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Ein unsteter Abend als großer Erfolg

Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann hat Tschechows "Onkel Wanja“ am Akademietheater mit hervorragenden Schauspielern fulminant inszeniert.

Mit einem lauten Knall startet Matthias Hartmann seine "Onkel Wanja“-Inszenierung. Ein heftiger Tumult entsteht auf der Bühne, alles schreit und läuft durcheinander. Es ist der Gewehrschuss Onkel Wanjas aus dem dritten Akt, der das Chaos am Beginn auslöst. Der erste von zahlreichen filmischen Effekten, die Hartmann an diesem fulminanten Theaterabend einsetzt.

Anton Tschechows "Szenen aus dem Landleben in vier Akten“, 1896 auf einem Gutshof nahe Moskaus verfasst, reflektieren die Lebenserfahrungen des Autors. Der reformwillige Landarzt, der egomanische und vor sich hinsiechende Professor, der verarmte Gutsherr mit gebrochenem Herzen, in jeder Figur steckt ein Stück seiner Biografie.

Verschachtelte Holzfronten

Das russische Landhaus zeigt sich am Akademietheater als verkommener Holzpalast mit schäbigen Kristalllustern. Sperrholzfassaden mit großzügigen Zwischenräumen werden vom Schnürboden aus herunter- und wieder hinaufgelassen, im Laufe des Abends verstellen immer mehr dieser verschachtelten Holzfronten die Szenerie. Dazwischen laufen Tschechows tragisch-komische Figuren auf einem borstigen Kunstrasen umher. Das Nichtstun hat sie mürbe gemacht, träge sitzen sie in ihren Gartenstühlen mit einem kleinen Wodka in der Hand, selbst die Dienstboten wissen nichts mehr mit sich anzufangen.

Der aus der Stadt zurückgekehrte Professor (Gert Voss) malträtiert seine neue, viel zu junge Frau Elena (Caroline Peters). Rheuma oder Gicht plagen ihn, weder der Arzt noch die fürsorgliche Marina (Michael Maertens und Elisabeth Orth) können helfen, ebenso wenig wie Onkel Wanja (Nicholas Ofczarek) und seine Nichte Sonja (Sarah Viktoria Frick), die Tochter des Professors aus erster Ehe. Die gesamte Hausgemeinschaft ist gefangen im eigenen Unglück, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Verzweiflung, wo man hinsieht. Sonja macht dem Arzt ungeschickte Avancen, der sich bereits Hals über Kopf in die schöne Elena verliebt hat. Der suizidgefährdete Wanja verzehrt sich ebenfalls nach der spröden Schönheit, die seinen zaghaften Annäherungsversuchen aber gar nichts abgewinnen kann und sich stattdessen vor Langeweile am Boden wälzt.

Immer enger werden sie alle von ihren unerfüllten Sehnsüchten und verpassten Chancen eingeschnürt. Erst das finale Wortgefecht und ein paar Gewehrschüsse ins Leere bringen die heilsame Gefühlsentladung.

Während Frick und Peters zwei desparate Hausfrauen mit verschrobenem Modegeschmack am Rande des Nervenzusammenbruchs geben, kalauert sich Maertens durch das Geschehen, die Lacher immer auf seiner Seite. Voss gibt den Professor geschmeidig und eitel, einem verwöhnten Stubenkater gleich. Hypochondrisch, zeternd und schlaflos tigert er durchs Interieur, jede Zuwendung wird pfauchend zurückgewiesen. Nur zum Abschied schmiegt er sich versöhnlich an Sonja und Wanja, die weiter für sein Auskommen sorgen wollen. Orth und Ofczarek sind die beiden großen Bühnenereignisse dieses Premierenabends. Nichts wirkt hier aufgesetzt, kein Ton zu laut, keine Bewegung zu viel. Eine scheinbare Mühelosigkeit, die beeindruckt.

Zwischen Verzweiflung und Komik

Der Burgtheaterdirektor beweist ein gutes Gespür für die Absurditäten des Lebens, die sich bei Tschechow vor allem in den kleinen, vermeintlich unbedeutenden Szenen zeigen. Ein achtlos weggeworfenes Papier, eine flüchtige Handbewegung, ein Sesselrücken. Jede Geste eine prägnante Momentaufnahme, von den Schauspielern präzise umgesetzt. Es ist eine unstete Aufführung, die zwischen unerträglicher Verzweiflung und Episoden voller Situationskomik changiert, beides jedoch meisterlich vom hervorragenden Schauspielensemble in Szene gesetzt.

Weitere Termine

12., 18., 25. November, 9., 15., 18. Dezember

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