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"Du darfst"

Erinnern Sie sich an folgende Margarine-Werbung? "Ich will so bleiben, wie ich bin." - "Du darfst". Da sage noch einer, die Menschen von heute verstünden nicht mehr, worum es in der biblischen Lehre von der Rechtfertigung des Sünders geht!

Bei näherem Hinsehen handelt es sich freilich um ein bloßes Surrogat der biblischen Heilsbotschaft. Die Werbung klingt täuschend echt. Wo Rechtfertigung draufsteht, ist freilich nicht Rechtfertigung drin.

Zielgruppe sind diejenigen, die Angst haben, zu dick zu werden und damit heutigen Schönheitsnormen nicht zu genügen.

Hinter jeder Schönheitsdiät lauert die Verzweiflung. Entweder der Wunsch, für immer so zu bleiben, wie man ist, das heißt, verzweifelt man selbst sein zu wollen, oder der Wunsch, ein anderer zu werden, das heißt, verzweifelt nicht man selbst sein zu wollen. Verzweiflung aber ist, mit Sören Kierkegaard gesprochen, eine Gestalt der Sünde.

Nun kommt die Margarinewerbung und verkündigt eine frohe Botschaft. Das vermeintliche Evangelium entpuppt sich bei näherem Hinsehen freilich als Botschaft eines neuen Gesetzes. Hinter der Zusage "Du darfst" steht in Wahrheit die Forderung "Du musst", steht das unbarmherzige Gesetz, schlank bleiben zu müssen.

Gepredigt wird Askese, die sich den Schein der Genusssucht gibt. Denen, die gegen das Schlankheitsgebot verstoßen, soll durch entsprechende Werke ein gutes Gewissen verschafft werden.

Jesus forderte nicht zur Askese auf, sondern verkündigte den Anbruch des Gottesreiches, in dem die guten Gaben der Schöpfung genossen werden. Ihn störte es nicht, dass man ihn als Fresser und Weinsäufer beschimpfte. Die Zürcher Reformation begann mit einem demonstrativen Wurstessen mitten in der Fastenzeit. Darin wird etwas sichtbar von der Freiheit des Glaubens und der Zusage Gottes: Du darfst.

Ulrich H. J. Körtner ist Professor für Systematische Theologie H.B. an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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