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"Die Kinder werden NICHT KRÄNKER"

1945 1960 1980 2000 2020

Der Hamburger Psychiater Michael Schulte-Markwort über sein Buch "Kindersorgen", Helikoptereltern, ADHS, Mobbing und medialen Alarmismus.

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Der Hamburger Psychiater Michael Schulte-Markwort über sein Buch "Kindersorgen", Helikoptereltern, ADHS, Mobbing und medialen Alarmismus.

Vor zwei Jahren hat er sich den "Burnout-Kids" gewidmet, die an Erschöpfung leiden, vor einem Jahr dann den "SuperKids" und deren ehrgeizigen Eltern. Nun ist Michael Schulte-Markwort, ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder-und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, in die Rolle seiner kleinen Patienten geschlüpft, um im Buch "Kindersorgen" deren Problemen nachzuspüren. DIE FURCHE hat mit ihm gesprochen.

DIE FURCHE: Sie arbeiten seit 30 Jahren als Kinder- und Jugendpsychiater. Inwiefern haben sich die "Kindersorgen" verändert?

Michael Schulte-Markwort: Es haben sich vor allem drei Dinge verändert. Erstens werden Kinder heute wesentlich mehr wahrgenommen und gesehen als früher - bzw. nicht mehr so sehr von außen normativ durch die Eltern begleitet. Das ist die positive Veränderung. Zweitens ist die Scheidungsquote in dieser Zeit beständig angestiegen, wobei die Trennung der Eltern eine jener Risiken ist, unter denen Kinder besonders leiden, unabhängig von psychischen Erkrankungen. Und die dritte, große Veränderung ist, dass Kinder heute schon früh mit dem Thema Leistung und Erschöpfung zu tun haben.

DIE FURCHE: Die erste Veränderung, die Sie formuliert haben -dass Kinder heute wesentlich mehr "wahrgenommen" werden als früher - hat aber auch die Kehrseite, dass sie oft kaum mehr aus den Augen gelassen werden bzw. kaum Freiräume haben. Zumindest wird das unter dem Schlagwort "Helikoptereltern" gern medial kritisiert ...

Schulte-Markwort: Ich glaube, dass dieser Vorwurf sehr populistisch ist. Müttern und Vätern vorzuwerfen, sie seien "Helikoptereltern" oder besonders misstrauisch und defizitorientiert, nur weil sie heute besorgter sind als früher - und manchmal vielleicht etwas überbesorgt -, ist nicht in Ordnung, davor möchte ich die Mütter und Väter schützen. Ich selbst freue mich über Eltern, die meinetwegen "zu früh" zu mir kommen - und sage ihnen gern, dass sie ein völlig gesundes, liebenswertes Kind haben. Vor 30 Jahren sind wir noch allen Symptomen hinterhergelaufen. Viele Eltern sind einfach unsicher und ratlos - doch das sind wir angesichts der Zustände in der Welt wohl alle.

DIE FURCHE: Und die fehlenden "Freiräume"?

Schulte-Markwort: Dass Kindheit heute komplett verhäuslicht ist und dass Kinder Beziehungen heute anders gestalten, hat vor allem mit der Digitalisierung zu tun. Diese Entwicklung führt aber nicht automatisch dazu, dass die Beziehungsqualität tatsächlich schlechter wird. Unsere Kinder werden auch insgesamt nicht kränker. Smartphones machen im Prinzip nicht krank, jedenfalls nicht die Mehrheit unserer Kinder.

DIE FURCHE: Ihr Kollege, der deutsche Psychiater Manfred Spitzer, behauptet das aber...

Schulte-Markwort: Herr Spitzer zitiert Ergebnisse bildgebender Verfahren, die zeigen, was sich im Gehirn während der Nutzung digitaler Medien abspielt. Natürlich kann es sein, dass sich das Sprachzentrum verändert, wenn man durch solche Medien mehr sieht und hört und weniger spricht. Kinder und Jugendliche, die einem intensiven Konsum von PC-Spielen oder Videos ausgesetzt sind, haben auch eine schlechtere Schlafqualität, und nach einer gewissen Zeit intensiven Spielens mindert sich die Konzentrationsfähigkeit. Aber die entscheidende Frage ist immer jene nach der Intensität und Ausschließlichkeit, man darf nicht generalisieren oder gar behaupten, dass die Kinder immer kränker würden. Dagegen verwahre ich mich aufs Schärfste! Dass sich insgesamt der Umgang mit Sprache verändert, haben außerdem schon wir als junge Generation für uns in Anspruch genommen. Zudem sind wir angesichts der industriellen Revolution 4.0 mit dramatischen Veränderungen konfrontiert, auf die sich die Kinder einfach einstellen müssen.

DIE FURCHE: Ein anderes umstrittenes Thema, das Sie in Ihrem Buch behandeln, ist AD(H)S, das Aufmerksamkeitsdefizit-(Hyperaktivitäts)-Syndrom. Manche meinen, dass es sich dabei nicht um eine Krankheit handle, sondern dass Kinder, die nicht ins System passen, pathologisiert würden...

Schulte-Markwort: Also aus psychiatrischer Sicht gibt es zu AD(H)S keine strittigen Fragen mehr, dieses Krankheitsbild ist fast unverhältnismäßig intensiv beforscht worden -schließlich ist es mit drei Prozent nur halb so häufig wie Depressionen und nur ein Drittel so häufig wie Angststörungen. Wir wissen, dass es sich hier um eine Neurotransmitterstörung im Gehirn handelt, also eine neuropsychiatrische Erkrankung, und dass sie häufig -zumindest in den schweren Fällen, die ich sehe - medikamentös behandlungsbedürftig ist.

DIE FURCHE: Das veranlasst wiederum viele zur Behauptung, ADHS sei eine Erfindung der Pharmaindustrie, um Absatzmärkte für Psychopharmaka wie "Ritalin" zu schaffen

Schulte-Markwort: Das ist Unsinn. Ich nehme zumindest für uns in Anspruch, dass wir jede Medikation sehr sorgfältig überprüfen und keinem Kind überflüssigerweise Medikamente verschreiben.

DIE FURCHE: In Ihrem Buch haben Sie sich auch einem Thema gewidmet, das Kinder subjektiv besonders belastet: Mobbing. Nimmt dieses Phänomen zu?

Schulte-Markwort: Die Untersuchungen der letzten 20 Jahre zeigen einen gleich bleibenden Anteil von etwa zehn Prozent aller Kinder, die einmalig Mobbing- oder Ausgrenzungserfahrungen machen, wobei diese Zahlen für Cybermobbing wie auch analoges Mobbing gelten. Der Prozentsatz jener Kinder, bei denen diese Ausgrenzungen anhalten, ist freilich sehr viel kleiner.

DIE FURCHE: Aber verschärfen die neuen Medien nicht das Problem? Sie selbst beschreiben ja den Fall der 14-jährigen Sofia, die mit einer "Sofia-ist-scheiße"-WhatsApp-Gruppe gemobbt wurde...

Schulte-Markwort: Natürlich ist die Schwelle beim Cybermobbing noch niedriger, das erleben auch Erwachsene in Shitstorms, bei denen durch die Anonymität des Netzes plötzlich alle Grenzen der Moral überschritten werden. Deswegen ist es auch so wichtig, dass alle Schulklassen, die eine Whatsapp-Gruppe einrichten, sich auf bestimmte Regeln verständigen. Wobei ich den Eindruck habe, dass das mehrheitlich gelingt. Klar ist jedenfalls, dass man sofort reagieren muss, wenn in einer Klasse die "Soziometrie" aus der Balance geraten ist.

DIE FURCHE: Wozu raten Sie in diesem Fall?

Schulte-Markwort: Ich schlage Eltern und Lehrern vor, gemeinsam mit den Kindern einen Elternabend abzuhalten, bei dem alle Kinder erleben, dass die Eltern durch einen konsequenten Schulterschluss dafür Sorge tragen werden, dass niemand mehr ausgegrenzt wird. Eine solche Form der partizipativen Pädagogik würde unglaublich gut wirken, aber sie kommt leider so gut wie nie vor.

DIE FURCHE: Sie betonen die Wichtigkeit des Klassen- und Schulklimas auch im Rahmen von zehn Thesen für die Schule

Schulte-Markwort: Ja. Es kann nicht sein, dass mir Schulleiter sagen, dass sie ihren Lehrern nicht vorschreiben können, wie sie ihren Unterricht gestalten sollen oder dass sie bestimmte Cliquen im Lehrerkollegium hätten, die sich nicht vertragen würden -ohne etwas dagegen zu unternehmen. Sie müssen dafür sorgen, dass es ein gutes Klima des Miteinanders gibt. Und unter den Lehrkräften bräuchte es mehr gegenseitige Unterrichtsbesuche. Bei uns in der Psychiatrie gibt es das Prinzip, dass Behandlungen immer gegenseitig supervidiert werden - das wünsche ich mir auch für die Schule, um die Lehrer, die vielfach unter großem Druck stehen, zu entlasten. Außerdem bräuchte es auch geringere Klassenschülerzahlen.

DIE FURCHE: Und was würden Sie sich von den Eltern wünschen?

Schulte-Markwort: Dass sie sich ab und zu trauen, einen Kinderblick einzunehmen und sich an die eigene Kinderzeit zu erinnern. Es geht einfach darum, die Sorgen der Kinder wahrzunehmen - ohne sie zu dramatisieren oder zu bagatellisieren.

Michael Schulte-Markwort ist ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder-und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und des Altonaer Kinderspitals.

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