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In die Haare geraten

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Herakles erkannte den Feind nicht. Er hielt die Mähne des Löwen für den eigenen Bart. Das Verhalten der Gesellschaft gegenüber der Mafia ist oft ähnlich.

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Herakles erkannte den Feind nicht. Er hielt die Mähne des Löwen für den eigenen Bart. Das Verhalten der Gesellschaft gegenüber der Mafia ist oft ähnlich.

Da veranstalten die Vereinten Nationen "die größte Tagung in der Geschichte der Kriminalität" und wählen als Veranstaltungsort Palermo, um die Erfolge gegen die Organisierte Kriminalität zu symbolisieren. Und dann ist es gerade die Mafia, die Millionen an diesem Anti-Mafia-Gipfel verdient haben soll. Den Mafia-Bossen und von ihnen kontrollierten Baufirmen sei es gelungen, vermuten italienische Staatsanwälte, sich im Vorfeld der Konferenz einen Großteil der Aufträge im Ausmaß von 80 Milliarden Lire (569 Millionen Schilling) zur Verschönerung der Stadt zu verschaffen. Sinnbildlich dafür ist, dass ausgerechnet das Justizgebäude in Palermo "vom Fundament bis zum Dach von der Mafia errichtet" worden sein soll.

Die UN-Konferenz Mitte Dezember letzten Jahres, bei der mehr als ein Dutzend Staats- und Regierungschefs, über hundert Minister und zweitausend Delegierte aus 180 Ländern weltweite Standards im Kampf gegen das organisierte Verbrechen beschlossen, liefert noch ein zweites Beispiel dafür, wie nützlich man der Mafia sein kann, wenn man ihr eigentlich schaden will. So meinte bei der Tagung Pino Arlacchi, Chef des in Wien ansässigen UN-Büros für Drogenkontrolle und Verbrechensverhütung, man habe "das Ende der Mafia so gut wie erreicht". Dagegen erklärten führende italienische Fahnder, die Bosse in Italien hätten lediglich ihre Strategien gewechselt und formierten sich neu. Werten die einen den Rückgang der Morde als Signal, dass dem Verbrechen das Handwerk gelegt sei, sehen andere darin eher ein Zeichen für reibungslos florierende Geschäfte. Der Chef der Staatsanwaltschaft in Palermo, Piero Grasso, ärgerte sich über die Jubelstimmung, die nur falsche Sicherheiten verursache und damit dem organisierten Verbrechen von Nutzen ist. "Die Mafia lebt, und sie stark. Man erkennt die Mafia nicht mehr, aber sie wächst umso mehr. Während die Waffen schweigen, bereitet die Cosa Nostra ihre Zukunft vor", relativierte Grasso die angeblichen Erfolgsmeldungen auf der UN-Konferenz in Palermo.

Den Feind streicheln Der Streit darüber, ob die Mafia nun besiegt sei oder nicht, erinnert an eine Legende von Herakles, dem mythischen Helden der Griechen, mit der der Genfer Soziologe Jean Ziegler in seinem Buch "Die Barbaren kommen. Kapitalismus und organisiertes Verbrechen" die Gefährlichkeit Organisierter Kriminalität verdeutlicht: Herakles hatte die Aufgabe übernommen, eine wilde Bestie, den "Löwen von Nemea", aufzuspüren, zu überwältigen und zu töten. Beinahe hätte sein Abenteuer ein schlimmes Ende genommen. Herakles hatte zwar den Feind gefunden, erkannte diesen aber nicht. Er hielt die Mähne des Tieres für seine eigenen Barthaare. Im letzten Moment erst wurde er der Gefahr inne und erwürgte das Ungeheuer.

Für Ziegler ist das Verhalten der demokratischen Gesellschaften gegenüber dem organisierten Verbrechen häufig von einem ähnlichen Unverstand geprägt. Die Gegenwart des Ungeheuers in ihrer Mitte scheint so vertraut, dass sie es nicht wahrnehmen. Sie schlafen weiter und streicheln dabei sacht ihren Feind. Der Verwechslung zwischen den eigenen Barthaaren und der Mähne des Feindes Vorschub bietet aber auch die von beiden Seiten geförderte Verschränkung zwischen Gesellschaft und Organisierter Kriminalität. Wie bei legalen Unternehmen spezialisieren sich kriminelle Gruppen oft auf eine Reihe verschiedener "Handelsgüter", wobei von den selben Routen, Netzwerken, Beamten und Behörden - in diesem Fall jedoch korrupten - Gebrauch gemacht wird, die auch in legalen Geschäftsbereichen üblich sind.

Eine weitere Verschränkung entsteht dadurch, dass die Mafia in einem bestimmten Land die illegalen Geschäfte durchführt, in einem zweiten Land die Gelder wäscht und in einem dritten Land diese durch legale Geschäfte wieder in Umlauf bringt. Die Geldwäsche kommt der Mafia teuer. Laut Angaben von Untersuchungskommissionen werden bis zu 30 Prozent des Gesamtbetrags - teilweise sogar mehr - an Banken, Broker, Anwälte, Fondsverwalter und andere Helfer gezahlt. Ohne die Nachsichten von Finanzinstituten und Regierungen sei es unmöglich, heißt es aus Expertenkreisen, solche enormen Summen an schmutzigen Geldern zu waschen. Gerade in diesem Bereich, beim Aufspüren und Beschlagnahmen der Mafia-Geldströme, erhofft man sich mit der neuen UN-Konvention einiges. So werden die Regierungen verpflichtet, Bestechung, Justizbehinderung, die Bildung krimineller Vereinigungen und Geldwäsche unter Strafe zu stellen und die Gewinne der Banden abzuschöpfen.

Österreich wurde von Mafia-Jägern immer wieder als "Paradies für kriminelle Vereinigungen" kritisiert. Wegen des strengen Bankgeheimnisses sei Österreich ein ideales Land, um große Summen weißzuwaschen. Die schon lange geforderte und mit dem gerade erlebten Jahreswechsel Faktum gewordene Abschaffung der anonymen Sparbücher scheint deswegen ein richtiger und längst fälliger Schritt gewesen zu sein. Der Salzburger Rechtspsychologe Walter Hauptmann warnt im Gespräch mit der furche jedoch davor, Österreich nur als "Ruheraum" für Organisierte Kriminalität zu qualifizieren. "Es gibt keine Hinweise, Österreich diesbezüglich als Insel der Seligen anzusehen." Österreich sei ebenso als "Aktionsraum" für organisiertes Verbrechen wahrzunehmen. Hauptmann beklagt, dass es hierzulande an Gefahrenbewusstsein fehle. Er vergleicht die Situation mit der BSE-Krise, die dort am besten um sich greifen konnte, wo man sich in eine Sicherheit wiegte, die nicht gegeben war.

Die Wahrnehmung zu schärfen, besonders was den Bereich der Korruption anbelangt, hat sich der vor einem Monat gegründete Österreich-Ableger von "Organisation Transparency International" (TI) zum Ziel gesetzt. Korruption und Bestechung sind bei öffentlichen Vergaben in Österreich eine Selbstverständlichkeit, sagt der Wiener Landtagsabgeordnete und TI-Initiator Wolfgang Alkier.

Internationale Statistiken zeigen, dass Österreich in diesen Bereichen keine gute Figur macht, erläutert der LIF-Mandatar. Schweigen über Korruption, fördere diese nur. Der im Zusammenhang mit Integrationsfragen populär gewordene Slogans "Reden wir darüber!" sollte also auch in diesen Fällen eine Besserung bringen und die Mafia in jeder Form verunmöglichen. Denn Mafia bedeutet übersetzt: "Es existiert nicht."

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