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Der Mafia den Humus nehmen

Jeder Schritt in Richtung Frieden ist ein Schritt weg von Kriminalität. Die Mafia ist sensibel. Wer Menschen den Weg zu persönlicher Freiheit und Selbstbestimmung weist, kann zum Symbol für den Glauben an die eigene Identität werden. Identität ist zum beachtenswerten Faktor im Kampf gegen Organisierte Kriminalität geworden. Padre Pino Puglisi, Priester in Palermo, wurde 1993 von der Mafia ermordet, weil sein Glaube an Frieden, soziale Gerechtigkeit und den persönlichen Wert jedes Menschen den Nährboden dehydrierte, von dem die Mafia lebt: Subjektlose Körper. Menschen, die sich als "Niemand vermischt mit dem Nichts" fühlen.

Padre Paolo Turturro empfängt uns an einem Sonntag, kurz vor der Abendmesse. "Warum kommt ihr, es gibt keine Hoffnung mehr für Palermo." Er lehnt an einer Säule seiner schlichten Kirche. Er wirkt verlassen und hilfsbedürftig. "Heute ist das Evangelium von Bartimäus, dem Blinden. Wollt ihr wirklich sehen?" Er provoziert. "Woher kommt ihr? Österreich? Schweiz? Was ist schlimmer? Wenn die Palermitaner schweigen, dass hier schmutziges Geld verdient wird, oder wenn ihr schweigt, wenn eure Banken dieses Geld vermehren?" In den heutigen Palästen sollen wir filmen. Die Banken, Konzerne, die Wirtschaft, die Diktatur des Gewinns ersticke alles. Die heutige Wirtschaft bediene den Reichen und - weil sie muss - die gehobene Mittelschicht, meint Turturro. Aber solange es Arme gibt - subjektlose Körper ohne Hoffnung - wird es die Mafia geben, die den Hilfesuchenden Identität, einen Werdegang und ein Einkommen bietet.

Padre Turturro ist Bruder der Ordensgemeinschaft "Don Orione", der "Straßenpriester". In Palermo arbeiten drei "Brüder". Warum er in Palermo ist? "Ich habe in Togo/Afrika die Malaria überlebt. Da wusste der Orden: Ich bin bereit." In Palermo gründete er eine Bewegung: "Male den Frieden". Sein Hauptaugenmerk sind die Straßenkinder. Ihnen eine Ausbildung ermöglichen, sie weg von der Straße zu bekommen, an sie zu glauben bedeutet der Mafia den Humus zu nehmen.

Gibt es Alternativen?

Die Arbeitslosigkeit in seinem Viertel ist immer noch bei siebzig Prozent. Dreißig Prozent im sonstigen Palermo. Die Kinder beenden die Schulen nicht, verlieren Mut und Selbstvertrauen. Nicht nur Turturro hat erkannt, dass die Kinder der Schlüssel zu einer besseren Gesellschaft und Frieden sind. Es gibt private Organisationen, die sich um die Straßenkinder kümmern aber erst seit ein paar Jahren gibt es eine Ausbildung zum staatlichen Sozialhelfer. Leider sind diese nur zu bestimmten Zeiten erreichbar. Was macht also eine Mutter mitten in der Nacht mit einem Kind, das gerade vom Vater geprügelt wurde, weil es am Tag zu wenig verdient hat? Man ist von den Öffnungszeiten abhängig.

Padre Turturro ist immer da. Seine Arbeit ist seine Liebe. "Der Mensch soll auf zwei Schienen gehen. Im Himmel, der dem Menschen innewohnt, und auf Erden. Die zwei Schienen heißen im Moment: Kultur und Wirtschaft. Die Kultur ist das Tor zur Seele. Wenn aber, so wie es heute der Fall ist, die Schiene der Wirtschaft die der Kultur zudeckt, geht der Mensch zu Grunde. Dann gibt es Krieg, Egoismus, Blindheit. Viele, die heute etwas zu sagen haben, können dir nicht mehr in die Augen sehen - sie sind blind. Auch der Manager einer Supermarktkette. Er sieht nicht, dass die Frau des Arbeitslosen schon drei Wochen aufschreiben lässt. Die Verbindung fehlt." In Zeiten der Wissensgesellschaft macht sich Unwissen breit. Daraus folgt Kälte.

Turturros Platz ist in Palermo. Die Gemeinde sammelt das Jahr über Geld für Stipendien, die ausgewählten Kindern und Jugendlichen übergeben werden, damit sie eine bessere Schule besuchen können. Gute Schulen sind teuer in Palermo. Ein Abschluss der erste Schritt in ein freies Leben. Das Geld kommt auch vom Stadtrat. "Unser Stadtrat ist eine Ausnahme. Er ist nicht korrupt." Der Padre ist für seinen Zynismus bekannt. "Aber auch die Kinder sind mutig." In Palermo sind Kinder aus Armenvierteln mutig, wenn sie Stipendien annehmen. Sie sind Vorreiter. Lebendige Beispiele gegen alte Traditionen und Apathie. Die Gemeinde, der Stadtrat, die anderen Jugendlichen werden die Kinder beobachten: Hat es einen Sinn zu kämpfen? Gibt es eine echte Alternative zum lukrativeren Weg in die Kriminalität? Handlanger für 100.000 Lire. Wenn du gut bist, steigst du auf und bekommst das Doppelte. Und wenn die Dons auf dich aufmerksam werden beobachten sie dich über Jahre, und wenn sie dich für aggressiv, wendig, geschickt genug befinden, bekommst du eine erste echte Chance: Mitglied der Cosa Nostra zu werden. Mafia-Überläufer berichten, an dem Tag, an dem sie endlich Mitglied der Ehrwürdigen Gesellschaft wurden, hätten sie 24 Stunden lang getanzt und wären jubelnd mit dem Auto durch ganz Palermo gefahren.

Fünfzig Prozent des Umsatzes der Mafia kommen immer noch von Prostitution, Erpressung, Drogen und Handel mit Kindern. Hinzu kommt die Wirtschaftskriminalität. Der größte Gewinn kommt aber von der Börse. Die Mafia legt ihre Gewinne aus dreißig Jahren ungestörten Handels an den internationalen Finanzmärkten an. Sie gründet Fondsfirmen. Das Geschäft läuft. Ihre kriminellen Wege sind schwer nachzuvollziehen. Der dieser Tage zurückgetretene erfolgreiche Bürgermeister Palermos, Leoluca Orlando, drückt es so aus: "Die Mafia fliegt mit dem Flugzeug, wir folgen ihr zu Fuß." Die internationale Zusammenarbeit ist durch Gesetze gebunden und langsam. Anträge ins Ausland brauchen oft Monate bis sie beantwortet werden. Wenn dennoch jemand zur ernsthaften Gefahr wird, wird er diskreditiert. Über die Medien. Die Mafia kratzt an der Glaubwürdigkeit. Erstes Mittel und erste Drohung.

Padre Turturro lächelt. Auch ihm ist gedroht worden. "Die Stimme am Telefon hatte keinen Dialekt. Es kam von ganz oben." Er lächelt, weil er keine Angst mehr hat. "Sie haben Padre Pino Puglisi umgebracht. Von hinten schießen sie dir in den Rücken, weil sie nicht den Mut haben dir in die Augen zu schauen. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Auch Pino Puglisi hatte sie nicht: Padre Puglisi hat seinem Mörder in die Augen gesehen."

Der Mörder, Salvatore Grigoli, 46-facher Auftragskiller, wurde später gefasst und hat sich im Gefängnis bekehrt. Er fühlte sich durch die Augen des Priesters als Selbst wahrgenommen. Er identifizierte sich als Mörder. Er erkannte sich - die Voraussetzung sich zu verändern. "Das Licht auf dem Gesicht dieses Priesters werde ich nie vergessen. Ich habe schon viele Morde begangen, aber noch nie habe ich so ein Lächeln erfahren."

Padre Turturro will, dass ich es verstehe. "Du verstehst es", lacht er. "Die Frauen haben viel zu sagen. Auch in der Mafia. Als sie Toto Riina, den großen Capo gefasst haben, übernahm seine Frau das Territorium. Sie hatte früher Literatur studiert. Jetzt führt sie den Clan an. Frauen waschen auch das Geld, verteilen es auf verschiedenen Konten von weitschichtigen Verwandten, die nicht in Verdacht stehen und nicht überwacht werden. Die Frauen stehen stark hinter ihren Männern." Das ist eine Gefahr und eine Chance. Die Anti-Mafia-Frauen. "Es gibt sie! Es ist wichtig, Nein zu sagen." Padre Turturro lächelt. "Das wirksamste Mittel gegen die Mafia ist das Lächeln. Wenn du die Mafia ernst nimmst, suhlt sie sich in ihrer Wichtigkeit. Lache über sie und du bist in ernster Gefahr. Nenne Namen, bringe Licht in die Sache und du bist tot."

Giovanni Falcone, Richter und legendäre Hauptfigur der Anti-Mafia, und Padre Puglisi taten es. Sie starben. Aber sie wurden zu Samen. Am 23. Mai, 1992, als Giovanni Falcone ermordet wurde, erwachte Palermo. Leintücher hingen aus den Fenstern, die Leute gingen auf die Straße, Anti-Mafia-Lieder wurden geschrieben. Die Omerta, das Gesetz des Schweigens und die alte, stark verwurzelte Tradition Siziliens: "Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten!", waren gebrochen. Der Flughafen Palermos, das Tor in die Welt, wurde nach dem Richter Falcone und seinen Kollegen Paolo Borsellino benannt. "Aber solange die Insel die Morde an ihren wichtigsten Kämpfern braucht, um aufzuwachen, wird es noch viele Morde geben müssen."

Padre Turturro investiert in das Bewusstsein der Kinder. Er verbrennt Kriegsspielzeug. An jedem 31. Oktober des Jahres bringen Kinder Waffen zur Kirche, alle sehen in die Flammen, die Kinder erhalten kleine Geschenke, Fußbälle. Ein Fest des Friedens. Dieses Jahr kommt das italienische Fernsehen und überträgt live. "Das ist gut." Solange man nichts von der Mafia hört, existiert sie nicht. Die Mafia lebt von diesem Mechanismus. Wenn es ihr gut geht, glauben alle, sie ist verschwunden, sie kann expandieren. Wenn es öffentliche Morde gibt, ist das ein Zeichen für Angst und Unsicherheit innerhalb der Organisation. Im Moment ist es still in Palermo. Der Prozess gegen den ehemaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti ist in vollem Gang.

"Schreibt über die Wirtschaft. Und über die Politik, die kooperiert." Der Padre schickt uns in die Welt hinaus! Er verweist lächelnd auf das Evangelium vom blinden Bartimäus: Bartimäus schreit. Und als sie ihn zum Schweigen bringen wollen, schreit er noch viel lauter. "Wenn ihr sehen wollt, schreit! Aber wenn ihr seht: schreit hinaus, was ihr seht!"

In Palermo ist die Exegese anders.

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