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"Strafendes Gottesbild passt nicht gut zur Achtsamkeit“

Über Zen-Meditation ist der Grazer Helmut Renger zur Achtsamkeit gekommen. Heute hält er Seminare über "Mindfulness-Based Stress Reduction“ (MBSR) und wendet die "Mindfulness-Based Cognitive Therapy“ (MBCT) psychotherapeutisch an. Religiosität ist fürs Achtsamkeitstraining zwar keine Voraussetzung, ein positives Gottesbild kann aber hilfreich sein.

DIE FURCHE: Herr Doktor Renger, Sie wenden achtsamkeitsbasierte Therapien in der Behandlung psychisch Erkrankter an. Ist Religiosität dafür Voraussetzung?

Helmut Renger: Nein. Die Mindfulness-Based Cognitive Therapy ist absolut säkular entwickelt worden - in den 1980er-Jahren an einer amerikanischen Uniklinik, wo Meditation den Hauch von "Hare Krishna“ hatte. Ich unterrichte Achtsamkeit im medizinisch-psychologischen Bereich. Für mich selbst praktiziere ich das als spirituellen Weg. Aber auch als Arzt habe ich mit achtsamkeitsbasierten Psychotherapien gute Erfahrungen - etwa in der Verhaltenstherapie. Die dort psychotherapeutisch wirksamste Intervention ist die Phobie-Technik. Gemäß MBCT sollte der Patient die Angstvermeidung nicht sein lassen - im Gegenteil: Er soll sich der Angst öffnen, also achtsam sein, weil sie dann schneller verschwindet. Im Vergleich dazu geschieht in der kognitiven Verhaltenstherapie zwar auch ein Sich-der-Angst-Öffnen, aber gleichzeitig werden negative Gedanken einfach weggeschoben. Mit ihnen geht man nicht achtsam um. In der Meditation rate ich meinen Patienten, die Angst einfach nur eine Minute anzunehmen, zu spüren, wie es wäre, wenn sie ist. Meistens wird die Angst dann nicht mehr. Um diese Idee zu installieren, reicht oft eine Sitzung. Der MBCT-Mediziner Steve Haase sagt, man soll sich auch den negativen Gedanken öffnen. Jeden Augenblick als Geschenk Gottes betrachten, ihn sich zugestehen, sich ihm öffnen, zulassen. Das ist der spirituelle Charakter der Achtsamkeit. Steve Levine hat im Buch "Sein lassen“ geschrieben: Es geht darum, das eigene Herz sich selbst und anderen zu öffnen. Sich selbst und andere annehmen, sich selbst und anderen vergeben zu können, auch Krankheiten. Das geht in Richtung "Dein Wille geschehe“.

DIE FURCHE: Also doch ein Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und Religion?

Renger: Achtsamkeit ist unabhängig von Religion einfach gesund. Die Frage ist, wie weit man gehen möchte. Wenn ich sie als gesundheitsfördernde Maßnahme anwende, etwa in der Klinik gegen Depressionen oder Angstzustände oder auch im Umgang mit psychosomatischen Beschwerden, brauche ich nicht religiös zu sein. Wirksamer ist Achtsamkeit meiner Meinung nach aber schon vor einem religiösen Hintergrund. Welches Religionsverständnis dahinter steht - buddhistisch, christlich oder sonstig - spielt aber keine Rolle. Ich frage auch nach, ob jemand gläubig ist, weil das unterstützend sein kann. Wenn jemand etwa ein sehr strafendes Gottesbild hat, passt das nicht gut zur Achtsamkeit, sondern eher in den Bereich der Psychotherapie. Ein allbarmherziges Gottesbild kann unterstützend wirken.

DIE FURCHE: Können Religionen mit ihrer oft von Unachtsamkeit geprägten Dogmengeschichte nicht auch hinderlich sein?

Renger: In einem Vortrag eines islamischen Theologen habe ich gehört, dass das Gottesbild in zwei Aspekten gesehen werden kann: als allmächtiger Gott und als allbarmherziger Gott. Je nach Tradition steht entweder das eine oder das andere Gottesbild im Vordergrund. In allen mystischen Traditionen etwa wird die Allbarmherzigkeit betont. Und damit kann auch Achtsamkeit gut. Die meisten Leute, die Achtsamkeit auf dem Gesundheitslevel üben, interessiert die spirituelle Komponente nicht. Je mehr man aber Achtsamkeit übt, desto eher erkennt man spirituelle Parallelen. Achtsamkeit ist ein Sich-Anvertrauen des Augenblicks, nichts anderes als das Sich-dem-Schöpfer-Anvertrauen. Für Angehörige von monotheistischen Religionen wird das in der Ich-Du-Beziehung zwischen Mensch und Gott spürbar.

DIE FURCHE: Muss, wer im MBSR-Bereich arbeitet, religiös sein?

Renger: Nein. Wer mit MBSR arbeitet, kann aber umgekehrt Meditationsanleitungen nicht einfach nur herunterlesen. Im Rahmen der Ausbildung muss man deshalb auch Meditationspraxis aufweisen und täglich mindestens eine dreiviertel Stunde meditieren.

DIE FURCHE: Was sagt die Psychotherapie zu Meditation?

Renger: Sigmund Freud hat hierzu vom ozeanischen Gefühl geredet. Meditation stand für ihn im Zusammenhang mit der Sehnsucht des Menschen nach der Geborgenheit in der Gebärmutter. Ein Neugeborenes wird absolut geliebt; niemand schimpft ein Kind bis zum Alter von einem halben Jahr. Alles, was ein Kind macht, ist toll - egal, ob es rülpst oder sonst etwas. Später ändert sich das, und der Mensch hat Sehnsucht nach dem ursprünglichen Gefühl.

DIE FURCHE: Wann ist die achtsamkeitsbasierte Therapie allein nicht mehr ausreichend?

Renger: Jemand mit einer schweren Depression kann, weil er innerlich so unruhig ist, nicht meditieren. Und auch bei der Schmerztherapie muss man sich anschauen, ob MBSR sinnvoll ist. Bei chronischen Schmerzen kann Meditation gut helfen. Wenn aber jemand Akuthilfe benötigt, verabreiche auch ich Schmerzmittel. Ich sage oft: "Man muss schon viel meditieren für die Wirkung von 50 Voltaren.“

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