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Mafia ohne Grenzen

Staatsgrenzen sind nur mehr Hindernisse für die Polizei, das organisierte Verbrechen kennt keine Grenzen.

Der Europäischen Union geht es mit der Organisierten Kriminalität so wie weiland Herakles mit dem "Löwen von Nemea": Beide streicheln eine wilde Bestie. Der Genfer Soziologe Jean Ziegler hat auf diese Analogie hingewiesen: Herakles hatte die Aufgabe übernommen, besagten fürchterlichen Löwen, aufzuspüren, zu überwältigen und zu töten. Beinahe hätte sein Abenteuer ein schlimmes Ende genommen. Herakles konnte zwar den Feind finden, erkannte diesen aber nicht. Er hielt die Mähne des Tieres für seine eigenen Barthaare. Im letzten Moment erst wurde er der Gefahr inne und erwürgte das Ungeheuer.

Für Ziegler ist das Verhalten der demokratischen Gesellschaften gegenüber dem organisierten Verbrechen häufig von einem ähnlichen Unverstand geprägt. Die Gegenwart des Ungeheuers in ihrer Mitte scheint so vertraut, dass sie es nicht wahrnehmen. Der Verwechslung zwischen den eigenen Barthaaren und der Mähne des Feindes Vorschub leistet aber auch die von beiden Seiten geförderte Verschränkung zwischen Gesellschaft und Organisierter Kriminalität. Wie bei legalen Unternehmen spezialisieren sich kriminelle Gruppen oft auf eine Reihe verschiedener "Handelsgüter", wobei von denselben Routen, Netzwerken, Beamten und Behörden - in diesem Fall jedoch korrupten - Gebrauch gemacht wird, die auch in legalen Geschäftsbereichen üblich sind.

46 Prozent Mafia-Opfer

Europol schätzt, dass innerhalb der EU aktuell rund 4.000 Gruppen und 40.000 Menschen in der Organisierten Kriminalität tätig sind. Thomas Havranek präsentierte beim Forum Alpbach noch weitere Daten: Zum Beispiel, dass schon 46 Prozent aller österreichischen Unternehmen direkt oder indirekt Opfer Organisierter Kriminalität geworden sein sollen. Die Palette der Verbrechen beginnt bei passiver, oft auch unbewusster Komplizenschaft durch Missbrauch und Ausnutzung von Firmenstrukturen: Das passiert vorwiegend bei Menschen-, Waffen-, Drogenschmuggel. Dazu kommt aktive Komplizenschaft mit der Organisierten Kriminalität: Industriespionage, Korruption, Produktfälschungen... Havranek ist Geschäftsführer der österreichischen Niederlassung von MIG Consulting, einem Unternehmen, das Betrieben bei der internen Bekämpfung von Organisierter Kriminalität zur Seite steht, Know How und Unterstützung für Betriebsgründungen im Ausland anbietet.

"Jeder hat seinen Preis"

Laut Havranek und MIG sind in 80 Prozent der Vergehen die eigenen Angestellten involviert. "Die Organisierte Kriminalität sucht sich immer das schwächste Glied in einem Unternehmen", sagt Havranek - und sie wird fündig: Neid, mangelnde Anerkennung, Geldmangel, Drogensucht, nennt Havranek jene Faktoren die von kriminellen Strukturen ausgenützt werden - und wenn alles nichts hilft, "dann gibt es immer noch die Erpressung".

"Jeder hat seinen Preis", assistiert der britische Sicherheitsexperte Nigel Churton seinem österreichischen Kollegen, "und das organisierte Verbrechen ist bereit und in der Lage, einen sehr hohen Preis zu zahlen". Für Churton sind die Produktion und der Handel mit Drogen der größte und lukrativste Geschäftsbereich der Organisierten Kriminalität. Daneben gehören aber auch Finanzverbrechen, Waffen- und Menschenhandel sowie Produktfälschungen zu den Betätigungsfeldern Organisierter Kriminalität.

Internet-Banking und e-Commerce gehören mittlerweile zu den am stärksten wachsenden Wirtschaftsbereichen - und kommen damit automatisch immer mehr in das Blickfeld Organisierter Kriminalität. Denn genau wie legale Unternehmen Marktlücken suchen und zu füllen versuchen, entstehen auch neue kriminelle Betätigungsfelder dort, wo Gewinne zu erzielen sind. "Identitätsdiebstahl" heißt deswegen die neue Gefahr - der Missbrauch persönlicher Daten zur Ausübung krimineller Handlungen.

Internet-Kriminalität boomt

Und wie kann Organisierte Kriminalität wirkungsvoll bekämpft werden? "Die EU muss danach trachten, ihre Gesetze sobald wie möglich effektiv zu harmonisieren", fordert der Brite. Vor allem im Bankenbereich gewähre die aktuelle Gesetzeslage noch Schlupflöcher für Geldwäscheaktivitäten. Und gerade die Internet-Kriminalität sei durch die örtliche Ungebundenheit ein "low risk"-Unternehmen und somit ein gefährlicher Wachstumsmarkt.

Einen bedeutenden Zuwachs des organisierten Verbrechens nach der am 1. Mai vollzogenen EU-Erweiterung kann Churton nicht erkennen. Warum? Churton: "Die großen transnationalen kriminellen Gruppen waren schon lange vor dem 1. Mai in der EU etabliert." Churton weist aber auch auf den Heimvorteil nationaler Mafia-Gruppen hin: Ihre Mitglieder kennen die lokalen politischen und wirtschaftlichen Strukturen und können diese am besten zu ihrem eigenen Vorteil nutzen. Gleichzeitig sieht Churton aber Anzeichen dafür, dass die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen kriminellen Verbindungen zunimmt - "Arbeitsteilung wird auch in diesem Bereich zum bestimmenden Leitmotiv".

EU bringt mehr Sicherheit

Für Thomas Havranek bedeutet der 1. Mai dieses Jahres trotzdem eine bedeutende Zäsur: "Eine EU-Mitgliedschaft sorgt relativ gesehen für größere Sicherheit und bessere Durchschlagskraft in der Bekämpfung der Organisierten Kriminalität." Davon ist auch Alexandru Jonas vom SECI Center in Bukarest überzeugt (siehe Interview auf dieser Seite). SECI ist ein Zusammenschluss von zwölf ost- und südosteuropäischer Staaten zur Bekämpfung von Organisierter Kriminalität. Ohne transnationale Zusammenarbeit ist Verbrechensbekämpfung heute nicht mehr möglich, sagt Jonas: "Denn Grenzen sind nur mehr Hindernisse für die Polizei - das organisierte Verbrechen kennt keine Grenzen."

Informationen:

www.secicenter.org

www.merchantinternational.com

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