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"Das war schon eine reife Leistung"

Zwangsarbeiter, die in der NS-Zeit in Österreich eingesetzt waren, werden jetzt entschädigt - ein Verdienst von Maria Schaumayer, Ex-Nationalbankpräsidentin und für das Projekt aus der Pension geholt. Im furche-Gespräch erzählt sie, wie spannend die Lösung dieser Aufgabe war.

die furche: Rund 50.000 Personen, die Anspruch auf Entschädigung für Zwangsarbeit in Österreich haben, bekamen bisher den ihnen zustehenden Betrag überwiesen. Sind Sie mit dem Fortgang der Dinge zufrieden?

maria schaumayer: Ich bin mit der Entwicklung absolut glücklich. Im Jahr 2000 haben wir es in einer unerwartet konzentrierten Aktion zustande gebracht, die gesetzlichen Voraussetzung für diese Zahlungen im vollen Konsens aller Parteien in weniger als zehn Monaten zu erstellen. Eine reife Leistung - das darf ich sagen, auch wenn es meine eigene und die meiner Mitarbeiter ist. Man muss bedenken: Da gab es Sammelklagen in Amerika, mit sieben Ländern waren bilaterale Verträge abzuschließen (in allen Fällen musste für Rechtssicherheit gesorgt werden, damit weder die Republik, noch Firmen geklagt werden können), jüdische und nicht-jüdische Opfer waren zu bedenken, das Parlament zu einstimmigen Beschlüssen mit entsprechen Entwürfen zu bewegen... Ich glaube nicht, dass etwas Vergleichbares je in zehn Monaten abgewickelt wurde. Im Dezember 2000 wurden die Organe des Österreichischen Versöhnungsfonds konstituiert. Ab Juli 2001 wurde, nachdem die letzte Klage in den USA vom Tisch war, mit der Abwicklung der Zahlungen begonnen. Bis Ende 2001 ist es gelungen, fast 50.000 von den vermuteten 150.000 Leistungsberechtigten mit voller Überweisung zu bedienen.

die furche: Ohne Partner im Ausland lässt sich eine solche Aktion sicher nicht durchführen. Wer sind die Partner?

schaumayer: Es gab NS-Opfer-Organisationen in den Ländern Osteuropas. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands gingen die ersten namhaften Zahlungen der Bundesrepublik in den Osten. Damals konstituierten sich diese Organisationen der Opfer in den Empfängerstaaten. Nachdem sich Österreich entschlossen hatte, das Zwangsarbeiter-Thema auch anzugehen, mussten die Opferorganisationen zwischen Einsatzorten ihrer Mitglieder unterscheiden und außerdem die Leistungsberechtigten - das ist besonders am österreichischen Gesetz - individuell kategorisieren. Übrigens eine scheußlich Bezeichnung.

die furche: In welche Kategorien?

schaumayer: Einsatz in der Industrie, in der Landwirtschaft, im KZ oder in einer KZ-Einrichtung...

die furche: Und wozu die Unterscheidung?

schaumayer: Zur Bemessung der Leistungshöhe. Für Zwangsarbeit in der Landwirtschaft werden 20.000 Schilling gezahlt, in der Industrie 35.000 und für KZ- oder KZ-ähnliche Misshandlung 105.000 Schilling.

die furche: Und wie kam man gerade auf diese Beträge?

schaumayer: Die letzten beiden Werte sind den deutschen nachgebildet. Deutschland hat ja schon zwei Jahre früher mit dem Verhandeln begonnen - ist allerdings nur einen Tag früher als wir fertig geworden.

die furche: Gibt es andere Besonderheiten der österreichischen Regelung?

schaumayer: Wir haben eine besondere Vorkehrung getroffen für Frauen, die als Zwangsarbeiterinnen entweder Kinder in den entsetzlichen Gebärkliniken der NS-Zeit zur Welt bringen oder bis zum achten Monat abtreiben lassen mussten. Solches hat sich vor allem im Linzer Raum abgespielt. Es muss grauenhaft gewesen sein: Oft sind die Kinder den Frauen weggenommen und für medizinische Experimente herangezogen worden. Und noch etwas: Eine Kategorie für Kinder bis zum Alter von 14 Jahren, die mit deportiert wurden...

die furche: Kleine Kinder zur Zwangsarbeit?

schaumayer: Das dürfte sich so abgespielt haben: Einsatzkommandos sind vor der Kirche oder dem Gasthaus erschienen und haben alles auf Lkws und dann in Viehwaggons geladen, was da war, auch Kinder. Sie sind heute natürlich auch im Pensionsalter.

die furche: Wer ist für die Identifizierung der Opfer verantwortlich?

schaumayer: Die erwähnten Organisationen reichen beim Versöhnungsfonds Listen ein. Dieser überprüft den Anspruch stichprobenartig.

die furche: Wie geschieht das?

schaumayer: Zunächst anhand des verfügbaren österreichischen Archivmaterials. Da ist mehr vorhanden als man dachte. Das NS-Regime war außerordentlich bürokratisch. Bis Ende 1944 wurde die Bürokratie durchgezogen. Um zu den Informationen zu gelangen, habe ich alle Landeshauptleute gebeten, jeweils einen Koordinator für die Identifizierung der Anspruchsberechtigung namhaft zu machen.

die furche: Wo findet man nun solche Unterlagen?

schaumayer: In der Gemeinde, bei der Krankenkasse, beim Arbeitsamt, wo zugeteilt wurde. Wissen Sie, es gab rührende Briefe: Ungelenk geschrieben, auf Papier, wie wir es bei uns 1945 hatten... Und da wurde dann etwa geschrieben: "Ich war in Niederösterreich, in der Nähe von Gmünd, da war eine Brücke, eine Kirche und rechts hinter der Kirche war ich bei einem Bauern..." Landeskoordinatoren ist es durchaus möglich, vor Ort nachzufragen, ob das zutreffen kann.

die furche: Ist man bei den Überprüfungen auf viel Missbrauch gestoßen?

schaumayer: Bisher ist kein Missbrauchsfall bekannt geworden. Auch die Briefe, die der Versöhnungsbund an die Geldempfänger versandt hat, mit der Bitte zu bestätigen, dass die Adressaten den Betrag in voller Höhe erhalten haben, bestätigen alle eine ordentliche Abwicklung.

die furche: Wie wurden die Mittel für den Fonds aufgebracht?

schaumayer: Die Regierung hat gezahlt, was nach den Leistungen der Unternehmen auf die Gesamtsumme von sechs Milliarden Schilling gefehlt hat.

die furche: Haben die Unternehmen selbst festgelegt, wieviel sie zahlen?

schaumayer: Wir haben an alle österreichischen Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern einen Brief verfasst mit der Bitte, einen freiwilligen Beitrag zu leisten. Dieser sollte nicht nur nach der Betroffenheit des Unternehmens bemessen sein. Wir haben vorgeschlagen, als Richtgröße zwei Promille des Vorjahresumsatzes anzusehen. Und diese Aktion erbrachte einen ansehnlichen Betrag.

die furche: Warum wurde die Wiedergutmachung erst so spät in die Wege geleitet?

schaumayer: Weil die Sowjetunion zuerst zerfallen musste. Das hätte den Stolz der Weltmacht verletzt. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Menschen, die zur Zwangsarbeit verschleppt worden waren, sich in sowjetischen Zeiten gemeldet hätten. Damals wurden sie oft als Kollaborateure verdächtigt. Die Deutschen haben dann ab 1991 Wiedergutmachung geleistet. Aber da sind enorme Beträge veruntreut worden. Daraus haben wir gelernt und ein gut kontrollierbares System aufgezogen.

die furche: Wie lange wird die Abwicklung dauern?

schaumayer: Die Meldefrist läuft bis Ende November 2002. Man darf nicht vergessen: Das Drittel, das bis jetzt bedient wurde, umfasst Personen aus 35 Ländern. Es war ein erheblicher PR-Aufwand nötig, um die Leistungsberechtigten zu informieren.

die furche: Sind die ausgezahlten Beträge nicht eher mager?

schaumayer: 20.000 Schilling sind für Osteuropäer kein Bettel. Die durchschnittliche Monatspension in Russland, Weißrussland oder der Ukraine liegt in der Größenordnung von 200 Schilling. Übrigens sind die Dankschreiben, die kommen, oft rührend. Das Geld bedeutet für viele dieser alten Menschen eine große Hilfe bei der Bezahlung von Leistungen des Gesundheitssystems. Es ist auch ein gewisser wirtschaftlicher Impuls.

die furche: Wird der vorgesehen Finanzrahmen reichen?

schaumayer: Ja. Wir haben großzügig geschätzt. Das Schätzen war allerdings schwierig. Aus Historikerarbeiten wussten wird, dass es Ende 1944 auf dem Gebiet der Republik Östereich eine Million fremde Arbeitskräfte gegeben hat. Beim Schätzen der Überlebensrate dieser Menschen habe ich immer dafür plädiert, eher nach oben als nach unten zu irren.

die furche: War das nicht auch eine sehr befriedigende Tätigkeit?

schaumayer: Eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit, die ich auch gesundheitlich ziemlich gespürt habe. Menschlich war es eine außerordentlich erfüllende Aufgabe. Ich habe die Aufgabe auch übernommen, weil ich aus der Kindheit Erinnerungen an diese Jahre in mir trug. Das volle Mitgefühl für diese Menschen war latent vorhanden.

Das Gespräch führte Christof Gaspari

Zur Person: Spitzenkarriere in Wirtschaft und Politik

Am 7. Oktober hat Maria Schaumayer ihren 70. Geburtstag gefeiert. In Graz geboren, besuchte sie das Realgymnasium in Fürstenfeld, um nach der Matura in Wien an der Hochschule für Welthandel ihren Diplomkaufmann zu machen. Das Studium der Wirtschaftswissenschaften in Innsbruck schloss sie 1954 mit dem Doktorat ab.

1954 trat sie in die Creditanstalt (CA) ein, wurde aber ab 1965 beurlaubt, um in der Wiener Landesregierung als amtsführende Stadträtin zunächst für die Städtischen Unternehmungen und ab 1973 für baubehördliche und sonstige technische Angelegenheiten zu wirken.

1974 wurde Schaumayer in den Vorstand der Österreichischen Kommunalkredit AG berufen und 1982 in den Vorstand der ÖMV AG, wo sie für Finanzfragen zuständig war. 1990 erfolgte schließlich ihre Aufsehen erregende Bestellung zur Nationalbankpräsidentin, eine Funktion, die sie fünf Jahre lang ausübte.

1999 wurde die Pensionistin zu der im Interview beschriebenen Tätigkeit als Regierungsbeauftragte zur Führungen der Verhandlung für die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter der NS-Zeit berufen. Mit der Einrichtung des mit sechs Milliarden Schilling dotierten Versöhnungsfonds war ihr Auftrag im Jahr 2001 beendet.

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