida in Bogotá, was als Workshop des Lebens übersetzt werden kann, arbeitet mit dem Roten Kreuz zusammen und wird auch von der österreichischen Dreikönigsaktion unterstützt.

Stella Duque hat selbst Gewalterfahrung: ihr Vater, ein Aktivist der politischen Linken, wurde 1988 ermordet. Die Familie musste fliehen. Sie hat später Psychologie studiert und 1994 mit zwei Kolleginnen Taller Vida gegründet. Es wird mit Rollenspielen, aber auch viel mit künstlerischem Ausdruck gearbeitet. Die Opfer von Kriegsgewalt, die selbst zu Tätern und Täterinnen geworden sind, werden angehalten, ihre Erlebnisse und Wünsche malerisch darzustellen. Nach der Selbstdarstellung "Wer bin ich?" ist das Motiv Vergangenheit/Zukunft von zentraler Bedeutung. Links zeichnen die jungen Klienten das, was sie auf keinen Fall wieder erleben wollen, rechts das, was sie anstreben. Da sieht man Mädchen in Tarnuniform mit einer Waffe auf der einen und eine glücklich lächelnde Frau unter der strahlenden Sonne auf der anderen Seite. Oder eine Krankenschwester, die eine Familie gegründet hat. Die Burschen neigen zu abstrakten Darstellungen in starken düsteren Farben. Mit ungelenker Hand haben sie oft die Szene kommentiert.

Gina verließ Taller Vida als neuer Mensch. Sie hatte einen Schulabschluss und fühlte sich in der Lage, ein Universitätsstudium zu beginnen. Anfangs sei es verdammt schwierig gewesen, denn die Kolleginnen und Kollegen kannten dank der Indiskretion einer Professorin ihre Vergangenheit. Viele hätten sie wie eine Verbrecherin gemieden. Das ist vorbei: Gina tritt mit der Selbstsicherheit einer Frau auf, die weiß, was sie will, und überzeugt ist, dass sie es schaffen wird.

In den Fängen der Paramilitärs

Jesús Enrique hat es weniger gut erwischt. Er verließ Taller Vida mit einer Maurerausbildung. Das Jugendamt finanzierte ihm und acht anderen Burschen eine Wohnung. Doch bevor er noch eine Anstellung finden konnte, traf er einen alten Kollegen, der ihm von einem gut bezahlten Job erzählte. Er müsse nur auf eine Finca aufpassen. Der junge Mann und seine Mitbewohner ließen sich beschwatzen. Sie hatten nie größere Geldsummen in der Hand gehabt, und das Angebot klang zu verlockend. Zu spät merkten sie, dass sie von den rechten Paramilitärs rekrutiert worden waren. "Eines Tages rief er mich an, er sei im Gefängnis", erzählt seine Mutter. Fünf der neun Kameraden seien getötet worden: bei einem Gefecht mit einer anderen paramilitärischen Gruppe. Jesús Enrique musste sechs Jahre absitzen. "Jetzt geht es ihm gut", sagt Rubiola Chaguala. Er arbeite jetzt am Bau und habe sich genug erspart, um ein Moped zu kaufen. Jesús Enrique ist inzwischen 26 Jahre alt.

Taller Vida arbeitet auch mit ehemaligen Paramilitärs. Aber 90 Prozent der Klienten seien bei der Guerilla gewesen, sagt Stella Duque. Gina hat gelernt, was Versöhnung ist. Sie erzählt von einem Ex-Paramilitär, mit dem sie sich angefreundet habe. Hätte das Schicksal es anders gewollt, dann hätten sie einander getötet. Nämlich Jahre vorher bei einem Gefecht, an dem beide beteiligt waren. Beide konnten sich gut an den Schusswechsel erinnern. "Jetzt sind wir fast Freunde", meint sie. Auch die Tötungsphantasien, die sie jahrelang verfolgten, seien überwunden. Anfangs habe sie sich vorgenommen, sich an den Großeltern für die erlittenen Misshandlungen zu rächen. Inzwischen können sie einander ohne böse Gefühle und finstere Gedanken begegnen.

Seit über drei Jahren verhandeln die Regierung von Präsident Juan Manuel Santos und die FARC in Havanna über eine politische Beilegung des mehr als 50 Jahre alten Konflikts. Wenn demnächst das Friedensabkommen unterzeichnet wird und Tausende Guerilleros ihre Waffen abgeben, werden viele Institutionen wie Taller Vida gebraucht werden.

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