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Die Tochter des Odysseus

Sie hieß ursprünglich Maria und ist das Kind einer seiner zahlreichen Musen. Die Tochter von Ezra Pound und der Geigerin Olga Rudge war das Produkt einer ziemlich anarchischen Beziehung, wie sie der Poet bevorzugte. Der wortgewaltige und geistreiche Dichter-Odysseus aus Idaho, vielleicht der Erneuerer der europäischen Lyrik in diesem Jahrhundert, „erfand” nicht nur den Imagismus, er war auch ein radikaler politischer Querkopf mit einem Faible für die Ökonomie. Er büßte nach dem Zweiten Weltkrieg für sein Engagement in der Todeszelle und in der amerikanischen Psychiatrie.

Mary de Rachewiltz wurde von ihm noch zu Lebzeiten zur literarischen Nachlaßverwalterin eingesetzt. Nach über 20 Jahren sind endlich ihre Erinnerungen, die naturgemäß auch solche an ihren Vater geworden sind, in deutscher Übersetzung erschienen. „Diskretionen” sind ein bewegendes Zeugnis ihrer äußerst sensiblen Beziehung zum Dichter - ja mehr noch, die Aufzeichnungen der Übersetzerin und Autorin, die immer noch als treue Hüterin des väterlichen Erbes auf der Brunnenburg bei Meran lebt, sind ein Dokument von hohem literarischen Rang. Mary de Rachewiltz' Memoiren sind im wahrsten Sinne ein Andenken, anspielungs-und beziehungsreich, poetisch und informativ zugleich. Sie sind stets kunstvoll begleitet von Zitaten aus dem Poundschen Riesenwerk, den „Cantos”.

Ohne Beschönigung oder Schuldzuweisungen hat sie damit ein wichtiges Erbe bewahrt und vermag es so vielleicht auch manchem Pound-Kri-tiker nahezubringen. Denn: „Was du wirklich liebst, wird man dir nicht rauben / Was du wirklich liebst, ist dein wahres Erbe...” (Ezra Pound, Pisaner Cantos, LXXXI).

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