Rudolf Bultmann: Elektrizität und Neues Testament

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 25 Jahren verstarb der evangelische Theologe Rudolf Bultmann, dessen "Entmythologisierung" des Neuen Testaments die Theologen seiner Zeit entzweite und/oder beflügelte.

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Vor 25 Jahren verstarb der evangelische Theologe Rudolf Bultmann, dessen "Entmythologisierung" des Neuen Testaments die Theologen seiner Zeit entzweite und/oder beflügelte.

Vor 25 Jahren, am 30. Juli 1976, verstarb in Marburg der Neutestamentler Rudolf Bultmann. Er war einer der bedeutendsten evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts. Von der liberalen Theologie herkommend, wandte sich Bultmann schon früh der Dialektischen Theologie zu, die mit dem Erbe des Kulturprotestantismus radikal abrechnete und die Theologe des 20. Jahrhunderts weit über den deutschen Sprachraum hinaus nachhaltig prägen sollte.

Wortführer dieser neuen theologischen Richtung nach dem Ersten Weltkrieg waren der Schweizer Theologen Karl Barth, sein Freund Eduard Thurneysen, Friedrich Gogarten, Emil Brunner und Georg Merz. Unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges und dem Zerbrechen der Synthese von Thron und Altar, von Christentum und moderner Kultur, forderten die dialektischen Theologen einen theologischen Neubeginn. Nicht beim frommen Selbstbewusstsein der religiösen Individuen, sondern bei der Selbstoffenbarung Gottes, bei seinem Wort, habe alle Theologie ihren Ausgangspunkt zu suchen. Der Begriff des Wortes Gottes diente fortan als Letztbegründung aller Theologie.

"Der Gegenstand der Theologie", so erläuterte Bultmann 1924 das Anliegen der Dialektischen Theologie, "ist Gott, und der Vorwurf gegen die liberale Theologie ist der, dass sie nicht von Gott, sondern vom Menschen gehandelt hat. Gott bedeutet die radikale Verneinung und Aufhebung des Menschen." Im Unterschied zu Barth vertrat Bultmann jedoch schon früh die Ansicht, dass sich die Berufung auf das Wort Gottes und die Anthropologie nicht voneinander trennen lassen. "Will man von Gott reden", so Bultmann in seinem berühmten Aufsatz "Welchen Sinn hat es, von Gott zu reden" aus dem Jahr 1925, "so muss man offenbar von sich selbst reden."

Bultmanns Grundverständnis des christlichen Glaubens kommt programmatisch in dem Titel seiner vierbändigen Aufsatzsammlung "Glauben und Verstehen" zum Ausdruck. Der Glaube ist eine Weise des Verstehens, nämlich des Daseinsverständnisses menschlicher Existenz vor Gott. Die Lehre vom Verstehen aber ist die Hermeneutik, sodass Bultmanns Theologie insgesamt als "hermeneutische" Theologie zu charakterisieren ist.

Was Bultmanns Theologie durchgängig auszeichnet, ist die enge Verbindung von Exegese und systematischer Theologie. Wie Bultmann in den Epilegomena seiner "Theologie des Neuen Testaments" (1953) ausgeführt hat, besteht die Aufgabe der Theologie in der Einheit ihrer Disziplinen darin, "das aus dem Glauben erwachsende Verständnis von Gott und damit von Welt und Mensch zu entwickeln". Versteht man diese Aufgabe mit Bultmann als systematische Theologie, die freilich von jeder unhistorisch verfahrenden "Normaldogmatik" unterschieden wird, so war Bultmann ganz gewiss nicht nur ein Exeget und ein Systematiker von Rang, sondern als Exeget ein Systematischer Theologe. Systematische Theologie, wie Bultmann sie versteht, ist nämlich nichts anderes als "konsequente, das heißt auf die Existenz des gegenwärtigen Menschen ausgerichtete Exegese" (so der evangelische Theologe Eberhard Jüngel).

Der Entmythologisierer

Geboren am 20. August 1884 als Sohn eines oldenburgischen Pfarrers in Wiefelstede, promovierte Bultmann 1910 mit einer Studie zur Rhetorik des Paulus und habilitierte sich 1912 mit einer Untersuchung über die Exegese des Theodor von Mopsuestia. Bultmann wurde Professor für Neues Testament, zunächst 1916 in Breslau, dann 1920 in Gießen und von 1921 bis zu seinem Tod in Marburg an der Lahn. Zu seinen exegetischen Hauptwerken zählen neben der bereits erwähnten Theologie des Neuen Testaments seine "Geschichte der Synoptischen Tradition" (1921, stark erweitert 1931), ein Standardwerk der sogennannten formgeschichtlichen Methode, sein Jesusbuch von 1926 sowie sein 1941 erschienener Kommentar zum Johannesevangelium.

Gerade als historisch-kritisch geschulter Exeget stellt Bultmann eindringlich die Frage, was die Texte des Neuen Testaments dem modernen Menschen des 20. Jahrhunderts zu sagen haben. Klarsichtig arbeitet er die erheblichen Schwierigkeiten heraus, vor die sich jedes Bemühen um ein zeitgemäßes Verstehen der biblischen Botschaft gestellt sieht. Oberflächlich betrachtet besteht das Grundproblem in den mythischen Zügen des neutestamentlichen Weltbildes, die dem aufgeklärt-naturwissenschaftlichen Weltbild gänzlich widersprechen. Lapidar stellt Bultmann fest, das mythische Weltbild der Bibel habe sich "erledigt". "Man kann", so schreibt Bultmann 1941, "nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben."

Das Neue Testament sei darum zu "entmythologisieren". Entmythologisierung bedeutet bei Bultmann freilich nicht die Eliminierung des Mythos, sondern seine Reinterpretation. Positiv gewendet geht es Bultmann um die "existentiale Interpretation" des Neuen Testaments. Der Glaube ist vom Mythos zu unterscheiden, weil er sich wie die Rede von Gott jeder weltbildhaften Verobjektivierung entzieht. Neben der Lektüre Soeren Kierkegårds und Wilhelm Diltheys und neben Bultmanns Lehrer Wilhelm Herrmann hat vor allem das intensive Gespräch mit Martin Heidegger Bultmanns hermeneutisches Programm beeinflusst. Zwischen Bultmann und Heidegger, der ebenfalls vor 25 Jahren, am 26. Mai 1976, starb, bestand in dessen Marburger Zeit eine intensive Arbeitsgemeinschaft.

In den fünfziger und sechziger Jahren wurde Bultmanns Entmythologisierungsprogramm zum innerkirchlichen Streitfall. Konservative Kreise machten dem Marburger Theologen den Vorwurf, das christliche Glaubensbekenntnis abzuschaffen, und strebten sogar ein Lehrzuchtverfahren an. Anderen Kritikern ging Bultmanns Modernisierung der Theologie im Gegenteil nicht weit genug.

Will man Bultmanns Entmythologisierungsprogramm historisch würdigen, ist es nicht nur im Kontext der Diskussion über das Verhältnis von Christentum und Moderne, sondern auch im Kontext der Auseinandersetzung mit der Ideologie des Nationalsozialismus zu lesen. Bultmann gehörte wie Barth der Bekennenden Kirche an und war einer der Mitverfasser des Gutachtens der Marburger Theologischen Fakultät, das sich deutlich gegen die Einführung des "Arierparagraphen" in die evangelischen Kirche aussprach. Das sollte nicht vergessen werden. Ferner gebührt Bultmann das Verdienst, die Fragestellungen der Wort-Gottes-Theologie mit denjenigen des von ihr kritisierten Neuprotestantismus metakritisch verbunden und so ihr relatives Recht anerkannt zu haben.

Bultmann wirkt weiter

Auch wenn in den letzten Jahrzehnten der Begriff des Mythos eine neue Aufwertung erfahren hat, bleibt Bultmanns Theologie ungebrochen aktuell. Gerade in der Auseinandersetzung mit neuen Formen einer synkretistischen und mythischen Religiosität sollte Bultmanns Mythoskritik ebenso neu bedacht werden wie sein kritischer Umgang mit dem Begriff der Religion.

Um die Beschäftigung mit dem Werk Bultmanns und dem Programm einer Hermeneutischen Theologie zu fördern, wurde 1998 die Rudolf-Bultmann-Gesellschaft für Hermeneutische Theologie mit Sitz in Marburg/ Lahn gegründet. Im Sinne Bultmanns, der die Bildung einer theologischen Schule stets abgelehnt und die eigenständige, kritische Auseinandersetzung gefordert hat, will die Gesellschaft sich keineswegs nur mit dem Werk Bultmanns beschäftigen, sondern die von ihm angestoßenen Fragestellungen, die auch von anderen Theologen in höchst eigenständiger Weise verfolgt worden sind, unter den Bedingungen der Gegenwart aufgreifen und fortführen. Sie ist dabei von der Überzeugung getragen, dass das umfassende Programm einer Hermeneutischen Theologie, die das Gespräch mit anderen Disziplinen sucht, wegweisend bleibt, jedoch angesichts der heutigen Herausforderungen an Theologie und Kirche auf eigenständige Weise weiterentwickelt werden muss.

Der Autor, Professor für Systematische Theologie an der Evang.-Theol. Fakultät in Wien, ist Vorsitzender der Rudolf-Bultmann-Gesellschaft für Hermeneutische Theologie.

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