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Entwurzelte und Neuaufsteiger

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Die Romane des 1925 ermordeten Bruno Bettauer sind allemal einer Relektüre wert – selbst in zweifelhafter Textgestalt.

Als Band zwei der Reihe „Revisited“ präsentiert der Wiener Milena Verlag den Roman „Hemmungslos“ aus dem Jahr 1920. Sein Autor Hugo Bettauer, so heißt es im Nachwort, sei heute „Menschen auf der Straße“ kaum mehr bekannt – das gilt allerdings für viele Autoren und Autorinnen der Zwischenkriegszeit, die nicht durch (Fernseh-) Verfilmungen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurden. Literarisch Interessierten aber ist Bettauer, dessen „Stadt ohne Juden“ im Übrigen ein Roman ist und kein „Theaterstück“, seit seiner Wiederentdeckung durch Murray Hall durchaus vertraut. Auf dessen Forschungen rekurriert, ohne ihn zu nennen, auch das Nachwort, das über Bettauers Leben und seine Ermordung 1925 durch einen illegalen Nationalsozialisten informiert. Die spärlichen Anmerkungen zum Roman selbst wirken beinahe wie eine Verteidigung, weshalb er trotz „nicht herausragender literarischer Qualität“ wieder zugänglich gemacht wird.

Doch gerade der Roman „Hemmungslos“ ist aus mehreren Gründen bemerkenswert, denn Bettauer verarbeitet hier bereits 1920 die radikale Deregulierung der Nachkriegsjahre; viele spätere Inflationsromane haben an diesem Buch ihr Maß genommen. „Die Wirklichkeit hat ihre Mühe, diesem Erzähler nachzukommen“, schrieb Alfred Polgar 1924 über Bettauer, der das pralle Zeitgeschehen stets unmittelbar in seine Romane verpackte.

Stunde der Hochstapler

Wenn Gesellschaften sich überhastet umwälzen und tradierte Sicherheiten wegbrechen, nach Kriegen oder in Phasen entfesselter Wirtschaftsprozesse, wie wir sie gerade erleben, schlägt die Stunde der Quereinsteiger, die damals Hochstapler hießen. Diesen Sozialtypus repräsentiert die Hauptfigur des Romans Koloman – nicht Kolomann, wie er im Vorspann heißt – Freiherr von Isbaregg.

Als Angehöriger des 1918 deklassierten Kleinadels steht er vor dem Nichts. Geblieben sind ihm nur sein gutes Aussehen und ein gewandtes Auftreten. Doch er hungert, während rundum Kriegsschieber und Inflationsgewinner zu Reichtum gelangen, indem sie ungestraft Verhaltensweisen des Krieges – stehlen und rauben – ins Wirtschaftsleben transformieren. Und so beginnt Isbaregg mit einem Handtaschenraub; der schafft die Basis für den Einzug in die Pension Metropolis, in der sich eine wilde Mischung aus Entwurzelten und Neuaufsteigern zusammenfindet. Einen der Schieber wird Isbaregg töten, das hat er im Krieg gelernt. Da der Ermordete ein herzloser Finsterling war, gerät das Ganze fast in den Geruch einer Umverteilungsaktion à la Robin Hood.

Der Roman ist genau konstruiert: Teil eins schafft mit Diebstahl und Mord Nummer eins die Basis für ein sorgloses Leben; doch das Geld hält nicht ewig, und so peilt Isbaregg in Teil zwei eine Geldheirat an; leider wird ihm das Zusammenleben rasch unerträglich und es kommt zum zweiten Mord. Der dritte Teil bringt die Detektion des Journalisten Finkelstein und stellt einen Kreisschluss zum Handtaschenraub her. Dieses Kapitel ist auch eine der ersten literarischen Verarbeitungen des nach 1918 neu aufgestellten Formats „Sensationspresse“, an dem sich in den 1920er Jahren viele Romane abarbeiten.

Zeittypisches Frauenbild

Natürlich halten die Frauenfiguren des Romans heutigen Vorstellungen nicht stand, aber sie entsprechen den gängigen Wahrnehmungsweisen der Zeit: Der Typus der frigiden, lesbischen Frau – hier Isbareggs Gattin – ist so etwa auch bei Joseph Roth zu finden, am schrillsten in der „Kapuzinergruft“ mit der Kunstgewerblerin Jolanth Szatmary. Auch das ist ein bekanntes Phänomen: Was man in der kanonisierten Literatur hinzunehmen gelernt hat, wird Autoren und Autorinnen der „zweiten Garde“ doppelt negativ angelastet. Doch Bettauers Romane sind als flott geschriebene Epochenporträts allemal einer Relektüre wert.

Welchen Text wir hier lesen, ist allerdings nicht genau zu klären. Die Buchausgabe im Löwit Verlag 1926, die Neuauflage bei Hannibal 1980 und selbst die Textversion auf gutenberg.de sind miteinander ident. In der vorliegenden Ausgabe hingegen wurde unsystematisch modernisiert und manche stilistische Eigenheit des Autors schien dem Lektorat nicht zu gefallen: die Zeichensetzung wird willkürlich geändert, in reihenden Aufzählungen das „und“ durch Beistriche ersetzt, Sätze werden umgestellt oder ergänzt, und aus einem bumvollen Wagen kann kurzerhand ein „bumsvoller“ werden. Als verlässliche Textgrundlage maßgebend bleibt Murray Halls Ausgabe von 1980.

Hemmungslos

Roman von Hugo Bettauer, mit einem Nachwort von Peter Larndorfer Milena 2009

180 S., geb., e 17,90

Die Romane des 1925 ermordeten Bruno Bettauer sind allemal einer Relektüre wert – selbst in zweifelhafter Textgestalt.

Als Band zwei der Reihe „Revisited“ präsentiert der Wiener Milena Verlag den Roman „Hemmungslos“ aus dem Jahr 1920. Sein Autor Hugo Bettauer, so heißt es im Nachwort, sei heute „Menschen auf der Straße“ kaum mehr bekannt – das gilt allerdings für viele Autoren und Autorinnen der Zwischenkriegszeit, die nicht durch (Fernseh-) Verfilmungen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurden. Literarisch Interessierten aber ist Bettauer, dessen „Stadt ohne Juden“ im Übrigen ein Roman ist und kein „Theaterstück“, seit seiner Wiederentdeckung durch Murray Hall durchaus vertraut. Auf dessen Forschungen rekurriert, ohne ihn zu nennen, auch das Nachwort, das über Bettauers Leben und seine Ermordung 1925 durch einen illegalen Nationalsozialisten informiert. Die spärlichen Anmerkungen zum Roman selbst wirken beinahe wie eine Verteidigung, weshalb er trotz „nicht herausragender literarischer Qualität“ wieder zugänglich gemacht wird.

Doch gerade der Roman „Hemmungslos“ ist aus mehreren Gründen bemerkenswert, denn Bettauer verarbeitet hier bereits 1920 die radikale Deregulierung der Nachkriegsjahre; viele spätere Inflationsromane haben an diesem Buch ihr Maß genommen. „Die Wirklichkeit hat ihre Mühe, diesem Erzähler nachzukommen“, schrieb Alfred Polgar 1924 über Bettauer, der das pralle Zeitgeschehen stets unmittelbar in seine Romane verpackte.

Stunde der Hochstapler

Wenn Gesellschaften sich überhastet umwälzen und tradierte Sicherheiten wegbrechen, nach Kriegen oder in Phasen entfesselter Wirtschaftsprozesse, wie wir sie gerade erleben, schlägt die Stunde der Quereinsteiger, die damals Hochstapler hießen. Diesen Sozialtypus repräsentiert die Hauptfigur des Romans Koloman – nicht Kolomann, wie er im Vorspann heißt – Freiherr von Isbaregg.

Als Angehöriger des 1918 deklassierten Kleinadels steht er vor dem Nichts. Geblieben sind ihm nur sein gutes Aussehen und ein gewandtes Auftreten. Doch er hungert, während rundum Kriegsschieber und Inflationsgewinner zu Reichtum gelangen, indem sie ungestraft Verhaltensweisen des Krieges – stehlen und rauben – ins Wirtschaftsleben transformieren. Und so beginnt Isbaregg mit einem Handtaschenraub; der schafft die Basis für den Einzug in die Pension Metropolis, in der sich eine wilde Mischung aus Entwurzelten und Neuaufsteigern zusammenfindet. Einen der Schieber wird Isbaregg töten, das hat er im Krieg gelernt. Da der Ermordete ein herzloser Finsterling war, gerät das Ganze fast in den Geruch einer Umverteilungsaktion à la Robin Hood.

Der Roman ist genau konstruiert: Teil eins schafft mit Diebstahl und Mord Nummer eins die Basis für ein sorgloses Leben; doch das Geld hält nicht ewig, und so peilt Isbaregg in Teil zwei eine Geldheirat an; leider wird ihm das Zusammenleben rasch unerträglich und es kommt zum zweiten Mord. Der dritte Teil bringt die Detektion des Journalisten Finkelstein und stellt einen Kreisschluss zum Handtaschenraub her. Dieses Kapitel ist auch eine der ersten literarischen Verarbeitungen des nach 1918 neu aufgestellten Formats „Sensationspresse“, an dem sich in den 1920er Jahren viele Romane abarbeiten.

Zeittypisches Frauenbild

Natürlich halten die Frauenfiguren des Romans heutigen Vorstellungen nicht stand, aber sie entsprechen den gängigen Wahrnehmungsweisen der Zeit: Der Typus der frigiden, lesbischen Frau – hier Isbareggs Gattin – ist so etwa auch bei Joseph Roth zu finden, am schrillsten in der „Kapuzinergruft“ mit der Kunstgewerblerin Jolanth Szatmary. Auch das ist ein bekanntes Phänomen: Was man in der kanonisierten Literatur hinzunehmen gelernt hat, wird Autoren und Autorinnen der „zweiten Garde“ doppelt negativ angelastet. Doch Bettauers Romane sind als flott geschriebene Epochenporträts allemal einer Relektüre wert.

Welchen Text wir hier lesen, ist allerdings nicht genau zu klären. Die Buchausgabe im Löwit Verlag 1926, die Neuauflage bei Hannibal 1980 und selbst die Textversion auf gutenberg.de sind miteinander ident. In der vorliegenden Ausgabe hingegen wurde unsystematisch modernisiert und manche stilistische Eigenheit des Autors schien dem Lektorat nicht zu gefallen: die Zeichensetzung wird willkürlich geändert, in reihenden Aufzählungen das „und“ durch Beistriche ersetzt, Sätze werden umgestellt oder ergänzt, und aus einem bumvollen Wagen kann kurzerhand ein „bumsvoller“ werden. Als verlässliche Textgrundlage maßgebend bleibt Murray Halls Ausgabe von 1980.

Hemmungslos

Roman von Hugo Bettauer, mit einem Nachwort von Peter Larndorfer Milena 2009

180 S., geb., e 17,90