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Schrei nach Stille

Frau - © Collage: Florian Zwickl (Unter Verwendung von gettyimages / fizkes)
Gesellschaft

Krachendes "Systemversagen"

1945 1960 1980 2000 2020

Ruhe muss man sich leisten können. Für Lärmbetroffene hingegen gibt es kaum Unterstützung. Fragen der Umwelt-Ungerechtigkeit werden in Österreich noch grob stiefmütterlich behandelt.

1945 1960 1980 2000 2020

Ruhe muss man sich leisten können. Für Lärmbetroffene hingegen gibt es kaum Unterstützung. Fragen der Umwelt-Ungerechtigkeit werden in Österreich noch grob stiefmütterlich behandelt.

Michael* (Name von der Redaktion geändert) hat es aufgegeben, seine Schulfreunde zu sich nach Hause einzuladen. Sie sagen ohnehin ab. Den Kindern in seiner Klasse ist es zu laut bei ihm. Sein Elternhaus steht nur 40 Meter von der Autobahn entfernt. Wie eine Raststätte ohne Ausfahrt. Tagsüber ist Familie Berger* (Name von der Redaktion geändert) bei geschlossenen Fenstern einer Lautstärke von 75 Dezibel ausgesetzt – das entspricht in etwa der Geräuschkulisse einer Waschmaschine im Schleudergang. Nachts reduziert sich der Schall auf 65 Dezibel. Ein Pegel, der vergleichbar ist mit dem Rattern einer Nähmaschine. Dass dieser Krach auf Dauer zermürbt, ist wenig verwunderlich. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gilt nachts bereits eine Lautstärke oberhalb von 45 Dezibel (etwa das Brummen eines Eiskastens) als gesundheitsschädlich. Ein Wert, von dem die Bergers nur träumen können.

Umweltjurist Werner Hochreiter, der für die Arbeiterkammer diverse Gutachten zur Situation der Familie angefertigt hat, sagt: „Bei einem Getöse wie diesem wird es schon mit Schallfenstern schwierig.“ Die gute Nachricht vorweg: Nach 15 Jahren bürokratischen Gezerres mit der Republik Österreich erhalten Michaels Eltern eine Ausgleichszahlung und die Familie kann sich an einem ruhigeren Ort niederlassen. Auch wenn das Schicksal der Bergers nur die Spitze des Eisbergs ist – es steht doch exemplarisch dafür, dass Lärmbetroffene hierzulande größtenteils auf sich gestellt sind und der Staat seiner Sorgfaltspflicht zu wenig nachkommt. Experten wie Hochreiter sprechen von „Systemversagen“.

Lärmschutz wird privatisiert

Dabei gibt es mehr als genug Bürger, die sich von Lärmquellen in ihrem Wohlbefinden eingeschränkt fühlen. Laut Statistik Austria werden 38,7 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher in ihrer Wohnung durch Lärm belästigt – was dazu führt, dass ihr Stresslevel stets höher ist als jener ihrer Mitbürger, die im wahrsten Sinne des Wortes in Ruhe gelassen werden. Auch das WHO Regionalbüro für Europa sieht Lärm zunehmend als problematisch an und hat im Herbst 2018 Leitlinien für den Schutz der menschlichen Gesundheit vor der Belastung durch Umgebungslärm formuliert. „Dieser Beschluss war unserer damaligen Regierung nicht einmal eine Presseaussendung wert. Geschweige denn, dass man sich ernsthaft damit auseinandergesetzt hätte“, sagt AK-Umweltjurist Hochreiter. Doch wann wird ein Geräusch zum Lärm – und wann wird dieser politisch?