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Unsoziale Netzwerke

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Jugendliche sind längst schon in sozialen Netzwerken wie Facebook „zu Hause“. Doch sie wissen oft zu wenig über Risiken und Gefahren, wie Mobbing im Netz.

Die vergangenen zwei Wochen wird Direktor Georg Stadler vom „alten“ Gymnasium in Leoben nicht so schnell vergessen: Der langgediente Schulleiter machte eine schlechte Erfahrung mit den neuen sozialen Netzwerken wie Facebook und Co. Obwohl Stadler die positiven Seiten zu schätzen weiß, er hat selbst ein Profil.

Doch einige Schüler der siebenten Klasse wollten die sozialen Netzwerke anders nutzen als nur Freunde zu gewinnen und sich zu präsentieren: Sie schrieben darin wildeste Drohungen gegen einen Lehrer. Die Lage eskalierte.

Zur Vorgeschichte: Immer wieder sorgte ein Gruppe von Schülern der siebenten Klasse für Schwierigkeiten, erzählt Direktor Stadler der FURCHE. Alles wurde probiert: Gespräche, Elternabende, Schulpsychologen. Vor Kurzem fuhr die Klasse ins ehemalige NS-Konzentrationslager Mauthausen. Nach der Rückkehr antwortete einer der Problemschüler auf die Frage,was die Abkürzung „SS“ bedeute mit der Aussage „Scheiss S...“ („S“ für den Nachnamen eines Klassenlehrers, der anonym bleiben soll). Direktor Stadler reichte es, der Schüler wurde suspendiert. Befreundete Mitschüler des Suspendierten reagierten sogleich: Via Facebook wurden Drohungen gegen einen Klassenlehrer verbreitet. Es wurde angedroht, ihn zusammenzuschlagen. Es gab auch Morddrohungen. Die Kriminpalpolizei wurde eingeschaltet. Das Resultat: Ein Schüler besucht bereits eine neue Schule. Den zwei Schülern, die laut Angaben Stadlers die Facebook-Drohungen geschrieben haben, wurde nahegelegt, die Schule zu wechseln. „So etwas habe ich in meinen 31 Dienstjahren nicht erlebt“, klagt Stadler.

„So etwas noch nie erlebt“

Dass die neuen sozialen Netzwerke für so unsoziales Verhalten missbraucht wurden, kam an Stadlers Schule erstmals in so drastischer Form vor. Davor gab es ab und zu gegenseitige Beschimpfungen unter Schülern via Internet oder SMS. „Das gibt es an jeder Schule“, erzählt Stadler von Gesprächen mit Kollegen: „Die einen schauen weg. Ich hätte mir 14 Tage schlaflose Nächte und Konferenzen erspart. Ich wollte es aber nicht zudecken, sondern aufzeigen: bis hierher und nicht weiter.“ Facebook und andere Web-Seiten sind auf den Rechnern dieser Schule nun gesperrt – nicht die einzige Schule, die zu einem Filter greift.

Der Fall aus der Steiermark ist zwar drastisch, aber er macht deutlich: Mit dem Hype um die neuen Netzwerke, mit der Nutzung all der Vorteile von schneller Kontaktaufnahme und dem Aufstöbern längst vergessen geglaubter Freunde, gehen eben auch Risiken einher, meinen Fachleute. So zeigt eine aktuelle Studie der Initiative „saferinternet.at“ und des Instituts für Jugendkulturforschung aus dem Jahr 2010, dass viele Jugendliche bereits unangenehme Erfahrungen in den sozialen Netzwerken gemacht haben: 34 Prozent geben an, dass Freunde schon einmal beschimpft wurden. 23 Prozent sagen, sie seien schon einmal „blöd angemacht“ oder Unwahrheiten seien über sie verbreitet worden. Und 20 Prozent berichteten, es sei schon einmal ein Foto im Netz aufgetaucht, das ihnen unangenehm war. Zudem: Nur wenige Kids wissen Bescheid, wie sie ihre Privatsphäre besser schützen können. Für Bernhard Jungwirth, Koordinator von „saferinternet.at“ eine bedenkliche Sache. Jugendlichen sei oft nicht bewusst, wie offen ihre Einträge und Fotos bei Facebook und Co. zugänglich seien. Hier sei mehr Aufklärung notwendig, damit Jugendliche ihre Privatsphäre besser schützen können. „saferinternet.at“ ist die österreichische Informationsstelle des EU-weiten Projekts zur sicheren und kompetenten Internetnutzung. Denn eines ist für Jungwirth klar: „Die neuen Technologien sind grundsätzlich etwas Tolles. Aber es geht darum, mit möglichen Nachteilen verantwortungsvoll und reflektiert umzugehen.“

Einer dieser Nachteile ist bereits Gegenstand der Wissenschaft: Cybermobbing oder Cyberbullying, also wiederkehrender Psychoterror. Die Psychologin Anja Schultze-Krumbholz vom Institut für Erziehungswissenschaften und Psychologie an der Freien Universität Berlin forscht in diesem Bereich. Laut ihrer Untersuchungen sind zirka 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen von Cybermobbing betroffen – entweder als Täter, als Opfer oder als Mischform (Täter, die zu Opfer werden, und umgekehrt). Die 20-Prozent-Rate würde sich mit Zahlen aus internationalen Studien decken.

Spitze des Eisbergs

Cybermobbing kommt laut Schultze-Krumbholz meist zusammen mit herkömmlichen Mobbing-Formen vor. Die Auswirkungen sind aber im Netz gravierender: Für die Opfer gibt es keinen Schutzraum mehr. Es kann rund um die Uhr gemobbt werden, jeder kann es sehen und der Täter kann anonym bleiben. Das locke eine neue Tätergruppe an, die nur im Netz zur Tat schreitet, so Schultze-Krumbholz. Dass Cybermobbing meist nur die Spitze eines Eisbergs von Gewalt ist, konnten auch drei Wissenschaftlerinnen am Institut für Bildungspsychologie der Uni Wien herausfinden: Schüler, die von anderen via Internet und Handys gemobbt würden, würden auch auf traditionelle Weise in die Enge getrieben, erklärt die Bildungspsychologin Petra Gradinger. Zusammen mit ihren Kolleginnen Christiane Spiel und Dagmar Strohmeier wurden kürzlich zwei Studien an österreichischen Schulen durchgeführt.

Wichtige Resultate: Die Raten für Cybermobbing sind in den österreichischen Studien geringer als in jenen anderer Länder. Die Gründe sind noch unklar. Demnach sind drei Prozent der Mädchen und acht Prozent der Buben in Cybermobbing als Täter involviert. Es wurden auch die Motive erforscht: Zorn war das stärkste. Weiters Macht ausüben, Anerkennung und Spaß. Täter, die auch im Internet mobben, gehen viel zielgerichteter vor als jene, die andere etwa nur in den Klassenzimmern belästigen. Gradinger betont: „Es ist in den seltensten Fällen nur ein Problem einzelner Schüler. Es besteht meistens ein Klima, wo aggressives Verhalten gedeihen kann.“ Daher sei die ganze Gesellschaft gefragt, um gegen Mobbing vorzugehen. Was also tun? Medienkompetenz und -pädagogik sind die Schlüssel, so Experten. Verbote und Sperren von Webseiten an Schulen brächten nichts, meint Markus Gerstmann (Interview). Im Bereich Medienpädagogik gebe es hierzulande noch Aufholbedarf, so Bernhard Jungwirth, auch wenn es bereits einige Initiativen gebe.

Auch Direktor Stadler aus Leoben will noch stärker in diese „Richtung lehren und das Bewusstsein wecken.“ Ein anschauliches Lehrbeispiel gibt es bereits.