Paranza - © Polyfilm
Film

Italiens Kloake

1945 1960 1980 2000 2020

„Paranza – Der Clan der Kinder“ erzählt – nach einem Roman von Roberto Saviano – von neapolitanischen Straßenkindern, die sich als Mafiosi versuchen.

1945 1960 1980 2000 2020

„Paranza – Der Clan der Kinder“ erzählt – nach einem Roman von Roberto Saviano – von neapolitanischen Straßenkindern, die sich als Mafiosi versuchen.

Zunächst sieht alles wie ein Jux aus. Ein paar 15-jährige Teenager erklimmen einen geschmückten Weihnachtsbaum in einem Einkaufszentrum, sie bringen ihn zu Fall und schleifen ihn mit vereinten Kräften davon. Einen Weihnachtsbaum zu stehlen, das ist auf den Straßen von Neapel wohl eher ein Kavaliersdelikt, verglichen mit dem, was da noch kommt. Denn die Burschen, die allesamt in den eher ärmlichen Vierteln der Stadt aufwachsen, wollen mehr vom Leben als bloß eine bescheidene Existenz, wo am Ende jeder Arbeitswoche die Mafia ihre Schutzgelder abkassieren kommt. Sie wollen selber das Viertel kontrollieren, aus dem sie stammen. Sie wollen selber reich werden. Sie wollen selber die Mafia sein.

Aus der Feder von Roberto Saviano

Roberto Saviano hat über diese Jugendlichen ein Buch geschrieben. Es ist sein ers­ter Roman, nachdem er mit „Gomorrha“, einer fiktiven Reportage über die Mafia in Neapel weltbekannt wurde. Seither lebt Saviano unter strengem Polizeischutz, es liegen mehrere Morddrohungen gegen ihn vor. Er gilt als eine der gewichtigen Stimmen in Italien, die sich zu allen möglichen Themen äußert, aber um ihn herum exis­tiert strenge Geheimhaltung. Seine Feinde wähnt er überall, denn der Mafia gefiel nicht, wie realistisch er ihre Machenschaften beschrieb.

Wo man sonst übers "Dolce far niente", das süße Nichtstun, schwärmt, sind hier viele Menschen dazu verdammt.

Das ist in „La paranza dei bambini“ (auf Deutsch: „Der Clan der Kinder“) nicht anders: Hier zeigt er nun, wie aus jugendlich ungestümen Straßenkids brutale Mafiosi werden, und weshalb gerade Neapel als der ideale Nährboden dafür dient: Soziale Ränder sind in „Italiens Kloake“ nach wie vor die Mehrheit, es regieren absolute Aussichtslosigkeit und Tristesse. Wo man sonst so sehr über das „Dolce far niente“, das süße Nichtstun, schwärmt, sind hier viele Menschen dazu verdammt, aber süß ist daran nichts: Es gibt kaum Arbeit und nur mit Verbrechen ist etwas zu erreichen, das suggeriert auch die Verfilmung von Claudio Giovannesi, die sehr dicht an ihren Protagonisten dranbleibt, um hautnah das Gefühl einzufangen, das diese Jugendlichen erleben, wenn sie das erste Mal erfolgreich sind in ihrer mafiösen Erpresserei.

Plötzlich mit viel, sehr viel Geld

Das Buch beschreibt, wie man fast wie von allein in den Strudel gerät, und ohne viel Zutun plötzlich selbst auf der Straße steht, viel Geld mit Drogen macht und so auch an Macht gewinnt. „Paranza“, das bedeutet im neapolitanischen Dialekt so etwas wie „Schleppnetz“, und dieser Begriff trifft es ziemlich gut: Diese jungen Leute sind gar nicht fähig, selbstbestimmt zu leben, es ist ihr Umfeld, das sich wie ein Schleppnetz um sie herumlegt und sie mitschleift in den Abgrund des Verbrechens. „Kein 15-Jähriger, der kriminell wird, ist allein schuld daran“, sagt auch Roberto Saviano.

Die Geschichte von „Paranza – Der Clan der Kinder“ zirkelt um den Rädelsführer einer Gruppe 15-jähriger Jugendlicher: Nicola (Francesco Di Napoli) ist leidenschaftlich in dem, was er tut. Er muss mitansehen, wie seine Mutter in ihrem kleinen Laden schuftet, der Gewinn bei Geschäftsschluss aber vom lokalen Mafia-Geldeintreiber kassiert wird. Nicola will seine Mutter schützen. Die Mutterfigur thront über allem in diesem katholischen Land, und doch dient sie oft bloß als Vorwand, um sich selbst zu verwirklichen. Denn bald schon wird Nicola mit seiner Gang Mittel und Wege finden, sich die Gesetze der Straße untertan zu machen und sie selbst anderen vorzugeben: Er will die Kontrolle über sein Viertel Sanità, legt sich dafür auch mit den mächtigen, aber betagten Mafia-Bossen an; in ihm glimmt Wut, aber zugleich will er auch die Schönheiten des Lebens genießen: Junge Mädchen, die ihn im Club niemals bemerken würden, ändern ihre Meinung gleich, wenn er und seine Burschen plötzlich in Designer-Klamotten auftauchen, mit dem Geld geradezu prahlerisch umgehen und große Sprüche klopfen. Es ist ein Leben voller Machtrausch und Gier, zugleich ist man beinahe naiv-kindlich in der Umsetzung so mancher Straftat. Es ist offenbar Vorbedingung für das organisierte Verbrechen, die eigene Gefolgschaft bei den ungebildeten, naiven Jungen zu finden, die keine Fragen stellen, sondern tun, was man ihnen sagt, weil sie etwas gelten wollen.

Bald schon verkauft Nicolas Bande nicht mehr nur Drogen vor der örtlichen Universität, sondern will auch mit Waffengewalt Macht ausüben: Gestohlene Pistolen von Polizisten sind erst der Anfang, denn der außerhalb der Stadt operierende Don Vittorio nimmt die Burschen nach erstem Widerstand unter seine Fittiche und stattet sie mit ordentlichen Waffen aus. Wie man sie richtig bedient, das schlagen die Mafia-Kids bei YouTube nach, so geht Mafia heute.
Nicola und seine Bande gewinnen die Oberhand in Sanità. Jetzt kassieren sie die Schutzgelder und geben sie für Luxus-Kleidung und in teuren Clubs aus. Natürlich lassen sich andere einflussreiche Familien das nicht lange gefallen; sie finden Wege, die Gang zurechtzuweisen, es wird auch Tote geben und viel Leid.

Immer mit einem Fuß im Grab

„Paranza – Der Clan der Kinder“ zieht seine Zuschauer in einen seltsamen Bann, dem man sich gespannt ergibt. Den Film authentisch zu nennen, trifft es nicht ganz, dazu sind auch der fiktionale Erzählduktus und die emotional motivierten Figuren zu wenig „dokumentarisch“. Dennoch vermag Regisseur Giovannesi vor allem dank seiner hervorragend agierenden Schauspieler eine Art Realismus auf die Leinwand zu bringen, der dieses Italien, dieses Neapel niemals romantisiert, es aber in den Augen der Protagonisten dennoch erstrebenswert erscheinen lässt: Sobald die Burschen verinnerlicht haben, wie das Leben dort funktioniert, scheinen sie kein Halten mehr zu kennen und kos­ten alles aus, was sich ihnen bietet.

Mit der leisen Vorahnung, dass dieses Leben nicht endlos so weitergehen kann, stehen sie gedanklich wie real immer mit einem Fuß im Grab, nie wissend, wer ihnen hinter der nächsten Weggabelung auflauert und ihr Glück mit einem gezielten Schuss beendet. Aber, so zeigt der Film wie das Buch, am Ende ist es vielleicht genau dieser Kick, den die jungen Mafiosi suchen: Sie wissen, was sie tun und sie gehen stolz und sehenden Auges in den Untergang. Ein Lebensentwurf, der zu ihrem Umfeld passt, weil sie sich daraus unbedingt befreien müssen.

Paranza Plakat - © Polyfilm
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Film

Paranza – Der Clan der Kinder (La paranza dei bambini)

I 2019. Regie: Claudio Giovannesi. Mit Francesco Di Napoli, Viviana Aprea. Polyfilm. 105 Min.

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