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Feuilleton

Tanz den William Shakespeare

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Gangsterballade in Reimen: Shakespeares "Macbeth" auf der Perner-Insel als Quentin Tarantino-Film.

Wo könnte William Shakespeares blutrünstiges Drama "Macbeth" heute spielen? Im Milosevic-Serbien oder am Nepalesischen Königshof vielleicht - oder innerhalb eines Clans von Kriminellen. Diesen Zugang hat Regisseur Calixto Bieito bei den Salzburger Festspielen für das grausame Schauspiel um Mord und Machtgier, um Tyrannei und Terror gewählt. Auf der Perner-Insel in Hallein, wo schon in den letzten Jahren radikale Shakespeare-Neuinterpretationen über die Bühne gegangen sind, ist der schottische Hochadel des 14. Jahrhunderts zu einer coolen Gangsterbande geworden, die auf italienische Schlager abfährt: die Jungs im lässig-grellen Outfit, die Tussis hart an der Grenze zum Nuttigen. "Macbeth" als Quentin Tarantino-Film.

Lady Macbeth (Anne Tismer) ist ein Flittchen im so knappen Mini, dass sie kaum noch gehen kann, erstmals hat sie auch einen Namen (Monika), ihr Mann (Andreas Grothgar) trägt eine modische Glatze, ist schwer tätowiert und vertreibt sich die Freizeit mit Fitness. Die Geschmacklosigkeit der Emporkömmlinge äußert sich in Panoramatapeten, weißen Lackledersofas oder einer grässlichen Hundeporzellanfigur, gebechert - und das tun sie unentwegt - wird Bier und teurer Whisky, mit dem Neureiche Luxus zu zelebrieren pflegen. Auf die Banalität des Bösen verweisen auch die allgegenwärtigen Kinder, die nur hinausgeschickt werden, wenn die Gewalt eskaliert - jene Kinder Macduffs (Max Hopp), die schließlich brutal ermordet werden: eines erwürgt, zwei im Plantschbecken ertränkt, eines mit einer Cola-Flasche erschlagen, ihre Mutter (Katharina Schubert) mit dem Kabel eines Bügeleisens erdrosselt.

"Schlag den Shakespeare auch noch tot", raunzte bei der zweiten Vorstellung ein Zuschauer in die Totenstille, die jener Szene folgte - eine Szene, die für viel Irritation im Publikum sorgte, wie man nach der Vorstellung erlauschen konnte. Der gute Mann irrte: Hier ist der Salzburger "Macbeth" nah dran an Shakespeare, der zumindest einen Sohn Macduffs auf offener Bühne hinmetzeln lässt.

Anderswo hat sich Bieito jedoch weit von der Vorlage entfernt - zu weit. Die Sprache Shakespeares und auch der Inhalt des Gesprochenen schlagen sich mit der Realistik in der Darstellung des Gangstermilieus. Striche und eine Reduktion der Figuren sind bei einem Monsterdrama wie "Macbeth" gang und gäbe. So fungiert etwa der Edle Rosse (Robert Dölle) auch als Mörder von Macduffs Kindern und von Banquo (Michael Neuenschwander). Jeanette Spassova, die als (Theatergängern bisher unbekannte) Schwester Rosses eingeführt wird, vereint gleich die drei Hexen, den Offizier Seyton (so heißt die Rolle dann auch), Kammerfrau, Arzt und Boten in sich. An die Substanz des Stückes geht es, wenn Figuren und Szenen gestrichen werden, die konstitutiv für den "Macbeth" sind: Es gibt keine Hexen, folglich auch nicht Macbeths Vision von den acht künftigen Königen, Banquos Geist erscheint nicht beim Festmahl (das eine Grillparty ist) und auch von Birnams Wald ist nichts zu sehen, dabei hätten sich die umherstehenden Zierpalmen geradezu angeboten. Das ist ungefähr so, wie wenn in "Hamlet" Sein oder nicht sein oder im "Troubadour" die Stretta gestrichen würden.

Macbeth lebt!

Auch das Ende ist stark modifiziert: Macbeth darf weiterleben (Wir wollen dich als seltnes Ungeheuer/Im Bild auf Stangen führen, mit der Schrift:/ Hier zeigt man den Tyrannen heißt's bei Shakespeare). Zum Dank erschießt er Malcolm (Matthias Bundschuh) während dessen Schlussworten und stimmt einen musikalischen Epilog an, in den alle Lebendigen und Toten einsetzen, auch der schon zu Beginn gemeuchelte König Duncan (Roland Renner): Die Bob Dylan-Nummer "Death is not the end". Dass nach dem Tod noch etwas kommt, mag für viele ein Trost sein - für Macbeth und seine Kumpane ist es eine schwere Drohung.

Gangsterballade in Reimen: Shakespeares "Macbeth" auf der Perner-Insel als Quentin Tarantino-Film.

Wo könnte William Shakespeares blutrünstiges Drama "Macbeth" heute spielen? Im Milosevic-Serbien oder am Nepalesischen Königshof vielleicht - oder innerhalb eines Clans von Kriminellen. Diesen Zugang hat Regisseur Calixto Bieito bei den Salzburger Festspielen für das grausame Schauspiel um Mord und Machtgier, um Tyrannei und Terror gewählt. Auf der Perner-Insel in Hallein, wo schon in den letzten Jahren radikale Shakespeare-Neuinterpretationen über die Bühne gegangen sind, ist der schottische Hochadel des 14. Jahrhunderts zu einer coolen Gangsterbande geworden, die auf italienische Schlager abfährt: die Jungs im lässig-grellen Outfit, die Tussis hart an der Grenze zum Nuttigen. "Macbeth" als Quentin Tarantino-Film.

Lady Macbeth (Anne Tismer) ist ein Flittchen im so knappen Mini, dass sie kaum noch gehen kann, erstmals hat sie auch einen Namen (Monika), ihr Mann (Andreas Grothgar) trägt eine modische Glatze, ist schwer tätowiert und vertreibt sich die Freizeit mit Fitness. Die Geschmacklosigkeit der Emporkömmlinge äußert sich in Panoramatapeten, weißen Lackledersofas oder einer grässlichen Hundeporzellanfigur, gebechert - und das tun sie unentwegt - wird Bier und teurer Whisky, mit dem Neureiche Luxus zu zelebrieren pflegen. Auf die Banalität des Bösen verweisen auch die allgegenwärtigen Kinder, die nur hinausgeschickt werden, wenn die Gewalt eskaliert - jene Kinder Macduffs (Max Hopp), die schließlich brutal ermordet werden: eines erwürgt, zwei im Plantschbecken ertränkt, eines mit einer Cola-Flasche erschlagen, ihre Mutter (Katharina Schubert) mit dem Kabel eines Bügeleisens erdrosselt.

"Schlag den Shakespeare auch noch tot", raunzte bei der zweiten Vorstellung ein Zuschauer in die Totenstille, die jener Szene folgte - eine Szene, die für viel Irritation im Publikum sorgte, wie man nach der Vorstellung erlauschen konnte. Der gute Mann irrte: Hier ist der Salzburger "Macbeth" nah dran an Shakespeare, der zumindest einen Sohn Macduffs auf offener Bühne hinmetzeln lässt.

Anderswo hat sich Bieito jedoch weit von der Vorlage entfernt - zu weit. Die Sprache Shakespeares und auch der Inhalt des Gesprochenen schlagen sich mit der Realistik in der Darstellung des Gangstermilieus. Striche und eine Reduktion der Figuren sind bei einem Monsterdrama wie "Macbeth" gang und gäbe. So fungiert etwa der Edle Rosse (Robert Dölle) auch als Mörder von Macduffs Kindern und von Banquo (Michael Neuenschwander). Jeanette Spassova, die als (Theatergängern bisher unbekannte) Schwester Rosses eingeführt wird, vereint gleich die drei Hexen, den Offizier Seyton (so heißt die Rolle dann auch), Kammerfrau, Arzt und Boten in sich. An die Substanz des Stückes geht es, wenn Figuren und Szenen gestrichen werden, die konstitutiv für den "Macbeth" sind: Es gibt keine Hexen, folglich auch nicht Macbeths Vision von den acht künftigen Königen, Banquos Geist erscheint nicht beim Festmahl (das eine Grillparty ist) und auch von Birnams Wald ist nichts zu sehen, dabei hätten sich die umherstehenden Zierpalmen geradezu angeboten. Das ist ungefähr so, wie wenn in "Hamlet" Sein oder nicht sein oder im "Troubadour" die Stretta gestrichen würden.

Macbeth lebt!

Auch das Ende ist stark modifiziert: Macbeth darf weiterleben (Wir wollen dich als seltnes Ungeheuer/Im Bild auf Stangen führen, mit der Schrift:/ Hier zeigt man den Tyrannen heißt's bei Shakespeare). Zum Dank erschießt er Malcolm (Matthias Bundschuh) während dessen Schlussworten und stimmt einen musikalischen Epilog an, in den alle Lebendigen und Toten einsetzen, auch der schon zu Beginn gemeuchelte König Duncan (Roland Renner): Die Bob Dylan-Nummer "Death is not the end". Dass nach dem Tod noch etwas kommt, mag für viele ein Trost sein - für Macbeth und seine Kumpane ist es eine schwere Drohung.