Monografie: Jessica Hausners Märchenwelten

Mit fünf langen Spielfilmen ist das Werk Jessica Hausners noch sehr überschaubar, dennoch bringt es Sabrina Gärtners an der Universität Klagenfurt verfasste Dissertation inklusive Anhang auf beachtliche 500 Seiten. Im ersten Kapitel analysiert die Medienwissenschafterin ausführlich die einzelnen Filme vom 25-minütigen Kurzfilm „Flora“, der 1997 ans Filmfestival Locarno eingeladen wurde, über das Langfilmdebüt „Lovely Rita“ und den Festivalerfolg „Lourdes“ bis zum Science-Fiction-Film „Little Joe“, mit dem der 1972 geborenen Wienerin 2019 der Sprung in den Wettbewerb von Cannes gelang. Kurz wird jeweils der Inhalt skizziert, ehe Einblicke in Produktion, Filmförderung, Festivaleinladungen und Auszeichnungen sowie die Verwertung geboten werden. Spannendster Teil dieses Kapitels sind die Abschnitte, in denen ausgehend vom jeweiligen Film ein spezielles wiederkehrendes Charakteristikum in Hausners Werk analysiert wird.

Bestechende Analysen

Beim Kurzfilm „Flora“ steht so der Musikeinsatz im Zentrum, den mittellangen Film „Inter-View“ nimmt Gärtner als Anlass, um auf die Anfänge der Filme zu blicken, beim Spielfilmdebüt „Lovely Rita“ wird das vielfältige Bezugsnetz des scheinbar einfachen Titels und die Offenheit der auffallend kurzen Filmtitel heraus gearbeitet. Der Horrorfilm „Hotel“ bietet sich dagegen an, um auf das sich wiederholende Spiel mit dem Genre einzugehen, während anhand von „Lourdes“ das Faible der Österreicherin für interpretationsoffene Handlungen herausgearbeitet wird.

Beim Kleist-Film „Amour Fou“, in dem vom Doppelselbstmord Heinrich von Kleists und Henriette Vogels erzählt wird, stehen die „Bewegten Stillleben“ als wiederkehrendes Stilmittel im Zentrum und bei „Little Joe“ fokussiert die Autorin schließlich auf die Entwicklung im Einsatz der Sprache, von Dialekt in „Lovely Rita“ bis zur Weltsprache Englisch im bislang letzten Film der Wienerin. Aber auch die Bedeutung eines gleichbleibenden Teams mit beispielsweise Hausners Schwester Tanja als Kostümbildnerin, Martin Gschlacht als Kameramann und Katharina Wöppermann als Szenenbildnerin wird herausgearbeitet.

Wiederkehrende Märchenmotive

Auf den Abschnitt „Verortungsversuch“, in dem Gärtner versucht die Regisseurin in die Nouvelle Vague Viennoise einzuordnen und auch Parallelen zur Berliner Schule aufzeigt, folgt mit dem 130-seitigen Kapitel „Eine märchenhafte Welt“ das Kernstück dieser Publikation. Ausgehend von verschiedenen Grimm'schen Märchen wie „Aschenputtel“, „Rotkäppchen“ und „Rapunzel“ untersucht Gärtner Mutterfiguren in den Filmen Hausners ebenso wie die Rolle der Farbe Rot, markante Filmanfänge und -enden, die Rolle von Spiegeln und von Balztänzen oder die wiederkehrende märchenhafte Suche nach der Lösung eines Problems.

Keine Wünsche lässt dieses Buch hinsichtlich sorgfältigen wissenschaftlichen Arbeitens und differenzierter Analyse offen, bleibt aber trotz der Wissenschaftlichkeit immer leicht lesbar und spannend. Einzig die recht zahlreichen orthografischen Fehler stören und wünschen würde man sich auch eine Filmographie mit ausführlichen Credits.

Walter Gasperi ist freier Filmjournalist.

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