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Ruhig Blut!

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Meditation Yoga - © Florian Zwickl

Harald E. Tichy über Meditation: „Achtung vor dem Abgleiten!“

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Achtsamkeitspraktiken können verborgenes Trauma wachrütteln: Psychotherapeut Harald E. Tichy über die bislang wenig beachteten Risiken von Yoga und Meditation.

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Achtsamkeitspraktiken können verborgenes Trauma wachrütteln: Psychotherapeut Harald E. Tichy über die bislang wenig beachteten Risiken von Yoga und Meditation.

Die schmerzhaften Spuren traumatischer Erfahrungen werden aus dem bewussten Erleben meist verdrängt, aber sie liegen verborgen in Körper und Geist. Wer Yoga und Meditation praktiziert, begibt sich in einen Öffnungsprozess, in dem diese schmerzhaften Eindrücke ans Tageslicht treten können. Nicht nur das Verständnis von Trauma, also den Folgen seelischer Verletzungen, hat sich in letzter Zeit stark erweitert. Auch die potenziell problematischen Wirkungen von Yoga und Meditation sind in das Interesse der Forschung geraten. „Fast jeder Mensch ist irgendwann einmal mit einem traumatischen Ereignis konfrontiert“, heißt es im Buch „Traumasensitive Achtsamkeit“ von David Treleaven (Arbor, 2019): „Das bedeutet, dass es überall dort, wo Achtsamkeit praktiziert wird, jemanden geben wird, der oder die mit Trauma zu kämpfen hat.“ Die FURCHE hat den Wiener Psychotherapeuten und Yoga-Lehrer Harald E. Tichy dazu befragt.

DIE FURCHE: Sie praktizieren seit Jahrzehnten Yoga und Meditation. Wie ist Ihnen bewusst geworden, dass diese Praxis auch an tief verschüttete seelische Wunden rühren kann?
Harald E. Tichy: Ein zentraler Teil meines Lernweges war und ist das Üben von Meditation in Retreats. Im Kontext des frühen Buddhismus sind das – meist mehrtägige – Zeiten der Einkehr in Stille, wo man sich von früh bis spät, Tag für Tag, schweigend darin übt, der gegenwärtigen Erfahrung achtsam zu begegnen. In diesem Setting erlebte ich in meiner Praxis von Beginn an Phasen, in denen mein Bewusstsein von schwierigen Gefühlen überflutet wurde und ich mich als ziemlich hilflos erlebte. Es gab allerdings auch von Anfang an Phasen, in denen ich eine große Bewusstseinsklarheit erlebte, weil es auch die Seite in mir gibt, dass ich unter günstigen Rahmenbedingungen relativ leicht in eine gute geistige Sammlung gelange. Es war ein komplexer Lernprozess, mit meinen schwierigen Emotionen auf eine heilsame Weise umzugehen und diese Stärke zu nutzen. Lange war es für mich schwer verständlich, wa­rum meine Meditationen manchmal so tief und friedlich waren und ich mich dann doch immer wieder als dermaßen fragil und ohnmächtig erlebte. Das begann sich erst zu ändern, als ich selbst psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nahm.

DIE FURCHE: Das klingt so, als ob Sie es aus eigener Erfahrung gut kennen würden, dass Yoga bzw. Meditation psychisch auch gefährlich werden kann?
Tichy: Ja, ich kenne das bestens aus eigener Erfahrung und mittlerweile natürlich auch aus meiner eigenen Lehrtätigkeit. Es sind auch gar nicht so wenige, die mich als Psychotherapeut aufsuchen, weil sie in ­Meditationsretreats in eine erneute Traumatisierung gerieten, die sie allein nicht auflösen können.

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