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"Natürlich habe ich Angst"

Leoluca Orlando, ehemaliger Oberbürgermeister von Palermo, nahm unerschrocken und erfolgreich den Kampf gegen die Mafia auf. Im Furche-Interview spricht er über seine Motive, über das Leben mit der ständigen Bedrohung und erklärt, warum er als christlich-demokratisch gesonnener Mensch mit der Partei der Christdemokraten brechen musste.

Die Furche: Sie waren zweimal Oberbürgermeister von Palermo und haben unter Einsatz Ihres Lebens erfolgreich gegen die Mafia gekämpft. Was macht die Mafia so gefährlich? Ist es ihre Doppelbödigkeit?

Leoluca Orlando: Ein Journalist hat einmal in Deutschland ein Interview mit einem alten Mafia-Boss gemacht. Der Journalist sagte, die Mafiosi seien nicht seriös, sie wechselten die Partei. Einmal sind sie mit den Liberalen, dann mit den Sozialisten, dann wieder mit den Christdemokraten. Der Mafia-Boss hat geantwortet: "Wir sind seriös, sind immer an derselben Stelle, immer mit der Regierung. Nur die Regierung wechselt die Parteien." Die Mafia, die alte wie die neue, kooperiert mit den Mächtigen in den entscheidungstragenden Institutionen. Das ist das Kennzeichen der Mafia-Mentalität.

Die Furche: Auch mit der jetzigen italienischen Regierung?

Orlando: Alle wissen, dass Silvio Berlusconi intensive Beziehungen zu Mafia-Bossen unterhält. Dabei interessiert mich nicht, inwieweit dies ein strafrechtliches Vergehen darstellt. Es ist moralisch und politisch unkorrekt. Dasselbe war ja bei Giulio Andreotti der Fall. Das Urteil in letzter Instanz hat Andreotti zwar freigesprochen, er konnte nach 20 Jahren nicht mehr verurteilt werden. Doch im Urteil, das zu klären hatte, ob er mitschuldig war an der Ermordung von Präsident Mattarella, einem Mitglied der eigenen Partei, steht auch, dass er viele Termine mit Mafia-Bossen gehabt hatte (Piersanti Mattarella, Ministerpräsident von Sizilien, wurde 1980 ermordet; Anm.).

Die Furche: Sie vertreten die These, dass die neue Mafia aufgrund des Neoliberalismus und der Möglichkeiten der Geldwäsche heute im Geld- und Kreditsektor bestehe. Es sei eine viel größere Krake als die alte Mafia. Wie lässt sie sich fangen?

Orlando: Die Befreiung kommt von uns, aus unserer Seele und unserem Kopf. Dasselbe gilt für die Banken. Die Banken müssen erkennen, dass Illegalität auch für sie nicht von Interesse ist. Legalität ist nicht nur angemessen, sondern soll auch froh machen. Ich erinnere mich, wie mich meine Tochter Eleonora mit acht Jahren gefragt hat: "Papa, warum sind die Leute, die die Gesetze respektieren, immer traurig und die Kriminellen alle fröhlich?" Sie hatte erkannt, dass unsere Gesellschaft Legalität falsch wertet. Es müsste ja umgekehrt sein: die Gesetzestreuen sollten fröhlich und stolz darauf sein, ein besseres Leben als die Kriminellen zu führen. Nicht nur die Mafia, auch die Banken denken, man müsse gegen das Gesetz sein, um leben zu können. Das ist falsch und gefährlich, besonders heute in einer globalisierten Welt.

Die Furche: Woher nahmen Sie die Kraft und das Engagement zu ihrem Kampf gegen die Mafia?

Orlando: Ich glaube an den Wert von Identität und habe getan, was ich tun musste. Ich war vor die Wahl gestellt, entweder eine Identität zu haben, sie zu schützen - oder sie zu verlieren. In meiner Jugend sprach man nicht über die Mafia, obwohl ich wusste: das Wort existiert. Nun hätte ich sagen können: Ich bin nur zufällig in Sizilien geboren, habe aber nichts mit dieser Kultur zu tun. Ich entschied mich jedoch dafür, stolz auf meine sizilianische Identität zu sein. Dabei begriff ich, dass ich nicht länger schweigen und gegenüber der Mafia gleichgültig sein durfte, sondern gegen sie kämpfen musste. Ohne die liebevolle Unterstützung meiner Familie wäre dieser Kampf sicher nicht möglich gewesen.

Die Furche: Sie betonen häufig, wie wichtig es ist, seine Meinung öffentlich zu vertreten, das Schweigen zu brechen. Ist es also zu wenig, bloß gegen die Mafia eingestellt zu sein?

Orlando: Was mich immer beschäftigt hat, ist Treue. Ich war Mitglied der christdemokratischen Partei, habe mich aber von ihr getrennt, als sie gegen ihre christlichen, demokratischen Werte verstieß und sich selbst untreu wurde. Im Namen der Werte meiner eigenen Partei bin ich in Opposition zu ihr gegangen. Ich habe nie vorgehabt, Kommunist oder Liberaler zu werden und eine andere Identität anzunehmen. Ich war und ich werde hoffentlich auch in Zukunft christlich und demokratisch eingestellt sein. Für die Christdemokraten war es aber wichtiger, ihre Macht zu schützen und nicht ihre ursprünglichen Werte. Der Helm ist wichtiger geworden als der Kopf. Ich habe schließlich den Menschen, den Kopf und die Werte gewählt und eine neue Partei gegründet: "La Rete" - "Das Netz", auf der Basis meiner Überzeugung, dass Legalität respektiert werden muss.

Die Furche: Können Sie Ihr Verständnis von Legalität genauer erklären?

Orlando: Legalität ist für mich immer das entscheidende Prinzip gewesen. Am Anfang hieß das noch: Respekt vor Staat und Gesetz, vor dem Strafrecht. Doch ich habe immer mehr begriffen, dass Legalität bedeutet, die Menschenrechte zu respektieren.

Die Furche: Warum war es notwendig, eine eigene Partei zu gründen?

Orlando: Die Gründung von "La Rete" war eine wichtige Erfahrung. Die Bewegung war weder rechts noch links. Es waren dort Leute aller politischer Richtungen vertreten, für die der Respekt vor dem Gesetz und die Einhaltung der Menschenrechte vor jeder Ideologie rangiert haben. Uns war klar, dass "La Rete" eine Bewegung nur für eine kurze Zeit sein sollte. Nach fünf Jahren hielten wir fest: Wir hatten kritische Fragen gestellt, eine politische Diskussion in Italien ausgelöst und unser Ziel erreicht. Ein Beweis, dass man Politiker auf Zeit sein und sich dabei treu bleiben kann.

Die Furche: Eine persönliche Frage zum Schluss: Sie waren ständig mit der Gefahr des Todes - Ihrer Freunde, Ihrer Familie, Ihrem eigenen - konfrontiert. Wie geht man damit um?

Orlando: Natürlich habe ich Angst, es wäre nicht normal, keine Angst zu haben. Aber ich hoffe, in meinem zweiten Leben wird es besser als in meinem ersten.

Das Gespräch führte Bernhard Judex.

Erfolgreicher Kämpfer gegen die Mafia

Leoluca Orlando (geb. 1947) stammt aus einer wohlhabenden sizilianischen Familie. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften, unter anderem in Heidelberg, und seiner Beratertätigkeit für die OSZE und den sizilianischen Ministerpräsidenten Piersanti Mattarella, der 1980 von der Mafia ermordet wurde, kandidiert er für die Christdemokraten und wird Stadtrat von Palermo. Von 1985 bis 1990 und von 1993 bis 2000 ist Orlando Oberbürgermeister der sizilianischen Metropole und bekämpft vehement die Mafia und ihre Kontakte zu einflussreichen Politikern. 1991 verlässt er die Christdemokraten und gründet die Initiative "La Rete" ("Das Netz"), in der Politiker aller Richtungen vertreten sind. In dieser Zeit - Giovanni Falcone und Paolo Borsellino ermitteln im so genannten Maxi-Prozess gegen Mafia und korrupte Politiker - verändert Orlando die Gesellschaft Palermos: Aufträge der Stadtverwaltung werden öffentlich ausgeschrieben, das historische Teatro Massimo, eine Ruine, wird renoviert und wiederbelebt. Die Zahl der Mordattentate sinkt von 260 auf 8 pro Jahr. Derzeit engagiert sich Orlando im sizilianischen Parlament, ist Präsident der Erneuerungsbewegung "Istituto per il Rinascimento Siciliano". Internationale Auszeichnungen würdigen den Politiker, der an oberster Stelle der Mafia-Todesliste stand (vgl. sein Buch "Ich sollte der nächste sein", Herder, Freiburg i.Br. 2002).

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