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Klingender Aufruf zur Mehrsprachigkeit

Der 36-jährige Künstler und Manager André Comploi leitet seit acht Jahren das Pressebüro der Wiener Staatsoper und seit fünfzehn Jahren den von ihm gegründeten Chor "cantus iuvenis". Er schreibt Bücher zu ladinischen Themen, wurde für seine Gedichte vom ladinischen Künstlerverband EPL ausgezeichnet und stellt nun sein erstes, überaus originelles Kinderbuch vor. Comploi ist Südtiroler, vor allem aber Ladiner, und für die hat die Muttersprache eine besondere Bedeutung. "Bis zu meinem sechsten Lebensjahr habe ich überhaupt nur Ladinisch gesprochen. Wenn die Eltern vor uns Kindern Dinge sagten, die wir nicht verstehen sollten, sprachen sie Deutsch. Von der romanischen Sprache, Italienisch, hätte ich ja den einen oder anderen Wortbrocken verstehen können", erklärt er im Gespräch. Geboren und aufgewachsen ist Comploi in St. Vigil in Enneberg, einem sonnigen Ort inmitten der schönen Dolomiten, der seine Identität trotz regen Fremdenverkehrs nicht eingebüßt hat.

Aktueller Boom des Ladinischen

"Ladinisch war in der Schule vor allem Verständigungssprache und es gab sehr wenig eigene Ladinisch-Stunden." Das Ladinische umfasst im südöstlichen Südtirol das Gader-und Grödnertal, im Trentino das Fassatal und in der Provinz Belluno Buchenstein und Ampezzo. Als Kaiser Tiberius im Jahre 15 vor Christus Graubünden und Tirol eroberte, lebte dort der Volksstamm der Illyrer, den die Römer Räter nannten. Die rätoromanische Sprache entwickelte sich aus dem Vulgärlatein der römischen Soldaten und Händler. Das protoladinische Gebiet, das sich vom Bodensee bis zur Adria zog, wurde im Zuge der Völkerwanderung kleiner. Heute ist der rätoromanische Sprachraum in drei getrennte Gebiete aufgeteilt: Engadin, Dolomiten und Friaul. "In der Zeit des italienischen Faschismus wurde das Ladinische als Dialekt abgewertet und die eigenständige Kultur nicht akzeptiert. Heute ist es eine der drei Landessprachen Südtirols. Ein symbolisches Zentrum der ladinischen Kultur befindet sich genau in der Mitte des Gadertales in St. Martin in Thurn. Neben dem Ladinischen Kulturinstitut 'Micurá de Rü' im Dorfzentrum wurde in dem schönen Schloss Thurn ein modernes, informatives und sehenswertes Museum der Geschichte der Dolomitenladiner, dieser ältesten Sprachgruppe Südtirols, errichtet. Etwa vier Prozent der Südtiroler Bevölkerung gehören dieser Volksgruppe an. Insgesamt rund 30.000 sprechen im gesamten auf drei Provinzen aufgeteilten Gebiet Dolomitenladinisch in von Tal zu Tal unterschiedlichen Varianten, die sich im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet haben."

Das Ladinische boomt. Eigene Fernseh- und Radioprogramme wurden geschaffen, ebenso Kulturvereine, Zeitschriften und an der Universität in Brixen eine eigene Lehrkanzel für Ladinistik. "In der Politik gibt es nach den Wahlen im Oktober zwei Ladinervertreter im Südtiroler Landtag, einer davon wird Landesrat. Nicht zeitgemäß ist die gesetzliche Verordnung, dass kein Ladiner Landeshauptmann werden darf. Aber immerhin muss inzwischen der ladinische Landesrat eine von zwei Landeshauptmann-Stellvertreter-Funktionen erhalten. Ortsbezeichnungen und offizielle Dokumente müssen in Ladinien gesetzlich dreisprachig sein, was allerdings nicht immer eingehalten wird." Brauchtum und Tracht unterscheiden sich von Tal zu Tal und von Dorf zu Dorf.

Ladinische Kulinarik und Kultur

Die ladinische Küche ist auf so mancher Speisekarte präsent. "Berühmt sind die 'Cancí' oder 'Casunziei', eine Art 'Schlutzkrapfen', die mit Spinat und Topfen oder mit Kartoffeln gefüllt und gekocht werden. Die 'Tutres' sind gefüllte Teigblätter, die in Öl herausgebacken werden. Typische Gerichte sind die 'Bales', Knödel, oder 'Gnoch', Nocken, mit Spinat, Graukäse oder 'Zigher', einem sehr geruchsintensiven, würzigen Käse."

Vor allem in der Musik lebt das Ladinische fort. Schon während der Schulzeit in Brixen absolvierte André Comploi einen Lehrgang für Chorleitung und sammelte bereits erste praktische Erfahrungen mit Schulchören. In Wien studierte er an der Universität Musikund Theaterwissenschaft sowie am Diözesankonservatorium Kirchenmusik. 2003 gründete er den Chor "cantus iuvenis", der sich zu einer Erfolgsgeschichte entwickelte. "Unser Chor besteht aus etwa fünfzig jungen, singfreudigen Studierenden und JungakademikerInnen, die zum Großteil aus Österreich, Südtirol und Deutschland kommen. Es sind aber immer wieder auch Schweizer, Ungarn, Belgier, Schweden, Australier oder Kanadier dabei. Einmal haben wir die Anzahl der vertretenen Muttersprachen gezählt und wir kamen auf ganze zwölf! Unser Repertoire umfasst Chormusik aus fünf Jahrhunderten, Volkslieder, Werke aus der Romantik, große Chormusik des 20. Jahrhunderts, Spirituals und seit der Gründung als fixer Schwerpunkt ladinische Werke. Jedes Jahr werden ein bis zwei ladinische Kompositionsaufträge vergeben." Besonders stimmungsvoll sind die Konzerte in Wiener Kirchen und vor allem die Reisen des Chores, die das Ensemble zusammenschweißen. "Musik verbindet, befreit und ist ein Lebenselixier." André Comploi ist ein Energiebündel, ein Präzisionsfanatiker, der den Chor mit großer Leidenschaft formt. Unvergesslich bleiben Auftritte in den Kirchen und Straßen von Brixen, vor allem aber auf den alten Pilgerwegen hoch über Klausen mit dem Ausblick auf die Dolomiten. Sowohl die heiteren als auch die ernsten und melancholischen Lieder lassen uns "Himmel und Erde" - so auch der Titel einer CD -gleichermaßen spüren und sind eine Kraftquelle, die in unserem Inneren lange nachwirkt. Wer die von Auguste Lechner so fantasievoll nacherzählten Sagen der Dolomiten kennt, weiß, was hier zum Klingen gebracht wird. Die bleichen Berge sind das Reich der Fanes, einem Volk mit starken, friedliebenden Frauen, die gegen die aufkommende aggressive und goldgierige Männerwelt ums Überleben kämpfen müssen.

Märchen, Mythen und Volkslieder

Es sind Mythen, die an Wagners "Ring des Nibelungen" und Tolkiens "Der Herr der Ringe" erinnern, vor allem aber an das Matriarchat, das in so manchem Tal der Dolomiten lange nachgewirkt hat. Neben Sagen und Märchen sind es die Volkslieder, bei denen man den alpenländischen Ton der Ladiner heraushört. André Comploi, der mit seiner Frau Barbara zwei Söhne mit den ladinischen Namen Jan Matî und Elía Davide hat, stellt in seinem ersten Kinderbuch "Jun a cianté!" 25 Kinderlieder in den Sprachen Ladinisch, Deutsch, Italienisch und Englisch vor.

"Das singende Buch ist ein Plädoyer für das Singen mit Kindern und für Mehrsprachigkeit." Es ist ein gedrucktes Liederbuch mit fantasievollen Illustrationen von Matteo Rubatscher. Die Lieder können anhand eines QR-Codes unterhalb der Liedtexte und einer kostenlosen App in vier verschiedenen Sprachen abgespielt werden. André Comploi geht es darum, Grenzen zu überschreiten, das Interesse für andere Sprachen und Kulturen zu wecken und zu fördern, und gleichzeitig den Wert dessen, was man Heimat nennt und das einen geprägt hat, anzuerkennen. Je länger er von der Heimat weg ist, desto tiefer fühlt er sie. "Das, was zeitlich und örtlich weiter weg ist von einem, lernt man umso mehr zu schätzen und zu lieben."

TIPS: Adventkonzert cantus iuvenis Annakirche Wien, 12. Dez., 19.30 Uhr

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