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Nur für Leser

John Gould Fletcher charakterisierte Ezra Pound in seinen Londoner Jahren einmal als „eine sonderbare Kombination eines internationalen Bohemiens und eines amerikanischen College-Professors out of job” … Das war, ehe Pound 1920 London verließ, um nach Paris und dann, vier Jahre später, nach Rapallo zu gehen, das für zwei Jahrzehnte sein Wohnsitz wurde. Iris Barry nannte, den Einfluß Pounds richtig eiijschätzend, diese Zeit in einer 1931 erschienenen Publikation „The Ezra Pound Period”.

Tatsächlich ist Ezra Pound der geborene Lehrer. Seine Zeit als amerikanischer College-Professor freilich war nur kurz. 1905,’also mit gerade zwanzig Jahren, wurde er „Instruktor mit den Funktionen eines Professors” an der Universität von Pennsylvania. Diese Stellung hatte er zwei Jahre inne. 1907 lehrte er vier Monate im Wabash College in Crawfordsville, Indiana, wo er wegen „europäischen” und „unkonventionellen” Verhaltens hinausgeekelt wurde. Fand seine akademische Lehrtätigkeit auch ein jähes Ende, so hat er doch in seinem ganzen Leben nie aufgehört, angehende und auch schon berühmte Schriftsteller und Dichter (wie zum Beispiel William Butler Yeats) zu unterweisen, sie auf wichtige Werke in anderen Sprachen aufmerksam zu machen, selbst Uebersetzungen anzufertigen usw. Dichter, wie Eliot, Flemingway, Joyce, um nur die wichtigsten Namen zu nennen, verdanken ihm sehr viel.

Unter seinen didaktischen Werken sind „Insti- gations” (1920), „How to read” (1931), „ABC of reading” und „Make it new” (beide 1934) die bekanntesten. Von diesen erscheint nun „ABC of reading” erstmals als „ABC des Lesens” in deutscher Sprache in einer drucktechnisch sehr gut angeordneten Ausgabe. Die Publikation in einer ebenso anspruchsvollen wie populären Reihe, der vortrefflichen Suhrkamp-Bibliothek, wird dem Buch auf Anhieb die Verbreitung schaffen helfen, die es verdient.

Um es vorweg zu sagen: die Uebersetzung von Eva Hesse ist ausgezeichnet und — was leicht einzusehen ist — noch gelungener als die der. Gedichte, deren ideogrammatische und geballte Prägnanz jeder Uebertragung größte Schwierigkeiten entgegensetzt. Das „ABC des Lesens” hat, das sei ausdrücklich festgehalten, in seiner deutschen Fassung nichts an Ursprünglichkeit, Frische, Witz, Originalität, all den Tugenden der Poundschen Prosa, verloren.

Das „ABC des Lesens” ist, wie jedes der Werke Pounds, nur für Leser geschrieben: für wache und aufmerksame Menschen, die ihre Lektüre ernst nehmen und mit dem Gelesenen auch etwas im Leben anzufangen wissen, also praktischen Nutzen daraus ziehen können. Insbesondere ist es — wieder wie jedes seiner Werke, die Dichtungen nicht ausgeschlossen — für Schriftsteller geschrieben, für Menschen, Jfė įelbst gelesen werden wollen, -rdoidoesjjwnuif nov : ijirfiswid Jhc trat

Pounds Grundthesen sind ungefähr folgende:

1. Es gibt Bücher zur Unterhaltung, als Narkotikum („seelische Bettstatt”, wie Pound sagt), und es gibt Bücher, die die Fähigkeiten des Menschen entwickeln helfen, ihn mehr wissen und mehr wahrnehmen lassen.

Nur auf Bücher dieser Art bezieht sich sein ABC

2. Die Summe menschlicher Weisheit und menschlicher Erfahrungen ist nicht in einer einzigen Spracht zu finden, sondern in vielen Sprachen Mehr noch Sie ließe sich in einer Sprache gar nicht ausdrücker und erfassen. Deri verschiedenen Sprachen entsprechen verschiedene Nationalcharaktere, verschiedene Erlebnisweisen, verschiedene Arten, der Well zu begegnen. Schon in den unterschiedlichen Schriftsystemen, die von der chinesischen Bildzeichenschrif bis zu unserer Lautschrift reichen, kommt das zurr Ausdruck. Deshalb ist es wichtig, möglichst vielt Sprachen zu kennen, oder doch zumindest übersetzte Werke aus möglichst vielen Sprachen.

2a. Alle große Literatur ist gleichzeitig: sie iS’ immer gegenwärtig. Das ist das, was man „Klassik nennt.

3. Es kommt darauf an, in der Literatur die „reinen Elemente” zu suchen, das heißt in jeder dichterischen Gattung, Versepos oder Roman, Lied oder Ballade, die Ahnenreihe zurückzugehen und einerseits den „Erfinder” dieser Gattung, anderseits den, der sie zu höchster Vollendung führte, ausfindig zu machen.

Nur dann wird man einen richtigen Maßstab gewinnen und imstande sein, den Wald „vor lauter Bäumen zu sehen”.

Der letzte Punkt bedarf noch einer Erläuterung. Pound spricht nicht eigentlich von literarischen Gattungen, sondern von dichterischen Techniken. Darunter versteht er die Möglichkeiten, die Sprache „bis zur Grenze des Möglichen mit Sinn zu füllen , sie also zu verdichten. Im wesentlichen gibt es da drei Methoden: die eine ruft durch die Bildhaftigkeit besonders intensive visuelle Vorstellungen im Leser hervor: die zweite erreicht durch den Klang eines Wortes oder einer Wortfolge einen besonderen Assoziationsreichtum; die dritte erzeugt dadurch, daß Worte außerhalb des üblichen Gebrauchs, in einem überraschenden Zusammenhang, verwendet werden, neue Gedankengänge und -Verbindungen. Darüber hinaus gibt es eine Fülle von Verfahren, die der Dichtung neue Ausdrucksmöglichkeiten erschlossen haben. Nur die Pioniere der Dichtkunst und die ihnen folgenden Meister, die neue Verfahren miteinander verbanden, beschäftigen Pound: nur sie stellen das „ABC” des Lesens dar. Auf sie folgen dann „Verwässerer” und die „Schöngeister”…

Pound ist als Lehrer Dichter, wie er als Dichter Lehrer ist. Er geht in seinen Essays sprunghaft vor, notiert alles, wie es ihm einfällt, und öffnet auch Perspektvien auf ganz andere Gebiete wie die Literatur. Das macht sein Buch so anschaulich, so lebendig, so unakademisch. Es in einem Zug zu lesen ist genau so abenteuerlich, wie in einem anderen Buch zu blättern. Man kann es nicht „diagonal lesen” (wie das Rezensenten gerne tun). Man ist gezwungen, es Satz für Satz zu lesen, denn man muß Satz für Satz mitdenken — in der Art, wie Pound denkt. War man noch kein „Leser”, sondern bloßer „Alphabet” — hier wird man zum Leser. So ist auch in diesem Sinn Pounds Buch ein wahres „ABC des Lesens”.

Wer etwas gegen die Liste von „wichtigen” Dichtern einwenden will, die Pound gibt, einer Liste, in der sehr berühmte neben weithin unbekannten Dichtern stehen (wer kennt auch nur die bedeutendsten der Troubadoure mit Namen?), übersieht, daß es Pound vor allem um die Dichter ging, die sprachlich etwas Neues brachten, die der Dichtkunst sozusagen handwerklich weiterhalfen. Immer fragt eri War das nicht schon früher da? In einer anderen 1 Sprache? Vielleicht besser, klarer? Wo findet sich į der präziseste, knappste Ausdruck für einen Tatbestand?

Ich wüßte niemand zu nennen, der in der Weltliteratur aller Zeit so zu Hause ist wie Ezra Pound.’ Er kennt sie nicht wie ein Briefmarkensammler seine Marken (dem Nebensächlichkeiten, wie etwa die Zähnung, oft den Blick verstellen), sondern wie ein Seefahrer das Meer; das heißt, er hat eine lebendige Beziehung zu ihr. Es gibt wohl keine idealere Einführung in die Kunst des Lesens wie diese. Bei aller Unbedingtheit in seinen Ansichten gesteht Pound dem Leser immer die Möglichkeit zu, daß dieser recht Habe: sollte ein anderer Weg zu einem lebendigeren Wissen, zu einer innigeren Beziehung zur Dichtung führen — bitte sehr, der Leser möge ihn gehen.

Eva Hesse, die Uebersetzerin, hat ein sehr kluges Vorwort zu dem Bande geschrieben. Es sei jedem empfohlen, dem es um eir, echtes Verständnis der Weltliteratur — als einer der lebendigsten Sachen,’ die wir Menschen hier auf Erden haben — geht.

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