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Vom Leiden an der Nachtseite des Menschen

Die nihilistische, blutüberströmte, aus den Fugen geratene Welt von Macbeth ist nicht unbedingt das, was man sich unter Sommertheater gemeinhin vorstellt. Und trotzdem passt es da auf den ersten Blick gut hin, das dunkle schottische Stück, das Shakespeare (vermutlich) 1605/06 geschrieben hat. Vor der Kulisse der Burg zu Perchtoldsdorf fügen sich Schauplatz und Handlung von Macbeth zu einer beinahe unheimlichen Einheit.

Abfall von der eigenen, besseren Natur

Im Hof vor der Burgruine, die ein mythisches Reich im Norden evoziert, weissagen und geifern die Hexen, hetzen zum Morden auf. Zwischen den mächtigen Mauern wird Duncan, der König von Schottland ermordet, was den unentrinnbaren Mechanismus des Tötens in Gang setzt. Der Burgschauspieler Dietmar König spielt Macbeth, der jene Schwelle überschreitet, die ihn immer tiefer in die Nacht treibt, weil er "alles wagt, was dem Menschen ziemt“. Sogar Mord. Das ist und war der Skandal des Stückes, dass es nach dem Menschlichen fragt und das Verbrechen, das Morden als eine menschliche Sache hinstellt.

Hier setzt die Interpretation von Regisseur Hakon Hirzenberger an. Bei ihm mordet Macbeth nicht aus Ambition, der Königsmord ist kein Verbrechen aus politischem oder dynastischem Ehrgeiz, keines aus alleiniger Machtgier.

Auch der Eros seiner kinderlos gebliebenen, machtbewussten, zielstrebigen Lady (Alexandra Henkel), der er seine Männlichkeit beweisen muss, ist nicht der Grund dafür. König spielt Macbeth zunächst als einen anständigen Kerl, der erst durch die Weissagung der Hexen von seiner eigenen, besseren Natur abfällt und zum mehrfachen Mörder wird. Erst durch sie gibt er Kräften nach, die nicht er sind, die aber sein Wollen bestimmen. Hier aber gereicht die beeindruckende Kulisse der Burg dem Stück etwas zum Nachteil. Solange die Handlungen äußerlich sind - die Hexenszenen, die Kampfszenen, das Gelage im Schloss mit der Geistererscheinung des ermordeten Banquo und andere mehr -ist die Burg nicht bloß Kulisse, sondern Protagonist der Handlung. Wo aber die Handlung eher zum Kammerspiel einer inferioren Ehe oder gar ganz internalisiert wird, das heißt, dort wo das Stück die psychologische Tragödie des Haupthelden ist, stockt es.

Trotzdem gelingt es Dietmar König, Macbeth’ Angst bei der Erinnerung an den Mord, der den nächsten notwendig macht, zu vermitteln. Er lässt die Hoffnung, den Circulus vitiosus zu durchschlagen erkennen. Erschauern müssen wir an Macbeth Leiden am Riss in der menschlichen Natur, an seinem aussichtslosen Kampf mit der Nachtseite seines Wesens. Für ein Sommertheater ist das starker Tobak.

Weitere Termine

12 - 15. Juli, 19. - 22. und 26. - 28. Juli

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