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Putins Schwäche als Problem

Wenn Putin, als er sich die Krim unter den Nagel riss, nicht aus Schwäche, sondern im Bewusstsein von Stärke gehandelt hätte, wäre er jetzt ein Held der Welt, die ihm sein Traumziel auf dem Silbertablett serviert hätte. Er hätte mit der Ukraine, der UNO, EU und den USA verhandeln, auf die jahrhundertelange Zugehörigkeit der Halbinsel zum Russenreich verweisen und die territoriale Integrität der übrigen Ukraine garantieren müssen. Dafür hätte ihm der Westen eine NATO-freie Ukraine und eine völkerrechtskonforme Volksabstimmung auf der Krim zugesichert.

Hätte. Wäre. Aber Putin agiert als Schwächling, fühlt sich in seiner Macht bedroht, reagiert als Usurpator und hat eine Entschärfung der Krise arg verkompliziert. Aber es wird eine geben - entlang einer auch von Österreich vorgezeichneten Linie, die der Ukraine eine Entweder-oder-Entscheidung zwischen West und Ost erspart, also Bündnisfreiheit (nicht Neutralität, die ergibt ja vor allem im Kriegsfall Sinn).

Niemand will wegen der Krim oder weiterer Grenzkonflikte einen Krieg. Nach den schrecklichen Erfahrungen der letzten hundert Jahre hört Krieg auf, Politik mit anderen Mitteln zu sein. Das macht den ungeheuren Unterschied zur Stimmung um 1914 aus, als sich Herrscher und Beherrschte dem Kriegstaumel ergaben. Wenn das kein Fortschritt ist?!

Die Ansicht, die Europäische Union als Friedensprojekt sei überholt, ist naive Selbsttäuschung. Auch in Europa hat es jüngst noch Kriege gegeben - aber nie zwischen EU-Mitgliedern. EU-Völker sind nicht moralisch höherwertig als andere. Aber sie sind klüger, weil sie Kriege durch Verschränkung ihrer Wirtschaften unmöglich gemacht haben. Auch Wirtschaft ist als Friedenskonzept der Wirtschaft als Kriegswaffe überlegen.

Der Autor ist freier Publizist und war von 1978 bis 1984 Chefredakteur der FURCHE

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