Napszállta – Sunset - <strong>Budapest, anno 1913</strong><br />
Wo sich Írisz Leiter (Juli Jakab) herumtreibt, dort werden düstere Vorgänge geradezu angezogen … - © Thimfilm
Film

Enigmatische Gesellschaft

1945 1960 1980 2000 2020

„Napszállta – Sunset“: In seinem zweiten großen Spielfilm erzählt der ungarische Regisseur László Nemes die Geschichte der Írisz Leiter in Budapest am Vorabend des Ersten Weltkriegs.

1945 1960 1980 2000 2020

„Napszállta – Sunset“: In seinem zweiten großen Spielfilm erzählt der ungarische Regisseur László Nemes die Geschichte der Írisz Leiter in Budapest am Vorabend des Ersten Weltkriegs.

Mit seinem Spielfilmerstling „Saul fia/Son of Saul“ schrieb der ungarische Regisseur László Nemes vor vier Jahren Filmgeschichte. Vor allem der atemlose Film-Stil von Kameramann Mátyás Erdély, der die extreme Beklemmung eines Konzentrationslagers plastisch auf die Leinwand zu bringen suchte, ermöglichte eine neue Bildsprache im Kino.

Drei Jahre später setzt das Duo Nemes/Erély die cineastische Innovation erneut in einem Film um: „Napszállta – Sunset“ gewann im Herbst bei den Filmfestpielen in Venedig der Preis der internationalen Filmkritik. Und auch wenn das fast zweieinhalbstündige Tableau dem Zuschauer Konzentration und Sitzfleisch abverlangt, erweist sich das Nemes-Werk wieder als meisterhaftes großes Kino, das zweifellos zu den Highlights der Kinosaison zählt.

„Napszállta – Sunset“ setzt sich nicht mit dem Grauen der Schoa auseinander, aber auch die Atmosphäre in Budapest am Vorabend des Ersten Weltkriegs ist todesahnungsgeschwängert. Und insofern der Erste Weltkrieg das erste große Weltgemetzel darstellte, ohne das die Gräuel der NS-Herrschaft nicht zu denken wären, zeigen beide Filmstoffe einen inneren Zusammenhang.

Während aber in „Saul fia/Son of Saul“ Nemes’ Plot quasidokumentarisch daherkommt, versucht sich der Regisseur in „Napszállta – Sunset“ an unentschlüsselten Verwirrungen der Handlung; Verwandtschaften zu Stefan Zweigs „Welt von ges­tern“ wie zu Arthurs Schnitzlers „Traumnovelle“ lassen sich unschwer herstellen: Europa am Abgrund, in der Dämmerung eben, wie der Titel suggeriert, diesmal in Budapest, der zweiten großen Donaumetrople und Konkurrenzstadt zu Wien, wo Freuds und eben Zweigs und Schnitzlers Inspirationen herkamen.

Mit seinem Spielfilmerstling „Saul fia/Son of Saul“ schrieb der ungarische Regisseur László Nemes vor vier Jahren Filmgeschichte. Vor allem der atemlose Film-Stil von Kameramann Mátyás Erdély, der die extreme Beklemmung eines Konzentrationslagers plastisch auf die Leinwand zu bringen suchte, ermöglichte eine neue Bildsprache im Kino.

Drei Jahre später setzt das Duo Nemes/Erély die cineastische Innovation erneut in einem Film um: „Napszállta – Sunset“ gewann im Herbst bei den Filmfestpielen in Venedig der Preis der internationalen Filmkritik. Und auch wenn das fast zweieinhalbstündige Tableau dem Zuschauer Konzentration und Sitzfleisch abverlangt, erweist sich das Nemes-Werk wieder als meisterhaftes großes Kino, das zweifellos zu den Highlights der Kinosaison zählt.

„Napszállta – Sunset“ setzt sich nicht mit dem Grauen der Schoa auseinander, aber auch die Atmosphäre in Budapest am Vorabend des Ersten Weltkriegs ist todesahnungsgeschwängert. Und insofern der Erste Weltkrieg das erste große Weltgemetzel darstellte, ohne das die Gräuel der NS-Herrschaft nicht zu denken wären, zeigen beide Filmstoffe einen inneren Zusammenhang.

Während aber in „Saul fia/Son of Saul“ Nemes’ Plot quasidokumentarisch daherkommt, versucht sich der Regisseur in „Napszállta – Sunset“ an unentschlüsselten Verwirrungen der Handlung; Verwandtschaften zu Stefan Zweigs „Welt von ges­tern“ wie zu Arthurs Schnitzlers „Traumnovelle“ lassen sich unschwer herstellen: Europa am Abgrund, in der Dämmerung eben, wie der Titel suggeriert, diesmal in Budapest, der zweiten großen Donaumetrople und Konkurrenzstadt zu Wien, wo Freuds und eben Zweigs und Schnitzlers Inspirationen herkamen.

Es sind vor allem die Stimmungen des Untergangs, die den Film und seine Beklemmungen zu einer Betörung werden lassen.

In diese Stadt reist die junge Hutmacherin Írisz Leiter und hofft im gleichnamigen Hutgeschäft unterzukommen, das einst ihren Eltern gehört hat, die bei einem Brand ums Leben kamen. Aber Oszkár Brill, der nunmehrige Eigentümer, will Írisz nicht aufnehmen. Doch die junge Frau lässt sich nicht abschütteln und gerät in der feinen Budapester Gesellschaft in Halbwelt und Unterwelt. Auch einem geheimnisvollen Kálmán Leiter – einem Bruder? – geht sie nach und wird in einen Strudel und noch einen und noch einen gerissen.

Ein Zeitenwendetableau

Írisz erlebt eine Fin-de-Siècle-Episode nach der anderen, vieles erscheint rätselhaft, sie versucht auch ihrer Lebensgeschichte und dem, was ihren Eltern widerfahren ist, auf die Spur zu kommen. Enigmatisch – mit dieser Beschreibung ist das, was Nemes in „Napszállta – Sunset“ zeigt, am besten getroffen, und es sind vor allem die Stimmungen des Untergangs, die den Film und seine Beklemmungen zu einer Betörung werden lassen.

Auch die nicht zuletzt sepia-getrimmte Farbgebung dieses Zeitenwendetableaus trägt dazu bei, dass der Zuschauer in einer klaustrophoben Welt, der niemand zu entrinnen scheint, miteingeschlossen bleibt. Keineswegs hoffnungsgetrieben agiert Írisz, aber sie kann nicht anders, als den Geheimnissen, die diese Welt umklammern, nachzugehen.
In der Fin-de-Siècle-Kostümierung und -anmutung kommt „Napszállta – Sunset“ daher, aber in Wirklichkeit nimmt sich Nemes auch der Wirklichkeit von heute an: Die Frage, was real ist, was surreal und was – wie man heute sagen würde: virtuell, treibt auch die Protagonisten dieses Films um und lässt ihn trotz aller vorgeblichen Patina überraschend aktuell werden.

Vor allem der Schauspielerin Juli Jakab gelingt es in der Rolle der Írisz, die Verlorenheit der Person, der Generation und der Epoche auf den Punkt zu bringen. Auch das übrige Ensemble macht die Mystifikationen des Plots erlebbar. Wer verstehen will, ist bei Napszállta – Sunset“ schlecht aufgehoben. Wer sich aber über Ahnungen hinweg zu Gesellschaftsfragen damals wie heute hintas­ten will, dem kann ein spannendes Kino­erlebnis prognostiziert werden.

Film

Napszállta – Sunset

H/F 2018.

Regie: László Nemes.

Mit Juli Jakab, Susanne Wuest, Vlad Ivanov.

Thimfilm. 142 Min.