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Literatur

Gegenaufklärung in der Literatur?

1945 1960 1980 2000 2020

"die GeGenauFKlÄrunG Zieht sanFt und charmant durchs land" stellte antOn thuswaldner in seinem essaY Fest und nannte als Beispiel Kehlmann. - eine antwOrt.

1945 1960 1980 2000 2020

"die GeGenauFKlÄrunG Zieht sanFt und charmant durchs land" stellte antOn thuswaldner in seinem essaY Fest und nannte als Beispiel Kehlmann. - eine antwOrt.

Ich habe deinen Essay im letzten BOOKLET (5.11.09) dreimal, d. h. sehr genau gelesen und muss dir widersprechen. Man kann die Bücher von Daniel Kehlmann mögen oder auch nicht. Ich mag sie, du magst sie nicht besonders -na gut, muss ja nicht sein. Für beide Positionen lassen sich Gründe finden. Wir wissen beide, dass die Literaturkritik ein etwas unseriöses Unterfangen ist, weil wir uns nicht einmal über die Kriterien einig sind, nach denen wir urteilen. Umso weniger verstehe ich, dass du gegen Daniel Kehlmann mit gar so harter Pranke vorgehst.

Den Kern deiner Kritik bildet der Vorwurf, Kehlmann beteilige sich nachhaltig an der Verbreitung der Gegenaufklärung im Literaturbetrieb. Gegenaufklärung - ein großes Wort, ein weites Feld, vielleicht ein allzu weites! Die Aufklärung ist ein so facettenreiches und in sich widersprüchliches Phänomen, dass die Frage, wer ihr zuzuordnen sei und wer nicht, nur selten mit absoluter Sicherheit zu beantworten ist. Bei Lessing werden wir uns schnell einig sein, aber wie steht es mit Goethe? Ist manches vom Romantiker E.T.A. Hoffmann Geschriebene nicht aufklärerischer als das zwanghafte Vernünfteln des Aufklärers Gottsched? Wie halten wir's mit Franz Grillparzer? Ein habsburgtreuer Gegenaufklärer? Gewiss, im Vergleich mit Heine schon. Aber gar nicht so selten präsentiert er sich auch in der Tradition des Josefinismus.

Vollends schwierig wird die Sache, wenn die aufgeklärte Vernunft an die eigenen Grenzen stößt und gegen sich selbst vorgehen muss, um sich treu zu bleiben. Ein großer Teil der Tradition des Absurden kann unter diesem Aspekt gesichtet werden. Und wie halten wir's nun mit der Gegenwartsliteratur? Lieber Anton, ich hoffe, ich missverstehe dich nicht: Verdächtigst du jeden Text der Gegenaufklärung, in dem du einen "Erzähler von echtem Schrot und Korn" findest? Was ist das für eine Art Erzähler, ein auktorialer? Und wenn ja, warum ist diese Erzählform grundsätzlich gegenaufklärerisch? Sogar Johannes Mario Simmel wurde -trotz aller Kritik an den stereotypen Mustern seiner Unterhaltungsromane -zugestanden, dass er diese Muster benützt, um gesellschaftskritische Inhalte zu transportieren. Das unterscheidet ihn erkennbar von Konsalik &Co.

Sehr subjektive Lesart?

Ich gewinne aus deinem Essay auch den Eindruck, dass du eine sehr subjektive Lesart von Kehlmann-Texten zur Grundlage einer generalisierenden Kritik machst. Die Art und Weise, wie Kehlmann Gauß und Humboldt darstellt, rezipierst du als grundsätzliche Diffamierung der beiden Aufklärer. So habe ich "Die Vermessung der Welt" nicht gelesen. Kehlmann macht Humboldt und Gauß nicht prinzipiell zu lächerlichen Figuren; er zeigt zwar diese außergewöhnlichen Männer in ihrer menschlichen Banalität und Fehlerhaftigkeit, aber auch mit ihren überragenden Fähigkeiten. Man könnte daher Kehlmanns Gauß-Humboldt-Darstellung auch als "aufklärerisch" rezipieren, nämlich als kritische Reflexion intellektueller Heldenmythen.

Problematisch erscheint es mir auch, Texte von Andrea Winkler, Thomas Stangl und Norbert Gstrein gegen Kehlmanns Literatur auszuspielen, als handle es sich hier um ein Entweder-Oder. Hier Aufklärung -dort Gegenaufklärung. Gstreins Roman "Die englischen Jahre", in dem er den allzu sorglosen Umgang mit historischer Wahrheit problematisiert, würde ich, so wie du, als aufklärerisch im Sinne methodischen Zweifelns bezeichnen. Bei Andrea Winkler erscheint mir dies nicht angemessen, was allerdings der Qualität ihres Buchs "Hanna und ich" keinen Abbruch tut. Überhaupt halte ich es für problematisch, die Kategorien Aufklärung - Gegenaufklärung mit formalästhetischen Kategorien zur Deckung zu bringen. Dass formale Avantgarde nicht grundsätzlich aufklärerisch sein muss, beweist der Fall Marinetti. Und sollen wir umgekehrt Lion Feuchtwanger der Gegenaufklärung zuordnen, weil sein Erzählverfahren aus jenem (formal eher schlichten) Realismus kommt, den du als Prinzip Gemütlichkeit aburteilst?

Abschließend noch eine Bemerkung zum Thema "Regietheater". Daniel Kehlmann hat seine ablehnende Position zu undifferenziert formuliert, aber ich kann seiner Kritik am "Regietheater" dort folgen, wo er die völlige Beliebigkeit im Umgang mit dem dramatischen Text verurteilt. In diesem Fall handelt es sich nämlich um den Einspruch kritischer Vernunft gegen postmodernes Idiotentum. Und so betrachtet hätte sogar Kehlmanns umstrittene Rede etwas mehr mit Aufklärung zu tun als mit deren Gegenteil.

Christian Schacherreiter ist Literaturkritiker für die OÖN.

Verdächtigst du jeden Text der Gegenaufklärung, in dem du einen ,Erzähler von echtem Schrot und Korn' findest?

Ich habe deinen Essay im letzten BOOKLET (5.11.09) dreimal, d. h. sehr genau gelesen und muss dir widersprechen. Man kann die Bücher von Daniel Kehlmann mögen oder auch nicht. Ich mag sie, du magst sie nicht besonders -na gut, muss ja nicht sein. Für beide Positionen lassen sich Gründe finden. Wir wissen beide, dass die Literaturkritik ein etwas unseriöses Unterfangen ist, weil wir uns nicht einmal über die Kriterien einig sind, nach denen wir urteilen. Umso weniger verstehe ich, dass du gegen Daniel Kehlmann mit gar so harter Pranke vorgehst.

Den Kern deiner Kritik bildet der Vorwurf, Kehlmann beteilige sich nachhaltig an der Verbreitung der Gegenaufklärung im Literaturbetrieb. Gegenaufklärung - ein großes Wort, ein weites Feld, vielleicht ein allzu weites! Die Aufklärung ist ein so facettenreiches und in sich widersprüchliches Phänomen, dass die Frage, wer ihr zuzuordnen sei und wer nicht, nur selten mit absoluter Sicherheit zu beantworten ist. Bei Lessing werden wir uns schnell einig sein, aber wie steht es mit Goethe? Ist manches vom Romantiker E.T.A. Hoffmann Geschriebene nicht aufklärerischer als das zwanghafte Vernünfteln des Aufklärers Gottsched? Wie halten wir's mit Franz Grillparzer? Ein habsburgtreuer Gegenaufklärer? Gewiss, im Vergleich mit Heine schon. Aber gar nicht so selten präsentiert er sich auch in der Tradition des Josefinismus.

Vollends schwierig wird die Sache, wenn die aufgeklärte Vernunft an die eigenen Grenzen stößt und gegen sich selbst vorgehen muss, um sich treu zu bleiben. Ein großer Teil der Tradition des Absurden kann unter diesem Aspekt gesichtet werden. Und wie halten wir's nun mit der Gegenwartsliteratur? Lieber Anton, ich hoffe, ich missverstehe dich nicht: Verdächtigst du jeden Text der Gegenaufklärung, in dem du einen "Erzähler von echtem Schrot und Korn" findest? Was ist das für eine Art Erzähler, ein auktorialer? Und wenn ja, warum ist diese Erzählform grundsätzlich gegenaufklärerisch? Sogar Johannes Mario Simmel wurde -trotz aller Kritik an den stereotypen Mustern seiner Unterhaltungsromane -zugestanden, dass er diese Muster benützt, um gesellschaftskritische Inhalte zu transportieren. Das unterscheidet ihn erkennbar von Konsalik &Co.

Sehr subjektive Lesart?

Ich gewinne aus deinem Essay auch den Eindruck, dass du eine sehr subjektive Lesart von Kehlmann-Texten zur Grundlage einer generalisierenden Kritik machst. Die Art und Weise, wie Kehlmann Gauß und Humboldt darstellt, rezipierst du als grundsätzliche Diffamierung der beiden Aufklärer. So habe ich "Die Vermessung der Welt" nicht gelesen. Kehlmann macht Humboldt und Gauß nicht prinzipiell zu lächerlichen Figuren; er zeigt zwar diese außergewöhnlichen Männer in ihrer menschlichen Banalität und Fehlerhaftigkeit, aber auch mit ihren überragenden Fähigkeiten. Man könnte daher Kehlmanns Gauß-Humboldt-Darstellung auch als "aufklärerisch" rezipieren, nämlich als kritische Reflexion intellektueller Heldenmythen.

Problematisch erscheint es mir auch, Texte von Andrea Winkler, Thomas Stangl und Norbert Gstrein gegen Kehlmanns Literatur auszuspielen, als handle es sich hier um ein Entweder-Oder. Hier Aufklärung -dort Gegenaufklärung. Gstreins Roman "Die englischen Jahre", in dem er den allzu sorglosen Umgang mit historischer Wahrheit problematisiert, würde ich, so wie du, als aufklärerisch im Sinne methodischen Zweifelns bezeichnen. Bei Andrea Winkler erscheint mir dies nicht angemessen, was allerdings der Qualität ihres Buchs "Hanna und ich" keinen Abbruch tut. Überhaupt halte ich es für problematisch, die Kategorien Aufklärung - Gegenaufklärung mit formalästhetischen Kategorien zur Deckung zu bringen. Dass formale Avantgarde nicht grundsätzlich aufklärerisch sein muss, beweist der Fall Marinetti. Und sollen wir umgekehrt Lion Feuchtwanger der Gegenaufklärung zuordnen, weil sein Erzählverfahren aus jenem (formal eher schlichten) Realismus kommt, den du als Prinzip Gemütlichkeit aburteilst?

Abschließend noch eine Bemerkung zum Thema "Regietheater". Daniel Kehlmann hat seine ablehnende Position zu undifferenziert formuliert, aber ich kann seiner Kritik am "Regietheater" dort folgen, wo er die völlige Beliebigkeit im Umgang mit dem dramatischen Text verurteilt. In diesem Fall handelt es sich nämlich um den Einspruch kritischer Vernunft gegen postmodernes Idiotentum. Und so betrachtet hätte sogar Kehlmanns umstrittene Rede etwas mehr mit Aufklärung zu tun als mit deren Gegenteil.

Christian Schacherreiter ist Literaturkritiker für die OÖN.

Verdächtigst du jeden Text der Gegenaufklärung, in dem du einen ,Erzähler von echtem Schrot und Korn' findest?