Lärmbelästigung - Die WHO sieht Lärm zunehmend als problematisch an. Rund 39 Prozent der Österreicher und Österreicherinnen werden in ihrer Wohnung durch Lärm gestört (Statistik Austria).
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„Liebesschwur macht immun gegen Lärm“

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Die Psychoakustikerin Brigitte Schulte-Fortkamp erklärt, wie sich die eigene Lebensgeschichte auf die individuelle Lärmempfindlichkeit auswirkt.

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Die Psychoakustikerin Brigitte Schulte-Fortkamp erklärt, wie sich die eigene Lebensgeschichte auf die individuelle Lärmempfindlichkeit auswirkt.

Das Gespräch führte Brigitte Quint

Ob uns ein Geräusch zu laut ist oder nicht, hängt damit zusammen, wie wir es bewerten, sagt Brigitte Schulte-Fortkamp, Professorin für Psychoakustik an der Technischen Universität in Berlin. Ihr Fachgebiet: Alle Arten von Krach – und wie wir als Gesellschaft mit ihm umgehen. Die FURCHE hat nachgefragt.

DIE FURCHE: Was ist Lärm?
Brigitte Schulte-Fortkamp: Schall, der für die Menschen, auf die er wirkt, unerwünscht ist. Lärm ist aber keine Pegelgröße, sondern eine subjektive Bewertung eines Geräusches.

DIE FURCHE: Stille ist nicht zwangsläufig das Gegenteil von Lärm?
Schulte-Fortkamp: Nein, sondern eine schön klingende Umgebung. Vogelgezwitscher, Meeresrauschen, Kinderlachen – all das ist nicht lautlos, wird aber von vielen als angenehm empfunden.

DIE FURCHE: Kann Lärm krank machen?
Schulte-Fortkamp: Zumindest kann er Beeinträchtigungen in unterschiedlichen Bereichen bewirken. Diese können psychischer, physischer, sozialer oder ökonomischer Art sein.

DIE FURCHE: Welche Geräusche wirken auf uns besonders belastend?
Schulte-Fortkamp: Ab 85 Dezibel, das kann der Schalldruckpegel an einer stark befahrenen Hauptverkehrsstraße sein, wird es eigentlich für alle unangenehm. Eine Lautstärke wie diese ist auch gesundheitsschädlich. Die Faustregel heißt dennoch: Wie ich ein Geräusch empfinde, hängt davon ab, wie ich es bewerte, wer es verursacht und unter Umständen sogar, welche Rolle es in meinem bisherigen Leben gespielt hat.

DIE FURCHE: Die Heavy-Metal-Musik aus der Nachbarswohnung wird leiser, wenn ich den Verursacher sympathisch finde?
Schulte-Fortkamp: Nicht leiser, aber erträglicher. Sie verzeihen Ihrem Nachbarn eher, dass er mit seinem Schall durch die Wände in Ihre Wohnung dringt, wenn sie ein gutes Verhältnis zu ihm haben.

DIE FURCHE: Seinen Musikgeschmack gilt es dann aber dennoch zu ertragen …
Schulte-Fortkamp: Da sind wir bei der Bewertung. Wer eine negative Einstellung zur Schallquelle hat, hält sie auch schwerer aus. Auch kommt es darauf an, was ich über das Geräusch weiß, welche Erfahrung ich mit ihm gemacht habe. Eine Mutter bewertet Fahrzeuggeräusche in der Regel anders als ihr Kind.

DIE FURCHE: Inwiefern?
Schulte-Fortkamp: Die Mutter weiß, welche Gefahren ein herannahendes Fahrzeug mit sich bringen kann. Das Kind wiederum reagiert fasziniert auf das Vehikel, denkt an seine Spielzeugautos etc. Wissen, Erfahrung, aber auch die eigene Sozialisation sind ausschlaggebend dafür, wie ich zu einem Geräusch stehe.

Brigitte Schulte-Fortkamp - Brigitte Schulte-Fortkamp ist Professorin für Psychoakustik an der Technischen Universität Berlin

Brigitte Schulte-Fortkamp ist Professorin für Psychoakustik an der Technischen Universität Berlin

DIE FURCHE: Die Geräusche aus der Kindheit beeinflussen unser weiteres Leben?
Schulte-Fortkamp: Zumindest unser Lärmempfinden. Kinder, die in großstädtischen Umgebungen aufwachsen, müssen sehr früh eine Flut von akustischen Informationen verarbeiten, sie lernen sehr früh eine Vielzahl von Geräuschen den verschiedensten Ereignissen zuzuordnen. Wer anders aufwächst, reagiert auf diese Geräuschumgebungen eventuell sensibler oder distanzierter.

DIE FURCHE: Sind Menschen vom Land also geräuschempfindlicher?
Schulte-Fortkamp: Sie werden zumindest mit anderen Geräuschquellen sozialisiert als die Großstädter. Man muss hier nach Geräuschsituationen differenzieren.

DIE FURCHE: Hat es nicht auch damit zu tun, ob man gewisse Geräusche selbst verur­sacht?
Schulte-Fortkamp: Aus der Forschung weiß man: Wer selbst ein Verkehrsmittel besonders häufig nutzt, regt sich in der Regel auch weniger darüber auf, wenn andere sie nutzen. Jemand, der zwei bis dreimal pro Woche herumjettet, wird sich weniger durch Fluglärm beläs­tigt fühlen, als jemand, der den Flugverkehr nicht nutzt.

DIE FURCHE: Gibt es eine Akustik, die so gut wie alle negativ wahrnehmen?
Schulte-Fortkamp: Die quietschende Gabel auf dem Teller ist so ein Geräusch. Für viele sind solche Geräuschcharakteristika extrem unangenehm.

DIE FURCHE: Und welche Laute werden als wohlklingend bewertet?
Schulte-Fortkamp: Häufig sind das Naturgeräusche. Aber auch das ist kontextabhängig. Gleichzeitig gibt es Situationen, die die lauteste Umgebung vergessen lassen: etwa, wenn wir eine Liebeserklärung erhalten.

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Das Gespräch führte Brigitte Quint