Bellocchio

Regisseur Marco Bellocchio über "Il Traditore"

1945 1960 1980 2000 2020

Marco Bellocchio über sein durch und durch italienisches Mafia-Epos „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“.

1945 1960 1980 2000 2020

Marco Bellocchio über sein durch und durch italienisches Mafia-Epos „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“.

Es ist eine Geschichte, wie sie nur ein Italiener erzählen kann: Marco Bellocchio dringt in die Tiefen der italienischen Cosa Nostra ein, mit seinem neuen Film „Il traditore“, in dem er die wahre Geschichte von Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino) erzählt: Buscetta war in den 1980er Jahren einer der ersten Mafia-Informanten auf Sizilien, der sich – entgegen dem bei der Cosa Nostra abgelegten Gelübde – mit einem Anwalt traf. Diesem Giovanni Falcone (Fausto Russo Alesi) erzählte er dann Details der Machenschaften, anhand deren hunderte Mitglieder der Cosa Nostra in den USA und in Italien verhaftet und verurteilt wurden.

DIE FURCHE: Die Person des Tommaso Buscetta ist gespalten – für viele ist er ein Held, für andere ein Verräter. Wie haben Sie sich ihm genähert?
Marco Bellocchio: Das Interessante an Buscetta ist, dass er weder ein Opfer noch ein Held ist. Man könnte sagen, er ist einfach nur ein Überlebender. Er hat sehr viele heikle Situationen überlebt. Er floh nach Brasilien, um dort unterzutauchen, weil er wusste, welcher Krieg innerhalb der Cosa Nostra Siziliens tobte, und er wusste auch, dass er zu der Fraktion gehörte, die diesen Krieg verlieren würde. Er dachte aber niemals, dass die Gewinnerseite so weit gehen würde, seine Familie systematisch auszulöschen. Buscetta ging die Familie über alles, und deshalb entschied er sich, mit der Justiz zu kooperieren und die Mafia damit zu hintergehen.

DIE FURCHE: Als Aufdecker feiern ihn dennoch nicht viele.
Bellocchio: Das liegt daran, dass er voller Widersprüche ist: Noch im Gefängnis lebte er seinen Lebensstil weiter, bestellte sich Prostituierte, gab von dort aus Morde in Auftrag und mischte auch im internationalen Drogengeschäft mit. Man nannte ihn den „Boss zweier Welten“, weil er die Geschäfte in Italien genauso überwachte wie jene in Südamerika. Das Besondere an ihm war, dass ein Mafioso dieses Ranges vor Gericht auspackt. Aber Held ist er sicher keiner. Er wollte bloß um jeden Preis überleben.

DIE FURCHE: Auffallend ist, dass Sie sich sehr genau mit der sizilianischen Cosa Nostra befasst haben müssen, das geht sogar bis zur akkuraten Darstellung des sizilianischen Dialekts.
Bellocchio: Ja, ich habe intensiv recherchiert und herausgefunden, dass das sizilianische Lebensgefühl hauptsächlich durch die Sprache vermittelbar ist. Sizilianisch verstehe ich als Norditaliener kaum, deshalb gibt es in der italienischen Fassung des Films auch italienische Untertitel für alle auf Sizilianisch gedrehten Szenen. Ich stamme aus Piacenza, und wir hier im Norden haben eigentlich ganz andere Horizonte als die Mafia. Aber für diesen Film wollte ich ins Innerste der Cosa Nostra vordringen, alles sollte absolut akkurat sein.

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