Neuer Risikofaktor entdeckt

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Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Österreich für mehr als die Hälfte aller Todesfälle verantwortlich. Nun wurde ein wichtiger neuer Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall entdeckt: das körpereigene Homocystein.

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Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Österreich für mehr als die Hälfte aller Todesfälle verantwortlich. Nun wurde ein wichtiger neuer Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall entdeckt: das körpereigene Homocystein.

Rauchen, Übergewicht, Streß, Cholesterin, Bewegungsmangel, Bluthochdruck, Übergewicht, gestörter Fettstoffwechsel und Diabetes: bekannte Risikofaktoren, die für die Entstehung von Herz- und Kreislauferkrankungen - Todesursache Nummer eins in den Industrieländern (siehe auch Kasten) - verantwortlich sind.

Aber nicht jeder Herzinfarkt oder Schlaganfall kann mit falschen Ernährungsgewohnheiten und Zigarettenkonsum begründet werden. Bei jedem zweiten Patienten konnten Ärzte bisher für die Atherosklerose ("Gefäßverkalkung"), Voraussetzung für Herzinfarkt und Schlaganfall, keine ausreichende Erklärung finden.

Nun aber wurde ein neuer Risikofaktor für Atherosklerose entdeckt: das Homocystein, ein körpereigener Eiweißstoff. Homocystein ist ein Abfallprodukt des menschlichen Stoffwechsels. "Ein Überschuß an Homocystein im Blut ist mit einem erhöhten Risiko eines Gefäßverschlusses verbunden", bestätigt der Arzt Alexander Doder von der Klinischen Abteilung für Angiologie der Medizinischen Universitätsklinik in Graz bei einer Pressekonferenz in Wien zum Thema "Homocysteinämie - neuer Risikofaktor für Atherosklerose".

Therapie mit Folsäure Homocystein entsteht beim Genuß eiweißreicher Nahrung (Fleisch, Käse). Schlecht ist ein zuviel davon im Blut. Mediziner sprechen dann von Homocysteinämie. Verursacht wird der Überschuß durch eine Störung im Eiweißstoffwechsel. Homocystein ist für die Gefäßwände extrem giftig. Zusätzlich begünstigt es die Entstehung von Thrombosen (Blutgerinnsel). Diesen neuen Risikofaktor erachten Wissenschafter mittlerweile als zumindest gleichwertig mit Cholesterin und Diabetes.

Von Homocysteinämie sind allein auf Grund eines vererbten Abbaudefekts schätzungsweise bis zu sieben Prozent der Bevölkerung - etwa 560.000 Menschen - betroffen. Neben dem Gendefekt sind übermäßiger Alkoholkonsum und ein Mangel des Vitamins Folsäure die wichtigsten Ursachen für die Homocysteinämie. Männer weisen prinzipiell mehr davon im Blut auf als Frauen. "Bei Frauen kann es aber ebenfalls zu höheren Werten kommen, wenn sie die Pille einnehmen", erklärt Universitätsprofessorin Anita Schmeiser-Rieder vom Institut für Sozialmedizin der Universität Wien.

Daß Homocystein eine ausschlaggebende Rolle bei der Entstehung von Gefäßverkalkung spielt, zeigte sich auch bei Untersuchungen von Patienten, die bereits Atherosklerose haben. 40 bis 50 Prozent der Erkrankten wiesen erhöhte Homocystein-Werte auf. Die Chance, die ersten fünf Jahren nach einem Herzinfarkt oder Schlaganfall zu überleben, ist offensichtlich ebenfalls vom Homocystein-Spiegel abhängig: Nach einer Herz-Kreislauf-Erkrankung steigt die Sterblichkeit bei Menschen mit hohen Werten um ein Vielfaches.

Im Unterschied zu anderen Faktoren wie Rauchen oder Übergewicht wirkt sich die Homocysteinämie dabei in ihrem Risikoanstieg nicht additiv, sondern multiplikativ aus. "Wir haben eine Menge Risikofaktoren, etliche können wir beeinflussen, etliche nicht. Das Homocystein ist nicht der alleinig verantwortliche Faktor. Aber ab einer gewissen Höhe steigt das Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung schlagartig an", erklärt Olaf Stanger von der Klinischen Abteilung für Herzchirurgie der Universitätsklinik Graz bei der Pressekonferenz.

Die Therapie der Homocysteinämie ist erfreulicherweise einfach, vermutlich völlig nebenwirkungsfrei und kostengünstig: Patienten mit Homocystein-Überschuß im Blut wird das Vitamin Folsäure (B11) verabreicht. Dieses leicht erhältliche und wasserlösliche Vitamin der B-Gruppe ist entscheidend für den Abbau des Homocysteins verantwortlich. Ein Mangel an Folsäure bewirkt, daß das Homocystein verlangsamt oder gar nicht mehr abgebaut wird. Wird Folsäure zusätzlich zur Nahrung eingenommen, wirkt sich das sehr positiv aus. "So konnte beispielsweise täglich eingenommene Folsäure innerhalb von sechs Wochen die Homocystein-Werte im Mittel um 20 Prozent senken", berichtet Stanger von den Erfolgen der Folsäure-Therapie.

Besonders viel Folsäure ist in grünem Gemüse, etwa in Kohlsprossen, Spinat, Broccoli, Fisolen, Salat aber auch in Frühstücksflocken, Leber und Kleie enthalten. Allerdings, so Stanger, kann auch bei sehr bewußter Ernährung der Bedarf, der zur Senkung eines erhöhten Homocystein-Spiegels notwendig wäre, nicht alleine durch die Nahrung gedeckt werden. "Man kann aber durchaus extern Folsäure zuführen, da kann man eigentlich nichts anstellen. Es gibt keinen Grund davon abzuraten", erklärt Stanger. "Wir empfehlen daher eine bessere Versorgung mit Folsäure. Vor allem bei jenen Menschen, die bereits Probleme haben." Vorsicht sei nur dann geboten, wenn gleichzeitig ein Mangel des Vitamins B12 vorliegt. "Das kommt aber extrem selten vor. Dann sollte man zusätzlich auch das Vitamin B12 zu sich nehmen", so Stanger.

Bluttest ist sinnvoll Eine Untersuchung auf erhöhte Homocystein-Werte wird derzeit von Ärzten nicht routinemäßig angeboten. Auch bezahlen nicht alle Krankenkassen den zur Bestimmung notwendigen Bluttest. "Man kann aber seinen Arzt danach fragen, sofern er darüber bereits Bescheid weiß", ermutigt Stanger.

Eine Empfehlung zur generellen Homocystein-Bestimmung für alle Menschen wird derzeit aber nicht ausgesprochen, so Universitätsprofessor Johann Willeit von der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck. Zwar sei bewiesen, daß Folsäure den Homocystein-Wert deutlich senken kann, aber ob dadurch tatsächlich das Herzinfarktrisiko gemindert wird, ist noch nicht zur Gänze untersucht. Willeit: "Wir müssen hier noch die entsprechenden Studien abwarten. Fallen diese positiv aus, ist es durchaus sinnvoll, sich das Homocystein im Blut - wie heute das Cholesterin - regelmäßig kontrollieren zu lassen." Besonders von einem Bluttest profitieren könnten in jedem Fall Menschen, so Stanger, die vor dem 60. Lebensjahr von einer Herz-Gefäß-Erkrankung betroffen sind, wenn andere Familienmitglieder bereits solche Krankheiten hatten und vor allem dann, wenn die bisher definierten Risikofaktoren die Krankheit nicht hinreichend erklären können.

In den USA ist man schon einen Schritt weiter. Bestimmte Lebensmittel, vor allem Getreideprodukte werden - gesetzlich verordnet - seit 1998 mit Folsäure angereichert . Das angepeilte Ziel: 50.000 Herztote pro Jahr weniger in den USA.

ZUM THEMA Todesursache Nummer eins. Rund 44.000 Menschen (54 Prozent aller Todesfälle) starben 1996 an den Folgen von Atherosklerose. Bei Atherosklerose kommt es über Jahre hinweg zu Ablagerungen an der Innenwand von Blutgefäßen ("Verkalkung"). Im Extremfall verschließt diese Plaquebildung das Gefäß. Die Folgen sind Herzinfarkt, Schlaganfall und Beinarterienverschluß.

Auf Grund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbringen Österreicher pro Jahr mehr als 2,7 Millionen Tage im Krankenhaus. Wobei Männer insgesamt fast doppelt so viele Tage im Krankenhaus liegen. Keine andere Erkrankung ist ähnlich häufig und folgenschwer. Es ist die häufigste Ursache für bleibende Behinderung.

Die Zahl der Herz-Kreislauf-Toten steigt naturgemäß mit dem Alter an. Ein erster steiler Anstieg zeigt sich zwischen dem 50. und dem 65. Lebensjahr, wobei sich die Zahl der Todesfälle rund vervierfacht. Diese deutliche Steigerung geht allerdings auf das Konto der männlichen Bevölkerung. Völlig verändert zeigt sich das Bild zwischen dem 65. und 80. Lebensjahr. Erneut eine Vervierfachung, aber die Frauen ziehen gleich auf. Danach steigt die Zahl der Toten durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen weiter an, nun aber zu Lasten der Frauen.

Wesentliche Durchbrüche in der Therapie konnten in den letzten zehn Jahren nicht erreicht werden. Der nun neu entdeckte Risikofaktor Homocystein könnte bei der Vorsorge und Therapie entscheidend weiterhelfen. kun.

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