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Feuilleton

Signale heiler Welt

1945 1960 1980 2000 2020

Ein neuer Lesesommer steht bevor. Wir besprechen Romane, Reiseliteratur, Krimis, Abenteuerliches und Bildbände. Der Sommer ist ferner einegute Zeit zum Wiederlesen so manchen Buches, das manhalb vergessen hat. Auch die Geschichte der Philosophie ist voller Krimis: Hat Wittgenstein Popper wirklich mit dem Schürhaken gedroht?

1945 1960 1980 2000 2020

Ein neuer Lesesommer steht bevor. Wir besprechen Romane, Reiseliteratur, Krimis, Abenteuerliches und Bildbände. Der Sommer ist ferner einegute Zeit zum Wiederlesen so manchen Buches, das manhalb vergessen hat. Auch die Geschichte der Philosophie ist voller Krimis: Hat Wittgenstein Popper wirklich mit dem Schürhaken gedroht?

Was verbindet den Tiroler Maler Alfons Walde mit dem weltberühmten Amerikaner Edward Hopper? Der Vergleich mag befremden. Herkunft und prägende Einflüsse könnten unterschiedlicher kaum sein. Trotzdem ist da eine große Gemeinsamkeit: Beide gelangen nach einer Phase des Suchens zu einer optischen Formel. Sie reduzieren das Individuelle auf ein einprägsames Symbol. Sie malen Menschen, deren augenfälligstes Kennzeichen die Austauschbarkeit ist.

Das Werk von Alfons Walde hat gewaltig an Wertschätzung und materiellem Wert zugelegt. Es kann bis 1. Juli im Minoritenkloster von Tulln und von 14. Juli bis 23. September im Kitzbüheler Museum besichtigt werden. Gut beraten ist, wer sich vor dem Ausstellungsbesuch das umfangreiche Katalogbuch zulegt. Es hat den Rang des längst fälligen Standardwerks über diesen Maler.

Die Tiroler Bäuerinnen und Bauern, die Schifahrer, die Walde malt, sind austauschbar: Sie sind die Tiroler Bäuerin, der Bauer, der Schifahrer an sich. Hoppers Paar im Restaurant, sein Mann an der Zapfsäule, seine aus Fenstern blickenden Frauen sind der Mensch an sich in der immer anonymer werdenden Industriegesellschaft. Hoppers Menschen scheinen Gesichter zu haben, doch diese Gesichter verraten nichts über das Individuum. Mit anderen malerischen Mitteln finden wir bei Walde genau dasselbe: Typen, die ihre Stärke, ihre unmittelbare Wirkung dem Umstand verdanken, auf keine individuellen Merkmale festlegbar zu sein. Der Typisierung des Menschen, aber auch seiner Umgebung, verdankten beide Künstler ihren Erfolg. Dabei waren beide Maler der Moderne, der von Egon Schiele mindestens ebenso stark wie von Albin Egger-Lienz beeinflusste Walde nicht weniger als der lang in Paris lebende Hopper.

Ihre Palette, die Behandlung der Farbe als Ausdrucksmittel und Bedeutungsträger, könnte freilich unterschiedlicher nicht sein. Womit wir bei den Unterschieden wären. Der Wichtigste: Edward Hopper malte typische Situationen einer unheilen, der neun Jahre später, 1891, geborene Alfons Walde malte Symbole einer heilen Welt. Doch beide sperren den Strudel der Veränderungen, der draußen tobt, aus ihren Bildern aus. Hoppers Ambiente ist stets ein Ruhepunkt. Oft freilich einer, wo die Einsamkeit auf die Spitze getrieben wird. Die nächtliche Bar, das nächtliche Büro, Abend vor dem Haus, Haus in der Landschaft, das sind so seine Schauplätze.

Walde, und nur noch von Walde soll nun die Rede sein, lebte in Widersprüchen. In seinem öffentlichen Werk geht er den Weg der Reduktion nicht im Sinne der Abstrakten, sondern der Typisierung des alpinen ländlichen Lebens. Um seine Gestalten bauschen sich die traditionellen Gewänder, seine Dorfkirchen versinken im Schnee, den nur wenige so virtuos malten, seine Plakate für den Wintersport wurden zu Inkunabeln der österreichischen Moderne. Daneben entsteht aber ein ansehnliches Îuvre Waldescher Aktmalerei, mit dem er, vielleicht den Widerspruch mehr fürchtend als das im Tirol der Zwischenkriegszeit zweifellos vorhandene thematische Tabu, nicht in die Öffentlichkeit geht. (In der jetzigen Ausstellung ist es zu sehen.)

Derselbe Walde, der der Sehnsucht nach heiler Welt und geschönter Vergangenheit malerisch so großartiges Futter gibt, ist aber ein mondäner, gesellschaftlich gewandter Mann, und nicht nur dies. Er betätigt sich auch als erstaunlich moderner Architekt und bescheinigt als Sachverständiger für den Kitzbüheler Heimatschutz dem radikalsten modernen Tiroler Architekten des zwanzigsten Jahrhunderts, Lois Welzenbacher, dessen Haus Plahl bedeute "keinen Fremdkörper in der Tirolerischen Landschaft".

Der große Nostalgiker Alfons Walde war eben wirklich alles andere als ein Heimatkünstler, seine Ausstrahlkung reichte in den dreißiger Jahren bis in die USA und er wurde auch fleißig gefälscht. Die bisher größte Ausstellung mit über 160 Gemälden, Aquarellen und Pastellen ist ein erstrangiges Kunstereignis. Das Katalogbuch beantwortet viele biographische Fragen über den nicht nur dem konservativen Tirol, sondern mehr noch dem NS-Regime suspekten Künstler, der seinen explosiven Erfolg nicht mehr erlebte.

Alfons Walde 1891-1958 Von Gert Ammann mit Beiträgen von Wido Sieberer und Günther Moschig, Tyrolia Verlag, Innsbruck 2001, 312 Seiten, viele Farbtafeln undAbbildungen, öS 348,-/e 25,29

Was verbindet den Tiroler Maler Alfons Walde mit dem weltberühmten Amerikaner Edward Hopper? Der Vergleich mag befremden. Herkunft und prägende Einflüsse könnten unterschiedlicher kaum sein. Trotzdem ist da eine große Gemeinsamkeit: Beide gelangen nach einer Phase des Suchens zu einer optischen Formel. Sie reduzieren das Individuelle auf ein einprägsames Symbol. Sie malen Menschen, deren augenfälligstes Kennzeichen die Austauschbarkeit ist.

Das Werk von Alfons Walde hat gewaltig an Wertschätzung und materiellem Wert zugelegt. Es kann bis 1. Juli im Minoritenkloster von Tulln und von 14. Juli bis 23. September im Kitzbüheler Museum besichtigt werden. Gut beraten ist, wer sich vor dem Ausstellungsbesuch das umfangreiche Katalogbuch zulegt. Es hat den Rang des längst fälligen Standardwerks über diesen Maler.

Die Tiroler Bäuerinnen und Bauern, die Schifahrer, die Walde malt, sind austauschbar: Sie sind die Tiroler Bäuerin, der Bauer, der Schifahrer an sich. Hoppers Paar im Restaurant, sein Mann an der Zapfsäule, seine aus Fenstern blickenden Frauen sind der Mensch an sich in der immer anonymer werdenden Industriegesellschaft. Hoppers Menschen scheinen Gesichter zu haben, doch diese Gesichter verraten nichts über das Individuum. Mit anderen malerischen Mitteln finden wir bei Walde genau dasselbe: Typen, die ihre Stärke, ihre unmittelbare Wirkung dem Umstand verdanken, auf keine individuellen Merkmale festlegbar zu sein. Der Typisierung des Menschen, aber auch seiner Umgebung, verdankten beide Künstler ihren Erfolg. Dabei waren beide Maler der Moderne, der von Egon Schiele mindestens ebenso stark wie von Albin Egger-Lienz beeinflusste Walde nicht weniger als der lang in Paris lebende Hopper.

Ihre Palette, die Behandlung der Farbe als Ausdrucksmittel und Bedeutungsträger, könnte freilich unterschiedlicher nicht sein. Womit wir bei den Unterschieden wären. Der Wichtigste: Edward Hopper malte typische Situationen einer unheilen, der neun Jahre später, 1891, geborene Alfons Walde malte Symbole einer heilen Welt. Doch beide sperren den Strudel der Veränderungen, der draußen tobt, aus ihren Bildern aus. Hoppers Ambiente ist stets ein Ruhepunkt. Oft freilich einer, wo die Einsamkeit auf die Spitze getrieben wird. Die nächtliche Bar, das nächtliche Büro, Abend vor dem Haus, Haus in der Landschaft, das sind so seine Schauplätze.

Walde, und nur noch von Walde soll nun die Rede sein, lebte in Widersprüchen. In seinem öffentlichen Werk geht er den Weg der Reduktion nicht im Sinne der Abstrakten, sondern der Typisierung des alpinen ländlichen Lebens. Um seine Gestalten bauschen sich die traditionellen Gewänder, seine Dorfkirchen versinken im Schnee, den nur wenige so virtuos malten, seine Plakate für den Wintersport wurden zu Inkunabeln der österreichischen Moderne. Daneben entsteht aber ein ansehnliches Îuvre Waldescher Aktmalerei, mit dem er, vielleicht den Widerspruch mehr fürchtend als das im Tirol der Zwischenkriegszeit zweifellos vorhandene thematische Tabu, nicht in die Öffentlichkeit geht. (In der jetzigen Ausstellung ist es zu sehen.)

Derselbe Walde, der der Sehnsucht nach heiler Welt und geschönter Vergangenheit malerisch so großartiges Futter gibt, ist aber ein mondäner, gesellschaftlich gewandter Mann, und nicht nur dies. Er betätigt sich auch als erstaunlich moderner Architekt und bescheinigt als Sachverständiger für den Kitzbüheler Heimatschutz dem radikalsten modernen Tiroler Architekten des zwanzigsten Jahrhunderts, Lois Welzenbacher, dessen Haus Plahl bedeute "keinen Fremdkörper in der Tirolerischen Landschaft".

Der große Nostalgiker Alfons Walde war eben wirklich alles andere als ein Heimatkünstler, seine Ausstrahlkung reichte in den dreißiger Jahren bis in die USA und er wurde auch fleißig gefälscht. Die bisher größte Ausstellung mit über 160 Gemälden, Aquarellen und Pastellen ist ein erstrangiges Kunstereignis. Das Katalogbuch beantwortet viele biographische Fragen über den nicht nur dem konservativen Tirol, sondern mehr noch dem NS-Regime suspekten Künstler, der seinen explosiven Erfolg nicht mehr erlebte.

Alfons Walde 1891-1958 Von Gert Ammann mit Beiträgen von Wido Sieberer und Günther Moschig, Tyrolia Verlag, Innsbruck 2001, 312 Seiten, viele Farbtafeln undAbbildungen, öS 348,-/e 25,29